Annerose virtuell

Dies ist die Geschichte von Annerose, die glaubte, DAWN zu sein.

5.6.2004

DAWN zögerte einen Moment, bevor sie die Frage des Moderators beantwortete: „Es geht mir wirklich gut ! Eine ganze Woche war ich krank, aber jetzt fühle ich mich super“. Annerose betrachtete wie immer stolz ihr Werk auf dem Bewegungsmonitor direkt vor ihr. Sie steuerte DAWN jetzt schon seit mehr als einem Jahr und es gelang ihr immer besser, das Zögern DAWNs und deren leichtes, verlegenes Hochziehen beider Schultern soo perfekt zu inszenieren. Gleichzeitig neigte sie den Kopf ein wenig zur Seite und lächelte, während sie sprach.

Es war beeindruckend, DAWN live zu erleben. Annerose war jedes Mal erfüllt von einem tiefen Gefühl des Glücks. Sie liebte die zarte DAWN, ihr Lächeln, ihre anmutigen Bewegungen, die sie erzeugte – zusammen mit Heather. Mit Heather und Sphynx (und Albert) zog sie von einem Ort zum nächsten. Albert unterhielt sich mit DAWN, Sphynx sprach für DAWN, und Annerose und Heather steuerten DAWNs Bewegungen bis in die Fingerspitzen. Sie waren ein gutes Team und sie konnten jedes Publikum begeistern und zugleich zum Staunen bringen...

Die Kälte in dem in bläuliches Licht getauchten, fast leeren Raum war der erste beängstigende Eindruck, der von Heather Besitz ergriff, als sie im Gefolge von Dr. Panda eintrat. Die beiden Schwestern gingen um das Bett herum, Dr. Panda blieb am Fußende stehen, und Heather näherte sich vorsichtig Annerose, die auf der Seite lag, den rechten Arm über das Ohr gelegt und nach hinten abgewinkelt, die Augen geschlossen. Sie war soo blaß. Heather zwang sich, näher an das Bett zu treten, denn Annerose war eine gute Freundin, und es lähmte ihr Herz, sie so leblos (wie tot) liegen zu sehen. Sie beugte sich zu ihr und sprach sie leise mit ihrem Namen an. Es gab keine Reaktion, doch Dr. Panda sagte  „sie reagiert nur noch auf DAWN“, worauf Heather den vertrauten Namen aussprach. Annerose bewegte sich nach einigen Momenten, doch es schien, als ob sie nur die Quelle des Signals orten wolle, indem sie den Kopf etwas zu Heather hinwendete. Ihre Augen blieben verschlossen, auch als Heather sie mehrmals behutsam ansprach und liebevoll über die bleichen Wangen strich. Erst da erfasste sie den transparenten Schlauch, der aus ihrer Nase zu einem Modul am kopfseitigen Geländer des Bettes führte. Dr. Panda, der sie genau beobachtete, sagte zu Heather „wir müssen sie künstlich ernähren, es tut mir leid, sie muss Nahrung aufnehmen, sonst stirbt sie. Sie kann es selbst nicht mehr“. „Warum nicht ?“ flüsterte Heather. In völligem Unverständnis dieser absurden Situation starrte sie den Arzt an. „Wir wissen es nicht genau. Vor einer Woche verschlechterte sich ihr Zustand sehr schnell und sie nahm nicht mehr wahr, was um sie geschah. Und sie ist seither nicht mehr ansprechbar“. Heather stand jetzt neben dem Arzt. „Ach ja,“ sagte er, „sie bewegt immer wieder ihre Arme und Hände auf eine merkwürdige Art, als ob sie etwas erklären oder darstellen will“. Heather spürte die Kälte in ihr Gehirn eindringen, als sie lautlos schrie <du bist nicht DAWN, Annerose, NEIN, NEIN !>

Diesmal bildete die SIGGRAPH in Montreal die Arena für das DAWN-Team. Sie hatten einen großen Messestand für sich und die mehr als 30 Monitore und Bildschirme, die auf und neben der Bühne sowie in ihrem Arbeitsraum aufgestellt waren. Wie bei jeder dieser Messeshows hatten Heather, die links saß, und Annerose ihren eigenen Monitor zur Beobachtung von DAWN, wobei in der rechten unteren Ecke des Monitors die Bühnenszene klein eingeblendet war, um ihnen die Bewegungen und Aktionen des Moderators zu zeigen.

Auch diesmal kamen die erwarteten Fragen von den Zuschauern, wie zum Beispiel „DAWN - wie alt bist du ?“ oder „Kannst du mich sehen ?“ (<Ja klar, du bist doch der …> (so Sphynx für DAWN mit Blick auf ihren audience monitor) oder „Kannst du auch fliegen ?“ <Ja klar> (eigentlich offensichtlich angesichts DAWNs Flügel) – „Jetzt gleich ?“ <Neeiin, ich möchte mich lieber mit dir unterhalten> oder „Hast du einen Freund ?“ (die Frage eines schüchtern wirkenden Jungen mit Rucksack) oder „Hey DAWN, wie is’n das mit Sex bei dir“ <ooooh, da fragst du mich was - was sagt denn deine Freundin dazu ?“.

Sphynx hatte ihre unschlagbare Schlagfertigkeit drauf und die meist jugendlichen Zuschauer drängten sich immer dichter um die Bühne. Im kleinen puppeteering1 sphere, das nur wenige Meter entfernt durch Glaswände von den Messebesuchern abgetrennt war, steuerten Heather und Annerose angestrengt und in höchster Konzentration jede noch so kleine Bewegung von DAWN. Alles war so gut und echt.

Mit dem Exoskeleton Rig2, das Annerose trug, konnte sie DAWNs Oberkörper, beide Arme und Hände und die Fingerbewegungen steuern. Heather dagegen übernahm die Kopfneigung, die Augenbewegungen und den Gesichtsausdruck, den sie je nach Situation zwischen Lächeln und strengem Blicken variierte. Von Show zu Show wechselten die beiden die Steuerungsaufgaben, so dass Annerose immer wieder auch DAWNs Mimik erzeugte, doch im Grunde wollte sie nie etwas anderes, als DAWNs Körper zu kontrollieren. Dieses Gefühl, eins zu sein mit jeder noch so kleinen Auslenkung der Finger, der Drehung des Handgelenks, den Wendungen des Oberkörpers ihres virtuellen Wesens führte Annerose sehr bald zu einem so innigen Verhältnis mit DAWN, dass zumindest während der Performance ihre Körperlichkeit nur noch in DAWN präsent war.

Die unglaubliche technische Perfektion der Darstellung und der motorischen Feinkontrolle der DAWN-Erscheinung übten eine solche Faszination auf Annerose aus, dass sie gar nicht mehr anders konnte, als auf allen Monitoren sich selbst zu sehen. Hinzu kam bei jedem Mal vom Anfang ihrer Performance bis zum Ablegen des Rigs das zwingende und unwiderstehliche Verlangen, den Bändern, Schienen, Gelenken, Kabeln und Sensoren, die sie hautnah einschlossen, zu entfliehen, um sich in der so perfekten und freien Gestalt, wie sie DAWN darbot, wiederzufinden.

In Montreal hielt sie sich in der SIGGRAPH-Woche mit den anderen im luxuriösen Hyatt-Regency-Hotel auf. Sie teilte ein Appartement mit Heather. Beide hatten vor drei Jahren angefangen, für den Creature Shop zu arbeiten. Erst als Kindermonster, dann mit computergenerierten Figuren, seit einem Jahr mit DAWN. Meistens konnten sie zusammen arbeiten und waren im Lauf der Zeit Freundinnen geworden.

Heather berichtete später (vor Gericht), dass Annerose nach einem Tag mit acht Performances völlig in sich gekehrt war und auf der Fahrt zum Hotel, im Fond sitzend, kein Wort sprach und nur zum Fenster hinaussah, sich über die Stirn strich, oftmals beide Hände vor das Gesicht hielt und weinte. „Ich habe nicht verstanden, warum sie so oft so unglücklich wirkte, denn am Abend war sie ganz anders. Wir besuchten damals fast immer den JET-Night-Club. Annerose tanzte ununterbrochen und war witzig und genoss die dröhnende, harte Musik und sprang und drehte sich wie wild. Sie band ihre Haare los und ließ sie in ihrem Rhythmus schwingen. Sie war phantastisch, wenn sie das tat. Manchmal war sie ganz alleine auf der Tanzfläche und alle sahen ihr zu ... Ich glaube, sie war dabei in ihrer eigenen Welt und sie war außer sich“.

Heather hatte eine Ausbildung zur Krankenschwester durchlaufen, bevor sie zum Creature Shop kam. Sie hatte Menschen leiden gesehen und gelernt, ihnen zu helfen. Ihre praktische Veranlagung machte es ihr leicht, DAWN mit den verschiedensten Ausdrucksformen zu versehen, die sie alle als Schwester gesehen hatte. Sie musste genau auf den Dialog achten, der zwischen Publikum und DAWN in rasch wechselnden Tempi ablief. Sphynx, die „auf ihrer Seite“ sprach, konnte ihr nicht viel helfen, da ja alles absolut live und spontan war. Die einzige Hilfe war das Lip Sync, ein automatischer Vorgang, bei dem Sphynx’ Worte in Mundbewegungen umgesetzt wurden, also das an den Redefluss angepasste Öffnen und Schließen des Mundes mit gleichzeitigem Einsatz der Lippen und Mundwinkel. Heather überlagerte (modulierte) DAWNs Mundbewegungen mit den das Gespräch unterstreichenden Ausdrucksformen. Besonders gut konnte sie DAWN lächeln lassen, während jene sprach.

Das Lächeln erzeugte sie durch eine Aufwärtsbewegung des Zeigefingers der rechten Hand. Je weiter sie den Zeigefinger absenkte, desto ernster wurde DAWN. Durch Absenken des Daumens konnte sie DAWNs Augen schließen. Mit einer schnellen Abwärts- und Aufwärtsbewegung des Daumens ließ sie DAWNs Lider blinken (beide Augen). Mit dem Mittelfinger konnte sie DAWNs Augenbrauen hochziehen, was sie dann nutzte, wenn DAWN erstaunt oder betont aufmerksam wirken sollte. Tief herabgezogene Augenbrauen signalisierten Ärger über manche merkwürdige Fragen aus dem Publikum. Mit dem kleinen Finger kontrollierte sie DAWNs Mundstellung, wenn diese gerade nicht sprach.

Mit ihrer linken Hand hielt Heather den Steuerhebel des 6-Axis-Motion-Tables umfasst. Damit bewegte sie DAWNs Kopf und zwar simultan in den Nick-, Roll- und Drehrichtungen. Diese wichtigste Fertigkeit Heathers, nämlich die zu DAWNs Äußerungen passenden Kopfbewegungen zu erzeugen, wurde bei jedem Frage-Antwort-Wechsel neu auf die Probe gestellt. Manchmal ließ Sphynx DAWN spontan reden. Das war das Schwierigste, denn Heather konnte dann nicht wie bei einer vorausgehenden Frage die Reaktion DAWNs voraussehen, sondern musste sofort, möglichst noch während deren Äußerung eine überzeugende und adäquate körperliche Ausdrucksweise herstellen.

Am Ende des Tages legte Annerose ihr Rig ab und Sphynx half ihr dabei – wie immer. Die totale Erschöpfung war Annerose mehr als deutlich anzusehen.

Jetzt war die Zeit, mit dem Team zusammen zu sitzen und zu reden und zu lachen. Annerose lachte selten, meistens lächelte sie nur kurz, aber sie passte sich vielleicht eher der Situation an. In Gedanken war sie ohnehin noch bei DAWN und sah sie, sah sich selbst, durch Heather hindurch, durch Sphynx und Albert, durch Gary, den Road Manager, Hal, den Techniker, Mayflower, Sally und Actrice, die Assistant Girls – das ganze Team, das einen erfolgreichen Tag feierte und einem spannenden Abend entgegensah.

Niemand kannte Annerose wirklich, nur Heather wusste, dass sie ohne Vater und ohne Mutter aufgewachsen war. Und sie vergaß nie, dass Annerose einmal zu ihr gesagt hatte „Darf ich deine Schwester sein ?“.

 

Vier Wochen nach Anneroses Tod erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Jim Henson, den Gründer und Inhaber des „Jim Henson’s Creature Shop“. Die Anklage warf ihm „die fahrlässige Herbeiführung, wenn nicht billigende Inkaufnahme des Todes von Ms. Annerose Sanchez-Gordon“ vor. Das Verfahren wurde im Central District Stanley Mosk Courthouse in Los Angeles von Richter Spurgeon Smith eröffnet. Der ehrwürdige Gerichtssaal mit seiner in dunklem Teakholz getäfelten Geschichte, die bis zu den berühmten Gold Rush Prozessen zurückreichte, war schon an diesem ersten Tag gut gefüllt. Viele Pressevertreter saßen in den hinteren Reihen, auch die New York Times war vertreten, denn alle wussten, dass hier ein außergewöhnlicher Fall verhandelt wurde.

Stanley Mosk Courthouse


Jim Henson hatte keinen Verteidiger bestellt. Als Pionier und Visionär der Mensch-Computer-Symbiose war es für ihn nicht denkbar, einen Advokaten vor sich zu stellen. Diese Tragödie (er hatte Annerose nur flüchtig während einer Probe kennengelernt) war von ihm zwar nicht erwartet, aber als eine der vielen Unwägbarkeiten seiner Disziplin tief in seinem Unterbewußtsein eingebettet seit langem akzeptiert worden.

Aufrecht stand Jim vor seinem Richter. Dichtes weißes Haar umrahmte sein hageres, gebräuntes und zerfurchtes Gesicht, wie durch Zufall beleuchtet von einem staubtanzenden Lichtstrahl aus der hohen Fensterreihe über der Geschworenenempore. Seine blauen Augen fixierten Richter Smith, als dieser sein Leben skizzierte, um den Geschworenen ein erstes Bild vom Angeklagten zu vermitteln.

Konzentriertes Schweigen senkte sich über den Gerichtssaal, als Smith die größten Erfolge des Creature Shops schilderte. „Sie schafften den Durchbruch im Jahr 1986 mit dem Film <The Storyteller> und erfanden the talking animatronic dog ...“ – „So ist es“, unterbrach Henson mit leiser, aber klar vernehmbarer Stimme. Er hatte vergessen, ‚Euer Ehren’ hinzuzufügen, denn sein Stolz und das Wissen, der Größte seiner Branche zu sein, drängten die Form noch zurück. Richter Smith fuhr ohne eine Zeichen der Mißbilligung fort: „Sie haben in <The Adventures of Pinocchio> die Animatronics Technik weiter verfeinert und robotic puppets – und sogar stunt puppets – eingesetzt“. Henson nickte. „Sie haben Harry Potter fliegen lassen !3 ...“ – „Oh ja ! Wir haben gezeigt, dass jeder Schauspieler ersetzt werden kann durch sein programmiertes Double, und dass dieses von unseren Performern perfekt gesteuert wird“, kommentierte Henson. „... und Sie haben Ms. Annerose Sanchez-Gordon getötet !“.

Stille herrschte plötzlich im Saal. Alle Blicke waren auf Jim Henson gerichtet. Dieser drehte sich langsam, wie unter Zwang, den Geschworenen zu und presste zwischen versteinerten Lippen hervor „Nein !“.

Es folgte die Vernehmung von Zeugen der Anklage, darunter Gary Burbage, der Road Manager, Myf Hopkins, der Produktionsleiter der Creature Shop Niederlassung in London, Camilla Williams, Managerin von Cultured Creatures in London, die Annerose eingestellt hatte, und natürlich auch Heather Grimes und Albert Sohigian. Danach wurde die Verhandlung für den ersten Tag beendet.

Am nächsten Tag wurde Warren B. O’Donnell, Ph.D., Psychologe, in den Zeugenstand gerufen. Mit gerade einunddreißig Jahren hatte er nach dem Studium an der Purdue University schon frühzeitig mit tiefschürfenden Publikationen zur Schizophrenie das Interesse wissenschaftlicher Kreise auf sich gelenkt. Zur Zeit arbeitete er im Auftrag der Walt Disney Corporation an der Antwort auf die Frage <Warum wollen Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren an einem Tag wie Mickey Mouse sein und am nächsten Tag nicht>. Es war klar, dass Dr. O’Donnell mit seinen Erkenntnissen zu den Mechanismen der Schizophrenie diese Frage klar beantworten würde.

Doch nun stand er im Stanley Mosk Courthouse im Rampenlicht der Erwartungen aller Anwesenden und sollte erklären, warum Annerose sterben musste.

Sichtlich nervös strich er die schwarzglänzenden Haare aus der Stirn, rückte die schwer gefasste Brille zurecht, zupfte ein wenig an der weißen Fliege herum, die den einzigen Kontrast zu seinem schwarzen Hemd und noch schwärzeren Anzug bildete, und richtete seine Worte an die Geschworenen, die sein blasses Gesicht aufmerksam musterten.

„Verehrte Damen und Herren Geschworenen. Ich gebe zu, dass ich Annerose Sanchez-Gordon nicht persönlich kennengelernt habe. Ich hatte aber die Gelegenheit, viele ihrer Kollegen und Vorgesetzten im Creature Shop zu befragen und mir dadurch ein recht gutes Bild von ihrer Persönlichkeit verschaffen können. Außerdem sah ich mir viele Stunden Videoaufzeichnungen an, die sie in Shows, aber auch im Off zeigen. Ich bitte Sie also, mir zu vertrauen, wenn ich Sie in das Innenleben von Annerose führe, soweit es für mich zu erkennen ist.“ O’Donnell warf einen Blick zu Richter Smith hinüber, um zu sehen, ob er so weit einverstanden war. Smith nickte nur.

„Es ist für mich klar, dass Annerose in den letzten Monaten ihres Lebens an einer schweren psychotischen Störung litt. Von außen erkennbar ist die Schizophrenie, die ich ihr zuschreibe, an vielen Zeichen wie verminderte Aufmerksamkeit, Sprachverarmung, Gemütsverflachung, Interessenschwund, Mangel an Schwung und Energie und Ausdauer sowie der Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Und vor allem an der schwindenden willentlichen Entschlusskraft bis hin zur lähmenden Willenlosigkeit. Die Folgen sind Kontaktstörungen, Rückzug, Isolation, Vereinsamung – auch inmitten eines festen sozialen Kontext. Es scheint mir so, dass Annerose im Endstadium ganz massiv von Halluzinationen im Sinne von Trugwahrnehmungen sowie psychotischen Ich-Erlebnis-Störungen geprägt war“.

An dieser Stelle unterbrach Richter Smith den zunehmend dozierenden Redefluss mit den Worten:

„Dr. O’Donnell, wir versuchen, Ihnen zu folgen. Sagen Sie uns bitte, wie konnte es passieren, dass diese Krankheit – und es ist doch eine Krankheit ? – zu solch einem tragischen Ende führte ?“

O’Donnell blinzelte und nahm die Brille ab. Er erkannte, dass er abrupt und genau jetzt eine schwere Last zu schultern hatte, die schwerste bisher überhaupt, denn wem sollte er Schuld zuweisen ? Oder sollte er weiterfahren auf seinem akademischen Gleis der neutralen, objektiven, unbestechlichen (???) Analyse?

„Herr Richter, die Frage nach dem WARUM ist nie einfach zu beantworten in der angewandten Psychologie. Eine der Ursachen dieser Tragödie ist sicherlich in Anneroses unglücklicher Kindheit zu suchen4. Doch ich postuliere hier einen Zusammenhang zwischen ihrem Zusammenbruch und ihrer Tätigkeit als Performerin des Creature Shops, und ganz besonders bestehe ich darauf, festzustellen, dass ihr enger, ja geradezu körperlicher Kontakt mit der Kunstfigur DAWN, ja ihre Identifikation mit dieser, die Zerstörung ihrer Persönlichkeit – und letztlich ihrer Substanz – herbeigeführt hat.“

Henson sprang auf, richtete den Arm gegen O’Donnell und rief „Eine Lüge ! Eine Behauptung ! Woher wollen Sie das wissen ? Wie können Sie das behaupten ? Wer gibt Ihnen das Recht, solche ...“

„Hören Sie auf, Henson !“. Der Richter krachte seinen Hammer auf den altehrwürdigen Richtertisch. „Sie bekommen noch Ihre Gelegenheit !“.

Henson sank in seinen Stuhl. Blanke Empörung und Wut standen in seinem Gesicht. Dr. O’Donnell nahm den Faden seiner Analyse wieder auf ...

Der nächste Tag brachte den Auftritt von Jim Henson, seine Verteidigungsrede und zugleich sein Schlussplädoyer.

„Euer Ehren ! Verehrte Geschworenen ! Ich bedaure zutiefst das Unglück, das Annerose widerfuhr. Ich bestreite mit voller Überzeugung, dass der Creature Shop darin verwickelt ist. Unsere Performer leisten allesamt Großartiges, so war es auch bei Annerose, sie war eine unserer Besten. Sie war gut trainiert und sie war hoch motiviert. Wir streben immer nach Perfektion. Wir haben eine Truppe und die Technik, um überall in der Welt neue Phantasiegestalten zum Leben zu erwecken. Die Menschen lieben diese Gestalten !“ Mit einem kurzen Blick zu den Geschworenen sicherte sich Henson deren Zustimmung.

„Phantasie ist unser wertvollstes Gut. Ohne Phantasie lebten wir in einer tristen Welt, wir könnten dann genauso gut Hamster sein5. Die virtuellen Wesen, die ich schuf, sind die Erweiterung unseres Bewußtseins in Vorstellungswelten, die dem Menschen bisher nicht erschlossen waren ! DAWN ist ein Wesen in einer solchen Welt. Annerose hat sich irgendwann, bewußt oder unbewußt, für diese Welt entschieden, und sie hat unsere Welt verlassen. Nie wird der Mensch aufhören, zu sehnen, zu wünschen, zu reisen und sich zu transformieren, dank seiner Geisteskraft. Beten Sie, Geschworene, ich beschwöre Sie, für Annerose, denn sie lebt weiter fort, dort oben – und sie ist glücklich.“

Tief beeindruckt zogen sich die Geschworenen zur Urteilsfindung zurück. Nach einer Stunde verkündeten sie das Urteil.

Wenige Tage später, noch vor Sonnenaufgang, versammelten sich Mitglieder des Creature Shops aus Los Angeles und London an Anneroses Grabstätte im Hollywood Forever Cemetery. Henson hatte eine weiße Pyramide über der im kurzgeschorenen Rasen eingelassenen Messingplatte mit der Inschrift <ANNEROSE & DAWN: der Traum ist nicht zu Ende> errichten lassen. Nebelschwaden waberten über den Friedhof und es war kühl.

Nebel lag auch über den Gräbern berühmter Schauspielerinnen in unmittelbarer Nähe. Die Meisten der Trauernden nahmen nicht sofort wahr, dass aus der Pyramide weiße Nebelschwaden austraten und langsam in die Höhe stiegen, sich zu einem großen wattigen Gebilde über ihren Köpfen formierten6. Heather betrachtete mit brennenden Augen dieses ungewöhnliche Schauspiel. Und plötzlich erschienen farbige Nuancen und scheinbare Verformungen, Wölbungen und Vertiefungen, die irgendwie einen Sinn ergaben, gerade so, wie die großen, dahinziehenden Wolken an einem Sommertag Tiere und Gesichter erscheinen lassen.

Heather starrte fassungslos die immer deutlicher werdende Gestalt von Annerose an. Immer wieder verschwamm ihr Gesicht, kehrte aber noch deutlicher zurück. Annerose hielt die Augen geschlossen, das war jetzt deutlich zu erkennen, und ihr Gesichtsausdruck spiegelte immer klarer den Moment wieder, in dem sie sich von DAWN löste.  Heather hatte sie so so oft gesehen. Sie wurde angesichts dieser unfassbaren Wiederkehr Anneroses von ungeheurem Entsetzen erfasst und begann, am ganzen Leib zu zittern.

Und dann brach sie zusammen. Sie presste ihr Gesicht in das feuchte Gras. Tränen rannen ihr aus den Augen. Und ihre Worte sickerten ein in den modrigen Humusboden „Annerose – Annerose – warum – warum ? Du bist meine Schwester, warum hast du mich verlassen ?“ Heather verlor das Bewußtsein.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch den Nebel brachen, löste sich die Erscheinung AnneroseDAWN in feurigen Dunst auf. Ein neuer Tag hatte begonnen.

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1 Puppeteering = Puppenspielen, ein Begriff aus dem klassischen Puppentheater, übernommen in die Neuzeit, in der computeranimierte „Puppen“ wie DAWN von Menschen gesteuert werden.

2 Das Exoskeleton Rig ist eine von der Performerin getragene Positions- und Bewegungs-Messapparatur. Die Messwerte werden in Echtzeit in das Skelett-Modell der Computerfigur umgerechnet, wodurch sehr präzise synchrone Bewegungsabläufe möglich sind. Erfasst werden in der Regel die Bewegungen der Finger, der Hand, der Unter- und Oberarme, der Beine, des Oberkörpers und des Kopfes.

3 Der Film <Harry Potter and the Sorcerer’s Stone> ist ein perfektes Beispiel für die kommende Generation von Filmen, in denen nicht mehr zu unterscheiden ist, ob ein Schauspieler tatsächlich als Mensch oder als Computergraphik auftritt, im letzteren Fall aufnahmetechnisch gesteuert von Performern (puppeteers).

4 Alle Eigenschaften des Erwachsenen werden in der Kindheit geprägt – ein Dogma der Psychologie.

5 Wir dürfen jedoch getrost annehmen, dass auch ein Hamster Phantasien von Freiheit hat, während er in seiner Tretmühle im Kreise läuft.

6 Jim Henson hatte an drei Punkten des Friedhofs, Anneroses Grabmal triangulierend, spezielle Laserbeamer installieren lassen. Diese beschossen das in der kalten Luft schnell kondensierende weiße Gas mit einem raffinierten Konturprogramm, das zur Erzeugung von Geistern und Gespenstern ab und zu vom Creature Shop eingesetzt wird. Im Grunde erzeugte das Programm die von Annerose induzierten DAWN-Bewegungen, diesmal jedoch überlagert von ihrer im Zentralcomputer gespeicherten physiologischen Identität.

Lametta wurde zur Nachfolgerin von Annerose

Picture shows Lametta, rigged with light-weight total-body exoskeleton, performing her favourite CAT act

Nachtrag 25.7.2016

Ein BBC-Artikel erinnert an den Musikfilm "Labyrinth" mit David Bowie aus dem Jahr 1986. Jim Henson schuf die animatronischen Kreaturen wie den Goblin Hoggle, den Riesen Homongous (4,57 Meter hoch), oder den Schacht der Hände. Später kreierte Jim Hensons Creature Shop die animatronischen Tiere im Film "Babe". Bis noch vor wenigen Jahren war Henson beteiligt an Filmen wie "Der englische Patient" (1996), "Darjeeling Limited" (2007), "The Hangover" (2009), und einer "Dschungelbuch"-Adaptation sowie anderen Kinderfilmen wie "Where the Wild Things Are".
In den 1970-er Jahren entstanden die Figuren für die Fernsehsendungen Sesamstraße und Muppet Show. Später die Kreaturen incl. Pferd für Lady Gagas Monster Ball Tour. Im Naturkundemuseum in Los Angeles ist ein künstlicher prähistorischer Tiger zu bewundern, der von einer Puppeteer im Inneren bewegt wird. Der Kopf und die Mimik wird ferngesteuert kontrolliert.
Jim Hensons Creature Shop steht seit über einem halben Jahrhundert für real (nicht digital) animierte phantastische Kreaturen in Live-Shows, Filmen, Fernsehen, Werbung.

Quelle:
http://www.bbc.com/culture/story/20160621-why-labyrinth-is-so-memorable
Creature Shop:
http://creatureshop.com