Gesagt was

4.1.2004

Am besten gefällt mir: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ (Karins Rede). Die Vorstellung, dass ein Vogel einen Wurm fängt, ist absurd, denn schließlich ist ein Vogel kein Jagdhund und ein Wurm kein Kaninchen. Außerdem liegt schon jedem Kind, das das Wortspiel erkennt (du sollst nicht immer so lang im Bett herumliegen), die richtige Antwort auf der Zunge: „ich bin aber kein Vogel“ und bleibt unausgesprochen, dafür aber aufgenommen in das Widerstandsrepertoire für spätere Zeiten.

Welchen Impact absurde Formulierungen auf die Entstehung von Vorstellungswelten haben können, zeigt sich am Beispiel des vorgeblichen Umstandes, dass Lucky Luke schneller zieht / schießt als sein Schatten. Es ist hier zu vermuten, dass eine Zeitverzögerung dem Schatten nur im Moment des Angriffs anhaftet, er ansonsten aber brav seinem regulären Schattendasein Folge leistet. Dennoch eröffnet dieses Auseinandergleiten einer vermeintlich festgefügten Ordnung (Physik) neue Welten, speziell das Universum der Parallelwelten und der unterschiedlich verlaufenden Zeitachsen, inklusive der Zeitkontraktionen und –dehnungen. All das kann man ohne weiteres mathematisch erfassen, doch nur diejenigen Vorstellungen, die solche Gebilde wie Luckys missratender Schatten in uns auslösen, nähren diesen nie endenden Film in unserem Kopf. Maurice de Bevere sei Dank !

Seit Geiz geil ist (das verkaufsfördernde Motto eines Händlers von elektronischen Gegenständen), ist alles möglich. Auch die Feststellung, dass ein Nike Turnschuh geil ist. Es gibt heutzutage kaum ein unbelebtes Objekt, das nicht geil ist. Erstaunlich ! Die bedeutungsschwere Aussage „ich bin geil“ konkurriert nun mit jedem beliebigen Turnschuh, der ebenfalls diese Eigenschaft besitzt – bis zum nächsten Modell wenigstens. Früher hätte man sich einbilden können, dass der geile Turnschuh es mit einer anderen Turnschuh ... Na ja.

Eine andere wunderbare Konstruktion ist „der Letzte macht das Licht aus“. Können Sie sich vorstellen, wie die Fabrik still in der Dämmerung verharrt, leblos, aufgegeben, in den letzten Zügen, deren allerletzte sich in den harten, eingekerbten Gesichtszügen des Mannes manifestieren, der den Lichtschalter umlegt. Singend und lachend fügen Gruppen junger Mädchen in einer lichtdurchfluteten Fabrik in einem Vorort von Shanghai filigrane Bauteile zu hitech-Produkten zusammen.

In Mode gekommen ist „Zuletzt stirbt die Hoffnung“, ein Spruch, der jetzt bei jeder Tragödie angebracht wird, sei sie noch so klein. Es mag ja tatsächlich so sein, dass also „zuletzt …“, und der Anlass, zu dem diese Worte gesprochen werden (wurden), normalerweise todernst ist (war). Auf dem Weg in meine Klausur im Hotel Ostseeblick bekomme ich die Gespräche zwischen den Bewohnerinnen nur in Wortfetzen mit. Da immer mindestens ein Hund involviert ist, verwundert ein Fetzen wie „und ich suche ihn seit gestern Abend. Aber - [gedankenvolle Pause] - die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. …“ kaum. Was muss alles sterben, bevor die Hoffnung stirbt ?

Durch Zufall fand ich in der Selbstdarstellung einer Werbeagentur diesen Satz: <Bei LUCY arbeiten 16 internationale Planner mit reichem Erfahrungsschatz aus zahlreichen Marken und Märkten>. Zielstrebigen Werbetext erkennt man daran, dass in einem Satz möglichst viele assoziationsauslösende Begriffe eingebaut sind, die sich idealerweise gegenseitig verstärken und sozusagen hochschaukeln zu einem Stimmungsgefühl, das den Leser in seinem Innersten packt und nie wieder loslässt. Es macht viel Mühe, solche Sätze zu konstruieren. Deshalb sollten Sie erkennen, dass der Schreibfehler nicht zufällig ist. Denn, seit Planung nicht mehr „Planung“ heißt, sondern „Planning“, ist es nur logisch, dass man vom Planner spricht, wobei sich auch die Aussprache ändert. Sie sprechen bitte Planner nicht wie Spanner, sondern wie Pläner. Soviel zur Rede. Eine Aussage steckt nach Meinung der Texter übrigens auch in diesem Werbesatz, ist aber schwer zu entziffern. Versuchen Sie es selbst.

Bezüglich Software, diesem virtuellsten aller Wesen, sind, möchte ich einen interessanten Satz aufführen, den ich in einer Broschüre über eine Software zur Verwaltung von logistischen Daten fand: <Die Zukunft ist in dieser Software schon fertig entwickelt>. Na bitte ! Wer braucht noch eine Zukunft, wenn er diese Software hat ? Wenn Ihnen dazu „schöne neue Welt“ einfällt (vielleicht abfällig), sind Sie der Fisch, der auf diesen Haken gehört. Werbetext ist grundsätzlich nur eine Anordnung von Worten ohne konkrete Bedeutung. Wichtig ist nur die Wirkung: KAUFEN. Den folgenden Spruch habe ich gerade auf der Messe in Düsseldorf aufgelesen „Unsere Visionen von heute definieren den Standard von morgen“. Wunderbar. Hybris und Aufgeblähtheit, gepaart mit tiefer Verzweiflung triefen aus den Wortlücken. Der Texter hat vermutlich die wirtschaftliche Situation des Unternehmens gut getroffen und trotzdem sein Geld bekommen.

In der realen Welt bewegen auch Journalisten unbekümmert Worte hin und her. In einer Zeitung fand ich in einem Bericht über den geplanten Verkauf eines hochverschuldeten städtischen Krankenhauses diesen Satz: <Daher wird der Kaufpreis nicht in den Stadthaushalt fließen, sondern zur Tilgung dieser Schulden genutzt>. Mit einem Preis Schulden tilgen zu wollen ist wie der Versuch, eine Badewanne mit den Wirtschaftsnachrichten der Financial Times Deutschland zu füllen. Abartig.

Von der Welt der Werbung, in der wir leben, zu einer Welt, die vorgibt, die Echte zu sein. Darin heißt es: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“. Ein grandioser Spruch. Geht’s gut, war’s Gott; geht’s schlecht, warst du’s. Wenn ich nur wüsste, ob dieser Spruch eine parodistische Basis hat. Da bin ich wirklich unsicher und bitte um Ihren Rat.

Wir leben in einer Welt der Tabus. Erstaunlicherweise gibt es neben den erfundenen und erzwungenen Tabus im Bereich der Kommunikation offenbar auch humanimmanente No-Says. Es ist die Situation, in der sie, erfüllt von unendlicher Zuneigung zu dem jungen Mann, der ihren Nacken zärtlich umfasst und ihr unaufhaltsam näher kommt, sagt: „Liebst du mich ?“. Jetzt ist ein Committment gefordert. Jetzt muss die Antwort wohl überlegt sein. Sie könnte auch spontan sein. Sie darf aber nicht „Nein“ sein. Sehen Sie, jedes Wort, einmal gesprochen, vergeht nicht mehr. Die psychologische Beratung, speziell von Frauen, macht jedoch Schluss mit dem Ja-Sagen, indem sie vorschlägt: „du musst lernen, nein zu sagen !“. Ha !

Der Mensch unterscheidet sich vom Affen nur durch die Anwendung der Sprache zwecks Kommunikation. Freilich ist es so, dass die Rückbildung der Sprache inzwischen eine Entwicklungsumkehr eingeleitet hat. Die Abnahme der Anzahl benutzter und bekannter Wörter, wie auch die  zunehmende Verwendung von Phrasen, Kurzformen (forciert durch den eingeschränkten Screenspace kleiner elektronischer „Nachrichten“-Übermittlungsgeräte sowie die Schnellblick-Layouts der Printmedien), Werbesprüchen, Wortgebilden aller Art, vorgeformt durch die allgegenwärtigen „Medien“ (früher war ein Medium ein Lotse ins Geisterland), standardisiert die  Kommunikation auf recht dramatische Art und Weise. Immerhin erleichtert diese Entwicklung die weltumspannende Verständigung, wobei sie jedoch meiner Meinung nach an den viertausend chinesischen Schriftzeichen scheitern wird. Dennoch ermöglicht uns das Standardspeak zu verstehen, was die neuen Kulturen jenseits unseres Horizonts von uns erwarten und uns zu geben bereit sind.

Es verwundert also nicht, dass im Prozess der kulturellen Rückbildung viele auf der Suche nach Ankern und Orientierungspunkten sind. Und es gibt sie. Es sind dicke Bücher mit historischem Inhalt. Weltweit sind sie in großer Zahl vor langer Zeit geschrieben worden, von den Männern, die die Religionen erfunden haben für ihre Zwecke. Sie sind geschrieben in merkwürdig gestelzter Sprache, vollgestopft mit Symbolen oder auch unverblümt formulierten Geboten, Verboten, Ermahnungen und Regeln. Nur unter Berufung auf diese Werke ist es auch im Zeitalter des flachen Standardspeak noch möglich, Frauen zu demütigen (oder schlimmeres), wenn sie sich nicht verhüllen. Oh ja, vieles ist nach wie vor möglich, wenn Mann lang genug in der Schrift forscht. Eine der interessantesten Fragen der kommenden Jahrhunderte wird sein, ob es trotz (vielleicht auch wegen) weltumspannender Instant-Kommunikation gelingt, neue Werke zur Unterordnung der Frau zu schaffen, oder ob dies nicht gelingt und die alten Schriften weiter genutzt werden müssen.

Diesen kleinen Ausflug in die Welt des scheinbar Ewigen musste ich Ihnen zumuten, um darzulegen, welch fürchterliche Waffe die Sprache ist. Sie ist mächtiger als das Bild. Es stimmt natürlich nicht, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte, denn ein Satz, ein Gebot wie „du sollst nicht begehren …“ (ich müsste jetzt erst nachsehen, wie der Satz weitergeht) erzeugt ohne weiteres mehr als tausend Bilder in den Kreativarealen des Lesergehirns.

Trotz allem, die Aneinanderreihung von Worten und deren Aussprechen kann noch besser sein als Pfeifen im Wald. So finde ich sehr schön: „Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“. Süß ! Hoffnung, Trost, Zuversicht, Vertrauen, Selbstvertrauen, Mut, belohnte Wagnis, alles in einem Satz. Von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter sind geschriebene und gesprochene Gedanken um uns und helfen, wo sie nur können.

Daraus folgt, dass wir durchaus zufrieden sein können mit der Phraseologie um uns herum, denn notfalls bleiben uns die Kinderreime.

Zusammenfassend: was also ist hier und sonstwo gesagt worden ?

Wissen Sie es, verstehen Sie es ?
Können Sie sich in Standardspeak ausdrücken ?
Können Sie im Strom der Flachsprache schwimmen ?
Erkennen Sie eine Message, wenn sie auf Sie trifft ?
Was stellen Sie sich eigentlich unter Sprache vor ?

Verstehen Sie mich ???

Hallooo …

Grujdsn,gfngijvckkmnooo o