Hundchen

8.7.2003

Ich wohne in einem zwölfstöckigen Hochhaus, dem Hotel „Ostseeblick“, das von 67 Hunden bewohnt ist. Die andere Hälfte der Wohnungen ist die meiste Zeit nicht belegt, da es sich um Ferienwohnungen handelt.

Normal ist es, dass ein Hund ein Herrchen hat, oder ein Frauchen, oder auch beide, denen er zu gehorchen hat und zu denen er treu aufblicken kann. Ungewöhnlich ist es jedoch, wenn ein Herr oder eine Frau ein Hundchen hat, dem er oder sie zu gehorchen hat und zu dem er oder sie treu hinunterblicken kann – so wie es in meinem Hotel der Fall ist.

Es handelt sich hier um die Situation, dass die 67 vierbeinigen Hotelbewohner Hundchen eines Mannes oder einer Frau (in der Mehrzahl) oder eines Mannes und einer Frau zusammen (seltener) sind.

Mein Tag in der Öffentlichkeit beginnt damit, dass ich mit dem Aufzug abwärts fahre. Dabei findet manchmal schon die erste Begegnung mit einem der Hundchen statt. Es kommt vor, dass der Aufzug unterwegs von einem Anhalter gestoppt wird. Der Lift kommt zum Stehen, ein Gesicht erscheint vor dem Guckfenster, das in die Lifttür eingelassen ist, danach öffnet sich die Tür und das Hundchen tritt mit seinem Mann oder seiner Frau ein. Nun spricht mich der Mann oder die Frau im Auftrag des Hundchens mit den entschuldigenden Worten an: „Ich wollte erst mal nachsehen, ob ein Hund drin ist“. Offenbar mögen sich die Hundchen untereinander nicht sehr. Ich untersage mir in diesen Fällen die Entgegnung „Ich bin kein Hund“.

Mein Weg führt mich dann auf einer Strecke von rund 900 Metern zum Bahnhof. Auf dieser werde ich morgens und abends zum Zeugen der Auswirkungen des hohen kulturellen Niveaus, auf dem die Hundchen im Hotel Ostseeblick leben. Eine Toilette im Appartement zu besitzen entspricht nicht ihrem hohen Anspruch. So ist es ihre Gepflogenheit, frühmorgens in Begleitung des Mannes oder der Frau (nie beide zusammen, falls vorhanden) Erleichterung zu suchen und zwar entlang meines Weges. Ich gehe in der Mitte der (nicht befahrenen) Straße und vermeide es, den Blick nach links oder rechts über die Grünstreifen schweifen zu lassen. Statt dessen richtet sich mein Blick nach oben, dem wunderbaren morgendlichen hellblauen, mit frischen weißen Streifen durchsetzten schleswig-holsteinschen Himmel entgegen.

Was Sie vielleicht nicht wissen: Hunde sind, wenn sie den Status eines Hundchens erlangt haben, erfüllt von Pünktlichkeit. So geschieht es, dass ich jeden Morgen auf die Minute genau einem schwarzen Pudel begegne und zwar in einem geographischen Toleranzband von plus / minus hundert Metern. Dieses Hundchen in Begleitung seiner Frau ist nicht unterwegs zum Bahnhof, sondern zu verschiedenen Duftmarkierungspunkten – auf die Minute genau ! Wir weichen uns höflich aus.

Überhaupt werde ich von den Hundchen übergangen (ignoriert). Der Grund dafür ist sicherlich in dem Umstand zu suchen, dass ich keinem Hundchen gehörig bin und deshalb, so vermute ich, wegen des Fehlens des spezifischen Geruchsbildes kein interessantes Objekt darstelle. Immerhin bleiben mir dadurch die Akte des Anspringens, Hochspringens, Ableckens, Anbeißens, Anknurrens und Ähnliches erspart.

So leben wir in friedlicher Koexistenz in parzellierten Hochhäusern. Mein Respekt gilt der Disziplin und Fürsorge der Hundchen gegenüber den ihnen zugetrauten Männern und Frauen !

Die Frage, was nach dem Menschen kommt, ist nicht einfach zu beantworten. Kann sich das Hundchen als dominante Spezies langfristig behaupten ? Es gibt Theorien, wonach die Insekten wegen ihrer Evolutionsschnelligkeit und der daraus erwachsenden Fähigkeit, genetische Katastrophen am besten zu meistern, irgendwann das Ruder übernehmen werden. Deren Artenvielfalt ist jedoch zu groß, um sich heute schon ein Bild von den Ausprägungen (Anzahl Beine, Fühler usw.) der Führer der Zukunft machen zu können.

Ich wünsche allen Hundchen in jener fernen Zeit (dann nurmehr gewöhnliche Hunde) ein allzeit vertrauensvolles und hingebungsvolles Verhältnis zu ihren Schabchen (Grillchen, Mückchen, Moskitochen, Lauschen ...) von ganzem Herzen.

Nachtrag:

Das Hundchen in der sächlichen Form steht für die kulturelle Hochform von Hund und Hündin gleichermaßen. Wenn Sie Wert auf diskriminierungsfreien Content legen, benutzen Sie den Begriff Hündichen. (Sie werden verstehen, dass der Begriff Hündchen zu gemein ist, um der Sache gerecht zu werden).