Ich entschuldige mich

1.10.2013

"Ich entschuldige mich für…" ist eine beliebte Redewendung in der Politik, aber nicht nur dort. Es muss eine Schuld vorliegen, derer man sich entschuldet. Schuldig sein oder Schuld haben weisen beide darauf hin, dass es um Schulden gegenüber anderen oder anderem geht. Insofern ist mit der Aussage "ich entschuldige mich" eigentlich gemeint "ich entschulde mich".

Es ist also ganz einfach. Wer Schulden hat, entledigt sich dieser durch eine Art Zauberspruch. Der eine oder andere versucht diesen Zauber auch bei seiner Bank. Am Bankschalter prallen allerdings zwei Welten aufeinander. Da ist auf der einen Seite der Schuldner, der fest an die Wirkung von Zaubersprüchen glaubt, und auf der anderen Seite der Gläubiger, der genau weiß, wie hoch die Schuld des Kunden ist. Dieses Wissen macht ihn resistent gegen alle Arten von Zaubersprüchen. Er wird als einer, der noch an die Zurückzahlung der Schulden glaubt, verschiedenes vorschlagen, wie zum Beispiel Fristverlängerung, ein neues Darlehen, Stundung usw. Keiner dieser Vorschläge führt auch nur im geringsten dazu, die Schuld zu verringern oder gar zu tilgen.

Jenseits von Bankgeschäften gibt es die "Vergebung". Diese ist nur gegen "Reue" zu erhalten. Doch auch die Vergebung ist an eine Geldzahlung gebunden, wie seit dem Ablasshandel zu Luthers Zeiten bekannt ist. Es läuft also alles auf Tilgung hinaus, wenn nicht vollständig, dann doch zu einem gewissen Teil.

Insofern kommt ein Politiker, der sich entschuldigt, nicht umhin zu zahlen. Wenige Politiker - oder andere Schuldige - sind sich dieser Tatsache bewusst. Das Zahlungsmittel legen die Gläubiger fest. Im Gemeinwesen ist es also das Volk, das vormals einen Vertrauensvorschuss vergeben hat. Es könnte zur Schuldminderung eine Gehaltskürzung vornehmen. Doch das geschieht nicht.

Während vor Jahrhunderten die Erlösung vom Fegefeuer erkauft werden musste, genügen heute drei Worte. Man kann davon ausgehen, dass in der weiteren Entwicklung auch diese drei Worte nicht mehr angewandt werden müssen, um sich zu entschuldigen.

Übrigens, für diesen Beitrag entschuldige ich mich.

Nachtrag:

Dass Politiker sich gerne entschuldigen, zeigt die Äußerung des ägyptischen Präsidenten vor dem Hintergrund der häufigen öffentlichen Vergewaltigungen:

---> Ägyptens neuer Präsident Abd al-Fattah al-Sisi hat sich persönlich bei einer Frau entschuldigt, die während der Feiern zu seiner Amtseinführung am Wochenende sexuell missbraucht worden war. "Ich bin gekommen, um Ihnen und jeder ägyptischen Frau zu sagen, dass es mir leidtut. Ich entschuldige mich bei allen ägyptischen Frauen", sagte al-Sisi sichtlich bewegt einer betroffenen Frau in einem Kairoer Krankenhaus." <---

Ob die Frauen ihn entschuldigen, das heißt entschulden, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Zitatquelle: ---> DIE WELT am 11.6.2014 <---