Kätschitt

10.10.2014

Der Versandriese Amazon mit Sitz in Seattle, USA, hat begonnen, bestellte Ware mit Hilfe von Flugobjekten, genannt Drohnen, auszuliefern. Der fliegende Octocopter ist in der Lage, ein Paket präzise in der Garageneinfahrt des Kunden abzusetzen. Die Dauer von der Bestellung bis zur Zustellung ist damit weiter verkürzt worden.

Aufgrund etlicher Vorfälle ist jedoch die sogenante Prime Air Lieferung ins Wanken geraten. Mehrfach wurden Kinder durch die Rotoren verletzt, als sie schon in der Absetzphase versuchten, das Paket zu ergreifen - anstatt zu warten, bis der Octocopter wieder aufgestiegen war. Einmal wurde sogar ein Hund unter dem Paket begraben und erdrückt. Dies und mehr hat Amazon nun veranlasst, das Lieferprogramm auszusetzen und weitere Tests in der Wüste von Arizona durchzuführen, unter anderem auch mit Hunden.

Der Internetriese Google mit Sitz in Mountain View, USA, engagiert in der Erforschung fahrerloser Fahrzeuge, hat im Google X Labor im Rahmen des Wing Projekts ein Zustellsystem entwickelt, das den Fehler des Amazon Prime Air Systems vermeiden soll, nämlich die Landung auf der Erde. Statt dessen wird das Paket abgeseilt aus einer Höhe von rund fünfzig Metern. An einer entsprechend langen Leine befindet sich an deren Ende ein rechteckiges Kopplungsmodul (the "egg"), an dem das Paket befestigt ist. Im Moment der Grundberührung löst sich das Kopplungsmodul vom Paket und saust an der Leine in die Höhe zum Wing Flugobjekt, in dem es verschwindet.

Zunächst fand eine ausgiebige Erprobung in Warwick (Australien), 100 Kilometer östlich von der Gold Coast statt. Nick Roy, ursprünglich Robotiker am MIT, leitete die Erprobung. Der Wing Copter musste verschieden schwere Ladungen an allen möglichen Punkten absetzen. Die Dauer vom Anflug bis zum Abflug sollte nie mehr als 10 Sekunden betragen. Um diese Zeit einzuhalten, wurde die Trajektorie des ausschwingenden Seils in die Berechnung des Tochdownpunktes einbezogen (ähnlich wie bei einem Bombenabwurf). Insgesamt waren die Tests sehr zufriedenstellend. Nur einmal wurde kurz vor dem Erreichen des Absetzpunktes ein Känguruh getroffen, das zufällig vorbeihopste. Das veranlasste dieses zu einem besonders hohen Hopser, aber passiert war ihm nichts. Trotzdem war das der Anlass für eine Überarbeitung der Steuersoftware, um Kollisionen mit mobilen Objekten am Boden besser zu vermeiden.

Nach der Testphase übernahm Dave Vos das Wing Projekt für die Betaphase. Zuvor hatte das Backup-Team in der Google-Zentrale recherchiert, welche Amazon-Kunden häufig Bestellungen aufgeben und entsprechend häufig Lieferungen erhalten. Rund eintausend dieser Kunden waren kontaktiert worden mit der Frage, ob sie sich am Wing Projekt als Lieferempfänger beteiligen wollen. Vierhundert willigten ein. Diese lebten entsprechend der Vorauswahl an drei Punkte in der Welt: in Canberra (Australien), London (England), und Vancouver (Kanada).

Alle Versuchsteilnehmer waren in den Testablauf eingewiesen worden. Zunächst mussten sie Stillschweigen zusagen. Das Projekt war immer noch geheim! Im Verlauf von 4 Wochen würden sie mehrere Lieferungen erhalten, die genauen Zeitpunkte waren ihnen nicht bekannt. Eine Sicherheitsbelehrung erhielten sie auch, an deren Ende sie unterschrieben, dass sie auf alle Schadensersatzansprüche gegenüber Google verzichten. (Auch in dem Fall, dass die Lieferung durch ihr Hausdach donnern würde - doch so stand das natürlich nicht im Vertrag).

Dave war jetzt in Mountain View, um das Projekt von der Drone Supervision Leitzentrale aus zu managen. Ab und zu flog er nach Vancouver, um mit Teilnehmern zu sprechen und einige Paketlieferungstests zu beobachten. Was er und alle anderen Wing Projektingenieure und -manager nicht wussten:

#kätschitt tweets

 

 

Die Wing-Datenbank war gehäckt worden, und zwar vom 14-jährigen Mash Watabi in Australien. Nach einigem Suchen nach neuangelegten Google-Datenbanken hatte er die Datei wing_beta gefunden. Freundicherweise war sie in opensource-mySQL angelegt worden und nach Eingabe des selbsterklärenden Passworts "wing" hatte Mash Zugriff auf alle Tabellen.

Als geübtem Häcker wurde ihm sehr schnell klar, dass diese Datenbank viel Spaß versprach.

Mash fand in wing_beta unter vielem anderen diverse pdf-Dateien und Bilder. Aus diesen erfuhr er haargenau, was der Google-Konzern plante und tat. Und so entfaltete sich das Wing-Projekt mit technischen Details, Bildern vom Flugobjekt, und dem Betaphasen-Projektablauf vor Mashs Augen. Natürlich auch mit allen Adressen der Versuchsteilnehmer.

Das war der Zeitpunkt, zu dem Mash beschloss, alle seine Twitterfreunde zu informieren, und er kreierte dazu den Häschtäg #kätschitt.

Innerhalb von drei Tagen stieg die Zahl der Follower von Mash (@australiaforever) auf über 10.000 an und weltweit waren hunderte von Kindern und Jugendlichen in der #kätschitt Timeline präsent. Mash Watabi twitterte: "A new game: who catches the wing flying object?" Seine spezielle kätschitt-Gebrauchsanleitung konnte jeder daunlouden.

Auszug aus der kätschitt-Gebrauchsanleitung:
...
Am Fangort verstecken und auf den Wing Copter warten.
Nicht zu früh losrennen. Erst wenn das Paket etwa 10 Meter über dem Boden ist. Dann sind noch etwa 5 Sekunden Zeit, bevor das Paket am Boden ist und vom Seil getrennt wird.
Einer muss zuerst das Seil direkt über dem Paket packen.
Aufpassen: Der Wing Copter kann bis zu 100 Kilogramm tragen. Ihr müsst euch dann sofort zu zweit oder besser zu dritt dranhängen. Und dann runterziehen.
Wenn der Copter am Boden ist, eine auf die Rübe hauen, damit er ruhig ist. Dann die Plakette über der Luke abtrennen mit Zange (Trophäe, Beweis mit WING-ID) und abhauen.
...
Absetzorte und Zeiten:
1.10. 9.30 a.m. Camden Rd., Holloway, London
2.10. 2 p.m. (11 p.m. GMT) Blundell Rd., Vancouver
2.10. 12.15 a.m. (3.15 GMT) Dryndra Str., Canberra
etc.
...

Die Tweets reflektierten die weltweite Begeisterung. Endlich ein spannendes Spiel in Realtime. Es bildeten sich schnell kleine Grupppen, meist drei oder vier Jungs und Mädchen, die den Wing-Beta-Zeitplan auf ihr Phone geladen hatten und nun bereit waren, zuzuschlagen. Der englischen Gruppe gelang der erste Fang nördlich von London. Es folgten weitere Erfolge in Vancouver und Canberra, und noch einige mehr. Immer wurde die Trophäe, die erbeutete Wing-Plakette, gepoustet. Das brachte Ehre und Anerkennung und mindestens weitere 500 Follower.

Die am Wing Flugobjekt angebrachten Kameras hatten die Aktionen natürlich gefilmt. Die ersten drei Sabotageakte sah man in Mountain View noch als mehr zufällige Kinderstreiche an. Doch als sich diese Aktionen in schneller Folge wiederholten und nach drei Tagen schon zehn Wings vom Himmel geholt waren, schlug das Team Alarm. Es musste ein System hinter diesen Anschlägen stecken. Es musste Absprachen geben und die Kommunikationsbasis #kätschitt war schnell gefunden. Was die Experten jedoch verblüffte war der Umstand, dass die Planungen und Absprachen nicht über Twitter liefen. Das konnte nur über andere Netzwerke laufen.

Dave Vos schaltete die NSA ein. Nur die NSA war in der Lage, die gesuchte Kommunikation zu finden und minutiös zu verfolgen*, und das weltweit, denn immerhin handelte es sich hier um kriminelle Akte rund um den Globus. Sie wurde fündig in WhatsApp. Schnell wurde Mash Watabi als der Kopf der Bande identifiziert. Offensichtlich koordinierte er die Anschläge. Er gab die jeweils aktuellen Landezeiten an die Führer der aktiven Gruppen durch und sammelte deren Berichte. Die #kätschitt Tweets gaben eigentlich nur oberflächliche Informationen weiter, aber hier in WhatsApp war man auf der richtigen Spur. Bei der NSA wurde die Recherche inzwischen unter der Bezeichnung <Global Catchit Kids Conspiracy> (GCKC) geführt. Nur die Suche nach Mashs Aufenthaltsort war zunächst nicht erfolgreich.

Um weitere Verluste zu vermeiden (ein Wing kostet gut 100.000 Dollar), wurde das Projekt suspendiert, das heißt, bis auf weiteres gestoppt. Es kam zu einer Krisensitzung in Mountain View.

Im Oval Office des Google Konzerns versammelten sich am 17. November neun Verantwortliche:

Dave Vos: Wing Project Manager
Evelynn Herring: Vice President Communication and Psychology
Herbert Irving: Strategic Development Manager
Max Savage: Chief Controller
Kylie Boulder: Governmental Relations Manager
Roger Chetty: Vice President Marketing
Marilyn Mondroad: Customer Relations Officer
Andrew Anderson: Chief Robotics Officer
Larry Page: Chef (CEO)

Larry eröffnete die Sitzung, indem er sagte: "Folks, wir haben ein Problem!"
Roger seufzte, denn Probleme sind schlecht für das Marketing.
Die rothaarige, außerordentlich attraktive Kylie, auch heute mit knallroten High-Heels (unter dem Tisch, nicht zu sehen), sagte: "Al Hurst (National Security Advisor im White House, Washington) hat mich angerufen: er fragte, was da los sei, und ob etwas dran ist an den Meldungen".
"Shit", meinte Evelynn. "Wenn sich schon die Regierung einschaltet, haben wir wirklich ein Problem!". Roger stöhnte.
Dave meldete sich zu Wort. "Wir haben die Wing Erprobung gestoppt. Es gab keine Zwischenfälle und es wird keine geben!".
Evelynn antwortete darauf ziemlich scharf: "Das ist doch irrelevant. Der Schaden ist doch schon da. Lies doch mal die Zeitung (sie bezeichnete die online-Medien gerne als Zeitungen). Verheerend. Wie steht Google jetzt da? Als Versager!".
Larry intervenierte: "Immer ruhig bleiben. Es ist zwar schade, dass unser Sky Delivery Projekt öffentlich bekannt wurde, aber das System hat ja nicht versagt. Im Gegenteil. Nur haben wir die Realität etwas unterschätzt, glaube ich. Herbert, was sagst du dazu?".
Herbert musste sich erst räuspern, denn wenn einer die Realität richtig einschätzen musste, dann er als Strategienentwickler. "Stimmt, wir haben bei allen Simulationen nicht den Faktor <Kind> berücksichtigt. Das ist meine Schuld und ich trete hiermit zurück!"
"Quatsch! Rede weiter", unterbrach Larry.
"Okay. Die Paket-Touchdownzeit wurde absolut minimiert, doch mit der Schnelligkeit von Jugendlichen haben wir nicht gerechnet. Außerdem ist der Parameter <Bösartigkeit> noch nicht ausreichend im Simulationsprogramm eingearbeitet."
Larry: "Also: wir brauchen eine neue Strategie. Hat jemand Ideen?"
Herbert sagte nichts, weil er momentan keine Idee hatte.
Auch sonst war es zunächst recht still im Raum. Marilyn schlürfte ihren Sex on the Beach.
Dann meinte Andrew: "Vielleicht könnten wir Begleitschutz mitschicken. Wir haben da recht gut funktionierende Combat-Roboter. Die könnten wir auf Kinderabwehr umprogrammieren".
"Ach ja", reagierte Evelynn. "Sehr witzig. Und dann gibt es Krieg bei jeder Lieferung?". Andrew war jetzt eingeschnappt.
Marilyn hatte inzwischen Schluckauf, meldete sich aber trotzdem zu Wort: "Wie wäre es mit kleinen Kids-Coptern, die wir mitschicken und den Kindern quasi als Köder anbieten? (hicks) Dadurch wären sie abgelenkt!".
Max hielt es nicht mehr aus. "Seid ihr wahnsinnig? Wie teuer wollt ihr die Delivery noch machen? Wir haben jetzt schon einen Verlust von einer Million Dollar!". Wieder einmal musste Larry unterbrechen: "Schon gut, Max, du hast ja recht. Evelynn, sag du uns, wie du die Zukunft von Sky Delivery siehst. Hat Sky Delivery eine Zukunft?"
Das war Evelynns Auftritt.
"Ja und nein. Ja in Gebieten, wo es so gut wie keine Kinder gibt - das ist der Fall in einigen europäischen Ländern und... na ja, sonst nicht. Und nein, weil überall, wo Kinder sind, gespielt wird. Games! Und das weltweit. Vergesst nicht, dass die Kinder weltweit vernetzt sind. Das erleben wir ja gerade hautnah". Sie sah zu Kylie hinüber, die ein recht knappes Top trug.
Dave wurde aufgeregt: "Soll das heißen, dass wir das Projekt beenden sollen? Dass Sky Delivery nicht fliegen wird? Soll alles umsonst gewesen sein?"
"Ja", sagte Larry.

Und so endete die Google Sky Delivery, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Mash Watabi bedauerte in einem Tweet etwas später das Ausbleiben weiterer Wing Lieferungen. Doch schon gab es neue Vorschläge, etwa #grandrobbery oder #draivitt.

Kinder sind eben kreativ!


*Obwohl Google den Zugriff auf die WhatsApp Datenbanken erlangen kann, ist es ihr rechtlich untersagt, diese auszuwerten (Verbraucherschutz!), deshalb wird die Auswertung an die NSA delegiert (die allerdings sowieso routinemäßig die Inhalte untersucht).

WING Plakette

Nachtrag:
Natürlich war Mash Watabi enttäuscht vom Ende des Google Wing Projekts. #kätschitt machte jetzt keinen Sinn mehr. Er fand jedoch schnell ein neues Ziel. In der Annahme, dass Versandfirmen in Zukunft ihre Pakete per Fallschirm absetzen würden, nahm in Mashs Kopf die Vorstellung Gestalt an, Copter zu entführen, statt sie gewaltsam auf den Boden zu holen. Er generierte dazu den Häschtäg #häckitt. Eine der Ersten, die sich darin meldeten, war die 12-jährige Akiko Koshitsu in Nagasaki. Sie schrieb, dass sie sehr gern häcke, unter anderem hatte sie auch schon ihre vollautomatische Barbiepuppe gehäckt. Dadurch könne diese jetzt sogar rückwärts laufen. Auch andere Nachwuchshäcker beteiligten sich an dem neuen aufregenden Projekt. Mash übernahm wieder die Leitung. Wichtigste Aufgabe war es nun, die Aufenthaltsorte der Copter zu finden...