Sternenschafe

Molly

1.5.2018

Liebe Kinder,

es begab sich in unserer Zeit, dass Molly, das Schaf, verlorenging. Selbst ein Suchtrupp von 18 Schafen und 2 Böcken, den Mollys Familie sofort losschickte, konnte sie nicht finden.

In ihrer Verzweiflung wandte sich Mummy, das Mutterschaf, an Fred, den Hirten. Sie sagte: "Fred, Molly ist verschwunden". Fred sah sie verwundert an und antwortete: "Das wundert mich nun gar nicht. Sie verschwindet doch öfters". "Ja schon", sagte Mummy, "aber diesmal kommt sie einfach nicht wieder".

Fred, der gerade noch die Zeitung gelesen hatte auf seinem Phone, lud Mummy ein, neben ihm Platz zu nehmen. Er werde mal nachsehen, was da zu machen sei. Also suchte er nach "Tiere finden". In der Ergebnisliste fand sich zunächst nichts hilfreiches, erst der Link zu "Efficient Detection of Lost Animals in the Bush" erwies ich als äußerst nützlich. Es handelte sich dabei um einen Artikel der "Astronomical Society of New South Wales". Darin schrieb Kyren Wilson über ein neues Projekt zur Überwachung von Weideplätzen in Australien.

Es mag seltsam klingen, dass Astronomen, die normalerweise Sterne beobachten, Tiere sichten. Dazu kommt noch, dass Kyren ein guter Freund von Fred ist. Beide sind naturverbundene Outback-Typen in lockerem Outfit. Und da Kyren des öfteren auf seinem E-Bike Typ Freeride bei Fred vorbeischaut, um die duftende Natur inmitten der Schafherde zu genießen, war es einfach naheliegend, ihn anzurufen.

"Hi Fred, what's up?" meldete sich Kyren. "Hey Kyren, wir haben hier einen Notfall", meldete Fred. "Molly ist verschwunden!". "Ist das eins deiner Schäfchen? Das, das immer wegläuft?" - "Genau. Wenn du Zeit hast, komm doch bitte vorbei. Ich habe gerade gelesen, dass du dich jetzt um Tiere kümmerst". Kyren nickte zustimmend und sagte: "Ich kann in einer halben Stunde hier weg. Muss erst noch das Weltraumteleskop einfahren und die Computer auf Standby stellen. Bis gleich".

Fred grinste zufrieden und auch Mummy verzog ihr Schnäuzchen. "Wie wär's mit einem Nickerchen?", fragte Fred. Mummy blökte zustimmend und legte sich auf den Rücken. Fred machte es sich neben ihr bequem. Die Sonne schien, die Hummeln brummten, und es gab nichts schöneres, als auf der saftig-grünen Ebene im Megalong Valley (auf Karte zeigen) den Dinge, die da kommen würden, gelassen entgegenzusehen, denn Kyren war ein echter Wissenschaftler. Er würde Molly finden.

Eine Stunde später hörten sie am typischen Sirren das E-Bike näher kommen. Kyren stellte sein Gefährt ab und begrüßte Fred herzlich - auch Mummy mit etwas Nackenkraulen. Er setzte sich zu den beiden. "Hey, wo brennt's? Erzähl!". Fred schilderte die Lage und vergaß nicht, zu erwähnen, dass seine Herde über viele Kilometer verstreut weidete. "Aha. Molly kann also überall sein. Da hilft nur 'Animal Monitoring'. Ich schlage vor, Fred, du kommst heute Abend ins Observatorium, dann machen wir das. Mummy lässt du besser hier, denn ich habe Null Heu vorrätig". "Und für dich", ergänzte er verschmitzt, "habe ich eine gut gekühlte Flasche Lark (Whiskey) bereitstehen."

In der Abenddämmerung, es wurde schon kühler, ritt Fred auf seiner Yamaha YZF 250 (seinem Hirtenmotorrad) gen Osten Richtung Bowen Mountain. Das Crago Observatory liegt in den Blue Mountains oberhalb von Richmond. Die Rundumsicht dort oben ist wunderschön. Die ersten Sterne am Firmament begannen zu funkeln.

Kyren führte seinen Freund in den Beobachtungsraum. Ein riesiger Bildschirm an der Stirnwand zeigte den Nachthimmel. Weitere Monitore lieferten Detailbilder, Rechnungsdaten, meteorologische Daten, sowie das aktuelle Fernsehprogramm des Sportkanals foxtel. "Pass auf", sagte Kyren und reichte Fred das erste Glas Whiskey an diesem Abend. "Ich erkläre dir, was ich hier mache".

"Du siehst aktuell das Sternbild Ursa Major, die Große Bärin. Darin erkennst du den Großen Wagen". Fred richtete sich auf und rief aufgeregt: "Oh ja, den kenne ich. Wenn man das rückwärtige Segment nach oben fünfmal verlängert, kommt man beim Polarstern an. Das ist dann die Richtung nach Norden". "Genau", erwiderte Kyren anerkennend. Fred fügte hinzu: "Meine Schafe wissen das. Nur, ich fürchte Molly hat das noch nicht gelernt. Die Arme, sicher irrt sie irgendwo durch die Nacht". "Wahrscheinlich schläft sie schon", beruhigte ihn Kyren.

In der Folge wurde Kyren zum belehrenden Wissenschaftler. Er holte diverse Sternbilder auf den großen Wandbildschirm und erläuterte dabei das große erdumspannende Projekt der Planetensuche. Es gibt Milliarden von Milliarden von Sternensystemen - wie unser eigenes Sonnensystem - mit ihren Planeten. Ohne Computer ist es nicht möglich, Klassifizierungen in vertretbarer Zeit durchzuführen. Die meisten Programme orentieren sich an Veränderungen im Sternbild. Zum einen, um Entfernungen zu bestimmen, zum anderen, um Unregelmäßigkeiten zu entdecken, die auf Planeten hinweisen, die naturgemäß nicht sichtbar sind, weil sie nicht strahlen.

Kyren nahm einen Schluck, um die Kehle mit aromatischem Lark anzufeuchten. "Weißt du, die Sterne sind für uns nur Lichtpunkte. Je weiter sie entfernt sind, desto schwächer ist ihr Licht. Manchmal denke ich an eine riesige Schafherde, die am Himmel grast". Fred fand das natürlich interessant. Scherzhaft meinte er: "Und du bist sicher, dass deine Sternenschafe da oben genug zu fressen haben?". "Sie leben vom goldenen Sonnenstaub, den die Sonnenwinde durchs Universum wehen!", erklärte Kyren. Nun machten sich bei ihm doch die langen einsamen Nächte im Observatorium bemerkbar.

"Zurück zum Thema", ermahnte sich Kyren. "Wir benutzen im Observatorium Programme, die die Lichtpunkte identifizieren, verfolgen, und neue, noch unbekannte Punkte erkennen". Es wäre möglich, so fuhr er fort, das Programm auch auf terrestrische Objekte zu trainieren. Kyren verwendet hauptsächlich das Open Source Programm UniMap. Durch Eingriffe in den Code konnte er schon Versuche mit der Sichtung von Koalas in den Wäldern des Bowen Mountains erfolgreich absolvieren.

Fred spitzte die Ohren. "Verstehe ich dich richtig - du könntest meine Schafe zu Objekten für dein UniMap-Programm machen?" - "Ja natürlich. Ich brauche nur ein paar Daten von dir". Gesagt, getan. Kyren stellte die Fragen und gab Freds Angaben in den Computer ein. Als da waren die Anzahl von Schafen, das Aufenthaltsgebiet (ungefähr), Leittiere und ihre Namen, Gruppengrößen, auffällige Verhaltensweisen einiger Tiere (zum Beispiel Mollys Drang, sich von der Gruppe abzusetzen), Wasserstellen, Ruheplätze, Nachtverhalten. Nach einer Stunde Arbeit war das Schafsmodell fertig.

Kyren und Fred prosteten sich mit einer frischen Dosis Lark zu. "Ich habe vergessen, dir zu sagen, dass die Beobachtungen immer nachts stattfinden", verkündete Kyren. "Tagsüber ist der Boden zu heiß für die Thermobilder und dadurch der Kontrast zu gering. Ach ja, ich vergaß zu sagen, dass ich die lebenden Objekte mit der Infrarot-Wärmebildkamera erfasse (Anm. d. Red.: Wissenschaftler vergessen ständig etwas). Und nachts ist der Boden kälter und man sieht die warmen Tiere besser".

Auf dem Weg nach oben aufs Dach des Observatoriums sagte Kyren ergänzend: "Ach ja, übrigens fliegen wir die Kamera mit einer Drohne durch die Gegend". Aha, dachte Fred. Er kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Neben dem Antennenmast stand eine stattliche, im Mondlicht glänzende DJI-Drohne. Kyren kauerte sich daneben, prüfte die Einstellung der Kamera, und startete seinen ProBook-Computer. Nach Prüfung der Flugeinstellungen und der Ankopplung an das Schafsmodell im Zentralcomputer startete Kyren das Fluggerät, das schnell abhob und in der Nacht verschwand, seiner Mission entgegenstrebend.

Fred und Kyren im Monitorraum

Darauf gingen sie zurück in den Monitorraum. Kyren schob zwei Burger in die Mikrowelle und sagte: "Ab jetzt können wir nichts tun als zuzusehen. Auf dem großen Schirm siehst du schon die Kamerasicht". Sie machten es sich bequem, verzehrten mit großem Appetit ihre Känguburger, dazu erfrischendes Pale Ale, und starrten auf den Wandmonitor. "Was macht sie denn jetzt?", mampfte Fred. "Oh, ganz einfach. Sie fliegt das ganze Gebiet ab, das wir im Modell definiert haben. Dabei zeichnet sie immer dann Bilder auf, wenn Objekte in Sicht sind - ah, so wie jetzt. Sieh mal, die hellen Punkte, das könnten deine Schäfchen sein". Fred neigte sich dem Monitor entgegen, um besser sehen zu können, doch er erkannte nichts außer vielen Flecken.

Kyren beruhigte ihn. "Das dauert jetzt mehrere Stunden! Die Kamera scanned das ganze Gebiet und analysiert die Objekte immer wieder neu. Im übrigen geht das Programm davon aus, dass Molly recht weit von der Herde entfernt ist". Er gab Fred einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und sagte: "Entweder wir machen die Flasche jetzt leer oder wir pennen ein paar Stunden". Darauf Fred grinsend: "Erst die Flasche, dann pennen, hä!".

So geschah es. Morgens um 6 ertönte das <monitoring-alert-signal>. Kyren rieb sich die Augen. "Aha, wir haben Molly gefunden". Beide sahen sich das ID-Bild mit den Koordinaten auf dem Monitor an. "Komm, wir frühstücken, dann düsen wir mit den Mopeds los".

Zur selben Zeit frühstückte Jenny Mayfair mit ihren Eltern in der Elsewhere Lodge, knapp zwei Kilometer nördlich des Megalong Valleys. Jennys Eltern betreiben die recht einfache Unterkunft für Wanderer und Biker. Gegen 7 Uhr verließ Jenny die Lodge und machte sich mit ihrem Fahrrad auf den Weg zur Megalong Public School. Der Morgen versprach wieder einmal einen wunderschönen Tag. Dazu passte, dass Jenny am unteren Ende des Waldes vor der Schule auf ein kleines Schaf traf, das am Wegesrand rastete und erbärmlich blökte. Nanu, dachte sie, es ist ganz allein. Sie hielt an, beugte sich nieder und streichelte es. Sie schrak jedoch zurück, als das Schaf völlig unerwartet sprach: "HILF MIR - bitte".

Molly und Jenny

Natürlich war Jenny völlig verdattert, aber sie faßte sich ein Herz und setzte sich neben das arme kleine Schaf. "Was ist denn passiert?", fragte sie. Und da brach es aus Molly mit blökendem Schluchzen heraus: "Hab mich verirrt. Weiß nicht, wo Mama ist. Ohje!". Jenny war nun voller Mitgefühl. Sie überlegte fieberhaft, was zu tun sei. Schließlich kam ihr eine Idee. Sie holte ihr Phone heraus und schlug die Karte der Gegend auf. "Guck mal, vielleicht erkennst du, wo die Herde zuletzt war?". Molly starrte auf das Display. Sie rollte die Augen und schluchzte weiter. Immer wieder schüttelte sie den Kopf, aber besah sich weiter die hin und her scrollende Karte...

In diesem Moment näherten sich unter Sirren und Knattern die beiden Astronomen (Fred war in der Nacht ebenfalls zum Sternenanbeter geworden). Sie bremsten scharf und stiegen ab. Molly zitterte. Fred ging zu ihr und nahm sie in den Arm. Jenny stand auf. "Das Schäfchen hat sich verlaufen. Ich kann ihr aber nicht helfen!". Kyren lachte. "Dazu sind wir da. Komm, wir setzen uns und ich erzähle dir, wie wir euch gefunden haben". Jenny war jetzt natürlich neugierig geworden.

Wenn sie auch nicht alles verstand von den Sternen und Galaxien, den Detektions- und Analyseprogrammen, den Bilderfassungsverfahren und der Infrarotmessung - Drohnen kannte sie, denn sie hatte selbst eine kleine zum Spielen. "Siehst du", sagte Kyren zum Schluss, "Der Computer hat uns gesagt, wo wir Molly finden". "Toll" - Jenny war begeistert. "Darf ich mir das mal ansehen?" - "Klar", Kyren freute sich über ihre Wissbegierde. "Ich werde mit deinen Eltern reden. Ich lade sie ein, mit dir ins Observatorium zu kommen und dann zeige ich euch die Sterne".

Jenny war glücklich. Ein Küsschen auf Mollys Näschen und schon düste sie los auf ihrem Fahrrad. Sie war ein bisschen spät dran.

"Okay", sagte Fred. "Das hat ja verdammt gut geklappt. Glückwunsch, Kyren!" Der war jetzt etwas verlegen, meinte aber: "Immer zu Diensten, Fred. Ich muss zur Arbeit. Mach's gut!". Er sirrte los. Fred ging zu Molly und setzte sie auf den Tank seiner Yamaha. Dann fuhr er querfeldein zum Valley. Bald fuhren sie an den ersten Schafen der Herde vorbei. Doch Fred hielt erst an, als sie Mummy erreichten. Sie waren noch nicht zum Stillstand gekommen, da sprang Molly vom Moped und in die Arme ihrer Mutter. Überglücklich rieb Molly ihr Näschen am warmen, weichen Fell von Mummy. Diese sagte leise: "Läufst du mir nochmal weg?" "NIEMALS", blökte Molly. Und wenn Schafe weinen könnten, wären ihr in diesem Moment die Augen sehr feucht geworden.

Seht ihr, liebe Kinder, so hat alles ein gutes Ende gefunden. Die Sternenschafe im Megalong Valley haben ihre Molly wieder. Und Fred ist der glücklichste Hirte in ganz Australien.

Quellen:
https://www.nytimes.com/2018/04/05/science/drones-infrared-cameras-animals.html
https://twitter.com/cburkesci?lang=de
https://www.ljmu.ac.uk/about-us/staff-profiles/faculty-of-engineering-and-technology/astrophysics-research-institute/claire-burke
https://www.imveurope.com/news/thermal-detection-endangered-species-helped-astronomy-software
http://larryo.org/astronomy/software/unimap/
http://www.astrometrica.at
https://en.wikipedia.org/wiki/Astronomical_Society_of_New_South_Wales
https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/astronomische-massstaebe/entfernungen-teil1/

Anmerkung:
Mehr Informationen zu Drohnen in der Meldung "Gefahr: Drohne"

Zum Schluss ein Witz nur für Kinder:
"Du hast acht Äpfel, Benjamin", sagt der Lehrer, "wenn du deiner Schwester die Hälfte abgibst, wie viele hast du dann?" - "Fünf!" - "Aber Benjamin, du wirst doch wohl acht durch zwei teilen können!" - "Ich schon, aber meine Schwester nicht."