Unterwelt

25.5.2015

Wie Cro- unter die Erde geriet, weiß niemand, nicht einmal er selbst. Tatsache ist, dass Cro- in einem unteridischen Höhlensystem lebt, und das, soweit er zurückdenken kann. Abends geht er auf die Jagd in den umliegenden Wäldern. Hasen, junge Rehe, Frischlinge - alle erlegt er mit seinem Speer, dessen Granitspitze regelmäßig zu schärfen ist. Cro- lebt bescheiden, aber nicht unglücklich in seiner Höhle tief unter der Erde. In etlichen Nachbarhöhlen leben Menschen wie er. Doch im Prinzip lebt jeder für sich.

Nach der Jagd und noch vor der Präparation seiner Beute nimmt Cro- sein wohlverdientes Abendessen ein, das immer aus Champignons in unterschiedlichen Zubereitungsvarianten besteht. Diese Pilze gedeihen in seiner Höhle bestens. Die stets feuchten Wände sorgen für gesundes Wachstum. In seiner Freizeit, und das ist spät in der Nacht, widmet sich Cro- der Höhlenmalerei.

Diese stetige Wiederkehr von Jagen, Essen, Malen wurde eines Tages jäh unterbrochen durch ein Ereignis, das sein Leben drastisch verändern sollte.

Als Cro- aus einer verregneten Sommernacht in seine Höhle zurückkehrte, fiel ihm zuerst die Helligkeit schon im Eingang auf. Vorsichtig - denn immer war es dunkel, wenn er nach Hause kam - schlich er auf sein Wohnzimmer zu. Behutsam, wie auf der Jagd, trat er ein und erstarrte. Alles Blut schien in seine Adern zu gerinnen beim Anblick einer hell leuchtenden Wand, auf die ein Mensch, eine Frau, wie er so eine noch nie gesehen hatte, gemalt war.

Und dann kam das Entsetzen: die Frau bewegte sich. Sie lebte. Und sie war größer als Cro-, und sie musterte den Raum, in den sie hineinblickte - und sie sah Cro- an.

Instinktiv richtete Cro- seinen Speer auf diese wahnsinnige Erscheinung. Sein Herz schlug wie rasend, aber er war bereit. Würde die Frau auf ihn zukommen, er würde nicht fliehen! Doch sie kam nicht. Statt dessen sprach sie:

"Hallo! Ich bin JILL. Wer bist du?"
Cro- fühlte, wie ihm langsam die Sinne schwanden. Diese Stimme kam von überall her und drang in ihn ein.
"Hörst du mich? Wie heißt du?"
Cro- rührte sich nicht. Äußerlich wie erstarrt tobte in ihm ein Kampf. Es ist nur eine Frau, sagte er sich. Sie ist größer als ich, aber sie wird nicht kämpfen. Mit dieser Gewissheit löste sich seine Starre. Ein Gedanke formte sich und ein Wort:
"Kro".
"Ah, hallo Kro. Ich freue mich, dich kennenzulernen. Bist du überrascht?"
"Wie bist du hier hereingekommen?" stieß Cro- hervor. Ihm war richtig übel.
"Oh, ganz einfach. Wir haben die Übertragung installiert, weil wir dir gute Angebote machen können!"

Cro- verstand nicht, was sie damit meinte. Doch ihre Stimme war wohlklingend und nicht feindlich. Cro- begann, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Er wartete ab. JILL erwartete keine Antwort. Sie sagte: "Verstehst du mich? Kro, pass auf. Leg deinen Speer weg und höre zu. Ich erzähle dir, was wir machen können."

Cro- holte sich zwei Champignons und setzte sich auf den Boden. JILL begann mit einer Schilderung der Funktionsweise der Wand (the Wand). Sie zeigte ihm die Knöpfe, auf die er drücken konnte, um andere Bilder zu sehen. Cro- probierte das aus. Dazu musste er sehr nah an die Wand herantreten. Inzwischen war er aber überzeugt, dass JILL nicht aus der Wand heraustreten würde und deshalb machte ihm die Nähe der Wand nichts aus.

Unter Anleitung von JILL lernte Cro- den Browser kennen. "Kro", sagte JILL, "das ist dein neuer Freund. Er heißt Chrome". Cro- trat ein paar Schritte zurück und betrachtete seinen neuen Freund, der vor ihm in allen Farben strahlte. "Wenn du etwas Neues sehen willst, sagst du es Chrome", fuhr JILL fort. Cro- probierte dies und jenes und dann wollte er sich neue Waffen zum Erlegen von Hirschen ansehen. Er teilte dies seinem Freund mit und der präsentierte ihm eine Übersicht mit Bildern vom Hirschfänger über die Armbrust und die Steinschlossflinte bis zur Winchester im Short-Magnum-Kaliber. Cro- machte große Augen. Das gefiel ihm, vor allem, weil immer wieder Abbildungen von Hirschen dazwischen waren. Mehr als einmal musste er den Impuls unterdrücken, seinen Speer auf das Wild abzufeuern.

Bald wurde Cro- müde, denn es war spät geworden. Er musste noch das Wildbret in die Kühlkammer bringen. Links auf Augenhöhe befand sich ein Knopf zum Ausschalten der Wand. Cro- betätigte diesen, worauf die Wand in Standby ging, das heißt, sie leuchtete nur noch schwach.

Nachts durchlebte Cro- mehrere Albträume. Eine wiederkehrende Szene war die, in der er in die Wand hineingesogen wurde und in einer Flut von Bildern, Farben und Geräuschen unterging. In einer anderen Szene kam er JILL so nah, dass er sie fast berührte. Sie war warm und strahlte, und ihm wurde sehr heiß.

Aufgewühlt und unruhig aß Cro- drei Champignons zum Frühstück und machte sich auf den Weg an die Erdoberfläche, um nach seinen Fallen zu sehen. Bei Erfolg würde es heute Kaninchen zu Mittag geben. Er blieb eine ganze Weile draußen und streifte durch den Wald. Allmählich verschand die Wand vor seinen Augen. Er konnte wieder klar sehen: die Wiesen, den Wald, die Felsen, die Wolken, die Falken, die Sonne. Er beschloss, eine neue Malerei anzufertigen, die alles enthalten sollte, was er so sehr schätzte, darunter auch einen Hirschen. Und so kletterte er guten Mutes hinunter in seine Höhle.

Er aß ein Stück von der Hirschkeule vom Vortag und machte sich dann ans Werk. Schon bei den ersten Strichen mit dem zugespitzten Kreidefelsstift glomm die Wand auf. JILL war wieder da. "Hey Kro, erzähl mir, was du da machst". Cro- erzählte es ihr. "Du malst an die Wand?". Cro- fand JILL nach dem gestrigen Abend nicht uninteressant, aber in diesem Moment störte sie ihn. "Mhhmm", im Mund hielt er gerade den roten Stift. "Schön", sagte sie. "Weißt du was...", sie konnte anscheinend nicht aufhören zu reden, "...wenn du gerne malst, hast du doch bestimmt schon viele Malereien gemacht, ja?". Irritiert blickte Cro- zu JILL hinüber. "Würdest du mir eine fertige Malerei zeigen?" Nie hatte Cro- bisher irgend jemandem seine Werke gezeigt. Sie waren immer sein Liebstes und ein Geheimnis. "Na komm schon", lockte JILL.

Frühwerk

Cro- gab nach und ging in einen der hinteren Höhlenräume. Wieder zurück hielt er sein Werk, ein ganz frühes, vor die Wand. "Hier, das habe ich ganz am Anfang gemacht". JILL beugte sich vor. "Aah, das ist schön. Das ist also dein Frühwerk! Das ist wunderschön. Das hätte ich gern". Niemals, dachte Cro-. JILL, die ihm ansah, was er dachte, fuhr fort: "Pass auf, Kro, ich mache dir einen Vorschlag. Ich gebe dir viele schöne Farbstifte zum Malen und dafür gibst du mir dein Frühwerk - nur leihweise! ... Ja?"

Natürlich war das sehr verlockend, denn Stifte waren immer schwer zu beschaffen und mit viel Handarbeit verbunden. Nach einigem Hin und Her sagte Cro- zu. "Wunderbar! Ich zeige dir, wie die AMZON-Klappe funktioniert. Du siehst sie doch neben der Wand, ja?" Cro- ging zu der grünen Klappe, die ihm bisher gar nicht aufgefallen war. JILL erklärte, wie sie zu öffnen war und sprach über die innenliegende Box, in die man Dinge hineinschieben konnte. Wenn sie ihm demnächst die Stifte schicken würde, könne er diese aus der Box entnehmen. "Ich will aber erst die Stifte haben", sagte Cro-. JILL lächelte. Sie hatte Cro- voll in der Hand. Er war einfach noch ziemlich jung. "Okay, morgen sind die Stifte da. Wenn sie in der Box sind, leuchtet die Klappe. Achte darauf".

Am nächsten Morgen leuchtete die AMZON-Klappe und Cro- öffnete sie noch vor dem Frühstück. Tatsächlich befand sich ein großes Paket in der Box. Cro- trug es in sein Atelier, um es zu öffnen. Er fand darin zehn Schachteln mit je 24 Pelikan Ölpastellkreiden. So ein Glück! Er fertigte probehalber eine kleine Zeichnung an und stellte fest, dass Ölpastellkreiden perfekt für die Höhlenmalerei geeignet sind.

Zurück im Wohnzimmer war JILL schon da. "Na....? Zufrieden?". Cro- bedankte sich artig und ging zurück ins Atelier, um sein Frühwerk zu holen. Mit einem Anflug von Bedauern schob er das Werk in die Box und schloss die Klappe. Ein kaum hörbares Surren signalisierte den Abtransport. "Sehr schön", sagte JILL. "Ich danke dir für das schöne Bild! Ich werde gut darauf aufpassen."

Cro- holte sich sein Frühstück aus der obersten Champignonslade, indem JILL weiter sprach. "Mein lieber Kro, ich möchte dein Werk meinem Agenten zeigen. Ist das okay?". "Mmhhmmhm" gab Cro- zur Antwort. Er kaute schon. Und so begann eine wunderbare Geschichte, in der Cro- in der Höhle und JILL in der Wand zusammenfanden und große Dinge erreichten.

Im Laufe der folgenden Jahre versorgte Cro- seine Freundin mit immer neuen Höhlenmalereien, und sie ihn im Gegenzug mit Werkzeugen, Stiften, köstlichen Leckereien (zum Beispiel Gänseleberpastete), Getränken (Wikinger Met), Büchern, speziell über Maltechniken, Bärenfelle und vieles mehr. Ab und zu realisierte sie eine Live-Schaltung zu ihrem Agenten, einem hageren mittelalten Mann mit Schnurrbart, der sich immer in einem Atelier befand und eindringlich mit Cro- über dessen Kunst sprach. Der Agent berichtete über diverse Ausstellungen, in denen er einige von Cro-s Werke zeigte. Interessant wurde es, wenn er Cro- um die Ausführung von Kundenaufträgen bat. Manche Kunden wollten ein Mammut im Bild haben. Cro- sagte immer zu, denn alles ging ihm leicht von der Hand, aber manchmal bat er JILL um Hilfe, zum Beispiel wenn er ein Bild von einem Mammut als Vorlage benötigte.

Zehn Jahre später waren die Höhlenmalereien von Cro- in der Kunstszene anerkannt. Man schätzte die kräftigen Ockerfarben und die einfache Bildsprache. Einige Sammler begannen, viel Geld für die Bilder zu bezahlen. Besonders achteten sie auf die Signatur <ca. 30.000 B.C. / Cro->. JILLs Agent hatte Cro- eingeschärft, immer diese Signatur rechts unten anzubringen, und immer in derselben Farbe. Nur so war die Echtheit bewiesen.

Cro- bei seiner Vernissage

Cro- begann, große Reisen zu unternehmen, in der Regel zu den bekannten Galerien in der Welt. Sein Agent organisierte die Termine und die Reisen. Ziele waren unter anderem die Ca' Pesaro Galleria in Venedig, die Serpentine Gallery in London, die Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen. Der Durchbruch gelang jedoch mit der Einladung der Jack Shainman Gallery in New York. Damit gelang der Sprung über den Atlantik. Diese renommierte Galerie bot ihm eine Exklusivausstellung seiner wichtigsten Werke. Cro- war zur Vernissage eingeladen.

Noch am Vorabend durfte Cro- mit der hübschen blonden Sekretärin des Galeriebesitzers Shainman, Maryll Hawkings, ein Abendessen im Restaurant auf der Panorama-Etage des One World Trade Centers einnehmen. Für Cro-, der sein halbes Leben unter der Erde verbracht hatte, war das ein geradezu ekstatischer Höhepunkt. Beim grandiosen Ausblick auf den Hudson River und die Freiheitsstatue in der Ferne beschloss er, nun auch architektonische Elemente in seine Höhlenmalerei aufzunehmen, was später einen neuen paläolithischen Kunststil begründete.

Mehrmals im Jahr verschwand Cro- für einige Zeit. Niemand wußte, wo er sich aufhielt, auch sein Agent nicht. Cro- kehrte dann an den Ort seines Schaffens, in sein Refugium zurück. Immer wenn er seine Höhle im vierten Stockwerk betrat, atmete er tief durch, zündete die Fackeln an und sah nach den Champignons. Und irrsinnigerweise erwachte die Wand jedesmal zum Leben in dem Moment, da er sein Wohnzimmer betrat. Wenige Minuten später begrüßte ihn JILL: "Hi Kro, schön dass du wieder zuhause bist!" Cro- genoss das. Er wollte es sich eigentlich nicht eingestehen, aber schon vor langer Zeit hatte er sich in sie verliebt. Auch diesmal brannte er darauf, JILL alle Neuigkeiten zu schildern. Sie hörte aufmerksam zu und ermutigte ihn, mehr ins Detail zu gehen. Den Abend mit Maryll erwähnte er nicht. Die Ausstellung in New York beschrieb er jedoch mit vielen euphorischen Worten. Er erzählte von der alten Dame, einer Kunstsammlerin, die ihn nach der Art der Leinwand gefragt hatte, auf die er male. Und wie er geantwortet hatte: "Fels. Vorwiegend anzutreffen in Südfrankreich."


Nachtrag:

Eine lange Zeit später, vielleicht nach Jahren, vielleicht Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden wird auch die vierte Etage im Felsen Bombrini in der Nähe der Stadt Grimaldi di Ventimiglia an der französisch-italienischen Grenze gefunden werden. Darin ein gut erhaltenes Neandertalerskelett. Auffallend die vielen farbenfrohen und außerordentlich facettenreichen Höhlenmalereien. Ein Bild, das man in jener Zeit in Fachkreisen zum Meisterwerk des unbekannten Künstlers kürt, zeigt am Rande einer weitläufigen Flusslandschaft eine kleine Statue, die nach Expertenmeinung eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Statue of Liberty im früheren New York aufweist. Diese Deutung ist jedoch nach wie vor umstritten. Unbestritten ist aber der Wert der Kunstwerke, die mehr als 30.000 Jahre in einer Höhle unter der Erde verborgen waren.