Weltreise

6.12.2014

Meine Weltreise verlief unspektakulär. Ich war 80 Tage unterwegs. Das ist so üblich.

Das Ganze begann damit, dass mein Briefmarkenladen immer schlechter lief. Immer weniger Kunden besuchten den Laden, um sich Briefmarken anzusehen und zu kaufen. Mein Angebot ist recht attraktiv, auch für Experten, doch die Tendenz, Briefmarken über das Internet zu beschaffen hat mir doch massiv geschadet und das wird auch nicht wieder besser werden.

Zum Glück habe ich über die Jahre Rücklagen gebildet. Nicht sehr viel, doch für eine Reise um die Welt sollte es reichen. Das konnte ich mir aber erst nach dem Kauf der Weltreise-Äpp bestätigen. Die Weltreise-Äpp ist übersichtlich gestaltet und hat einen großen Vorteil: sie listet ganz genau die Orte mitsamt Koordinaten auf, die man bereist, um einmal um die Welt zu gelangen. Man muss also nicht den Tischglobus bemühen und sich selbst eine Route zusammenstellen. Sehr praktisch!

Die Weltreise-Äpp, kurz WÄ, gibt auch Tipps für die benötigte Ausrüstung, für die benötigte Geldmenge in verschiedenen Währungen, und die geistigen Voraussetzungen zur Bewältigung der Strapazen, die unweigerlich auf einer solchen Reise auf einen zukommen. Innerhalb vier Wochen hatte ich alles zusammen und war reisefertig. Am 10. Mai belud ich mein Motorrad und fuhr los.

Beginn einer Weltreise

Zum Glück zeigt das WÄ auch die genaue Reiseroute an. Das erste Ziel war gemäß Weltreiseplan Travemünde. Ich kam am frühen Abend an, um dann gegen 22 Uhr einzuschiffen und nach Schweden überzusetzen. Nach dem Abendessen ging ich in meine Kajüte und befragte das WÄ nach dem nächsten Ziel. Der nächste Halt sollte in Jokkmokk in Nordschweden sein. Jokkmokk ist die Hauptstadt Lapplands und sehenswert nach Meinung des WÄ. Sehr zufrieden mit meiner bisherigen Reise legte ich mich schlafen.

Als ich aufwachte, liefen wir gerade in den Hafen von Trelleborg ein (auf Karte zeigen). Ein Kaffee im Stehen und ich fuhr los gen Norden, das Display am Lenker mit seinen Wegweisungen beobachtend. Es war ziemlich kühl, aber die Sonne stieg hoch und wärmte ein wenig.

Mein Motorrad bewegte sich zügig vorwärts und bald waren wir durch Malmö durch auf dem Weg Richtung Stockholm, immer die E22 entlang. Die führt mehr oder weniger am Baltischen Meer entlang, das ich ja kenne, da ich an der Ostsee lebe - insofern nichts Neues.

An diesem ersten Tag kam ich nicht weiter als bis kurz hinter Uppsala, das es recht früh schon dunkel wurde. Am nächsten Tag ging es weiter am Meer entlang, doch leider erreichte ich Jokkmokk bis Abend nicht. Ich fuhr solange es ging. Als es dunkel wurde und ich unsicher war, wo ich die Nacht über bleiben konnte, näherte sich auf dem Highway ein SUV-Offroader mit starkem Scheinwerferlicht und hielt an. Ein Mann kam auf mich zu, streckte die Hand aus und sagte: "Ich bin ein Same und mein Name ist Frans (<Samen heißt das, nicht Same> dachte ich bei mir). Was machst du hier?" Ich stellte mich und mein Vorhaben vor. Ganz spontan lud Frans mich nun ein, ihm zu folgen, er würde mir eine Unterkunft verschaffen. Ich fuhr also hinter ihm her.

Bei Bär Gas geben

Und tatsächlich kamen wir bald an einer Holzhütte mitten in der Tundra an. Drin brannte ein offenes Feuer und es war schön warm. Überall lagen Bärenfelle herum, richtig gemütlich. Frans kam mit einer Flasche Whiskey an, offenbar in der Meinung, ein Motorradfahrer brauche sowas. Wir zechten also bis in die Nacht und erzählten viele Geschichten, wobei ich viel von meinen Briefmarken berichtete, ohne zu wissen allerdings, ob die Samen (früher "Lappen") überhaupt Briefmarken haben. Frans warnte mich vor dem Versuch, Bären zu streicheln. Auf meinem weiteren Weg solle ich besser nicht anhalten, wenn Bären auftauchten, und außerdem hätte ich ja kein Gewehr bei mir. Ich merkte mir das.

Als ich endlich in mein Bärenfellbett sank, dachte ich mir: So eine Gastfreundschaft findest du in Deutschland nicht. Da musst du schon ins Ausland reisen, um so eine Gastfreundschaft zu finden!

Am Morgen brutzelte ich für uns beide ein Schinkenspeck-Rührei-Frühstück. Eigentlich hatte ich den Schinken und die Eier für den Notfall mitgenommen, aber für so eine Gastfreundschaft opferte ich sie gerne.

Auf dem Display hatte ich jetzt Jokkmokk. Dort angekommen (auf Karte zeigen) stellte ich fest, dass das Zentrum aus dem Kreisverkehr besteht, der die Auffahrt zur und Abfahrt von der E45 Autobahn ermöglicht. Mein WÄ gab zwar an, dass in Jokkmokk im Februar ein großer samischer Jahrmarkt stattfindet, doch jetzt war es Mai. Ich fuhr also ein paar mal um den Kreisverkehr herum und dann weiter.

Es ging weiter durch die Tundra, die ziemlich leer ist. Von daher gab es nicht viel zu sehen, nur auf dem Display gab es ab und zu Veränderungen. Das Hauptziel war Murmansk, aber zwischendurch gab es immer wieder Bärenwarnungen. Wenn ich Bären sah, gab ich Gas. So gab es keine Berührungen, die doch recht unliebsam hätten sein können, zumindest für mich.

Da es nach Murmansk keine direkte Straßenverbindung gibt, musste ich querfeldein fahren. Nur gut, dass ich mein Motorrad gut präpariert hatte. Und das Fahren durch Morast und Schnee hatte ich im Winter in Kaltenkirchen geübt. Das kam mir jetzt zugute. Trotzdem war ich gut eine Woche lang unterwegs, und es war saukalt! Bis auf einige Rentiere und Wildschweine sah ich unterwegs keinen Menschen. Am schwierigsten war das Fahren im Schneetreiben, doch zum Glück konnte ich immer noch das Display ablesen und das zeigte nach Osten, was ganz beruhigend war.

Endlich traf ich wieder auf menschliche Siedlungen und kam Murmansk immer näher. Das letzte Stück konnte ich auf der E105 fahren und hatte somit wieder festen Boden unter den Rädern. Kaum angekommen suchte ich zuerst ein Café auf, um endlich wieder einmal innerlich warm zu werden (auf Karte zeigen). Murmansk ist nicht sehr groß, doch mein WÄ wies auf die Hauptattraktion der Stadt hin: den Unterseeboothafen. Auf einem Photo lagen zahlreiche U-Boote wie Wale in der Bucht von Murmansk. Neugierig geworden steuerte ich den Hafen an.

Murmansk

Es war ein schöner Tag. Die tiefstehende Sonne beleuchtete eine riesige dunkelblaue Wasserfläche ohne erkennbare Erhebungen. Wo ich die Kommandotürme der U-Boote erwartete, dehnte sich nur der Wasserspiegel bis zum Horizont aus. Kein einziges U-Boot war zu sehen! Was mir zuerst einfiel war, dass die U-Boote wahrscheinlich alle unter Wasser waren. Dort wo sie eigentlich hingehören. Sie konnten aber auch alle unterwegs sein, viele von ihnen wahrscheinlich unter dem ewigen Eis und in der Nähe von Amerika. Da man bekanntlich nicht beweisen kann, dass es etwas nicht gibt, konnte ich in diesem Moment auch nicht sicher sein, dass die U-Boote nicht im Hafen von Murmansk lagen. Ich entschied mich in dieser Situation zu einer Einstellung, die zutiefst menschlich ist: ich glaubte einfach daran, dass die U-Boote der russischen Kriegsmarine in der Bucht vor mir lagen, auch wenn ich sie nicht sehen konnte und damit keinen Beweis hatte!

Erleichtert wollte ich aufsteigen, doch ein Geräusch ganz nah bei mir und erstaunlicherweise über mir ließ mich innehalten. Über mir schwebte ein riesiger Vogel, nein - ein fliegendes Objekt, nein - ein Supergebilde, das ein surrendes und zugleich quäkendes Geräusch von sich gab. Auf der mir zugewandten Unterseite war ein blinkender Schriftzug [Hallo] zu sehen. Ich winkte. Ein neben mir stehender Mann stieß mich an, deutete auf das Gebilde und sagte: "русского шпиона". "Aha, danke." entgegente ich. Irgendwie war das faszinierend, doch ich musste weiter.

Während der Fahrt aus der Stadt heraus fiel mir irgendwann auf, dass das Geräusch, das ich im Hafen kennengelernt hatte, ständig zu hören war, ganz so, als ob das Gebilde mir folgen würde. Ich blieb stehen und tatsächlich war es da - kaum über Kopfhöhe und nur wenige Meter entfernt. Auf seinem Bauchdisplay blinkte [Hunger?]. Ich schüttelte den Kopf und fuhr weiter.

Obwohl die jeweilige Fahrtrichtung auf dem Display angezeigt wurde, wollte ich nun doch einmal grundsätzlich nachsehen, was das nächste Ziel sein würde. Ich hielt also nocheinmal an und befragte das WÄ. Die Antwort war "Vladivostok". Die Reiseentfernung vom aktuellen Standort aus stand darunter geschrieben: 10.296 Kilometer. Da beschloss ich, sicherheitshalber zu tanken. Außerdem war es eine gute Idee, den Proviant etwas aufzustocken. An der Tankstelle riet man mir, den Perekryostok-Markt in der Nähe aufzusuchen. Im Markt stellte ich fest, dass es wunderbare russische Spezialitäten gab, also genau das richtige für die lange Reise. Ich wählte Kaviar nicht zu knapp, weil billig, dazu Oliven und eine Flasche Wodka für kalte Nächte.

An der Kasse sah ich durch die Schaufensterscheibe meinen Verfolger, das Flugobjekt., leicht schwebend und in der Dunkelheit schwach leuchtend. Sein Bauchdisplay konnte ich gerade noch ablesen: [Nichts vergessen?]. Ich schüttelte den Kopf.

Da es schon dunkel war, stand die nächste Übernachtung an. Außerhalb der Stadt schlug ich mein Zelt auf. Eigentlich kann man nicht sagen, dass ich es aufschlug. Vielmehr drückte ich auf einen Knopf und das Zelt entfaltete sich in die Endform, verankerte sich im Boden, und öffnete den Eingang, so dass ich jetzt nur noch hineinzuschlüpfen brauchte. Bevor ich es vergesse: das Zelt ist beheizt, also der Boden. Es handelt sich eben um die Weltreiseausführung.

друг

Als ich meinen Begleiter ansah, auf dessen Display stand [müde?], konnte ich ihn nicht einfach draußen stehen lassen. Ich hatte den Eindruck, er verlangte nach Gesellschaft. Also entrollte ich meinen Schlafsack draußen, so dass wir beide Platz darauf hatten. Dazu holte ich die Flasche Wodka. Da ich das Gefühl hatte, dass mein Begleiter vorhatte, mich nicht mehr so schnell zu verlassen, fragte ich ihn: "Wie heißt du?". [друг] (Freund). Schön. Da mein neuer Freund keinen Wodka trinken wollte (ich konnte auch nicht erkennen, wie das gehen sollte) trank ich für ihn mit. Einmal während unseres Gesprächs überkam es mich und ich stieß mit ihm auf Bruderschaft an. Bei der Umarmung fühlte er sich angenehm warm und fast elektrisierend an. Er war eindeutig geladen, vermutlich ein natürlicher Schutz gegen Kälte und Abhören.

Der nächste Tag begann mit fürchterlichen Kopfschmerzen. Obwohl es nicht wirklich kalt war schneite es leicht. Trotz Kopfschmerzen, oder vielleicht gerade deswegen erschien mir nun die Strecke nach Vladivostok doch sehr weit. Aber was sollte ich machen? Weltreise ist Weltreise und auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt!

друг schmolz sich den Schnee ab, der ihn in der Nacht eingedeckt hatte, während ich zusammenpackte. Dann waren wir on the road.

Es war sicherlich ein seltsames Bild, das wir beide abgaben - nicht nur an diesem Tag, sondern die ganzen zwei weiteren Monate. Mein Freund flog in der Regel hinter mir in einer Höhe von circa fünf Metern. Nur wenn er mir etwas sagen wollte, kam er nach vorn und flog vor mir, so dass ich sein Display ablesen konnte. Meistens warnte er mich vor Hindernissen. Oder es gab erfreuliche Nachrichten wie zum Beispiel [Café in 10 km]. Eine Zeitlang überlegte ich, warum друг hinter mir flog und nicht vor mir. Unter verschiedenen Gründen fand ich diesen am plausibelsten: es war seine Tarnung. Denn für den unvoreingenommenen Beobachter schien mein Motorrad einen ganz gewöhnlichen Flugdrachen hinter sich her zu schleppen. Es gibt ja die ausgefallensten Hobbies. Bei einer der seltenen Verkehrskontrollen erklärte ich den Beamten, dass mein Drachen mit seinen Teleaugen vorausschauende Verkehrsinformation liefert, was meine Sicherheit beträchlich erhöhte. Damit kamen wir immer durch - plus eine Runde Wodka.

So schlugen wir uns durch. Ich war ganz froh, nicht alleine zu sein. Es hatte auch Vorteile, друг dabei zu haben, denn er gab manchmal Weghinweise, die von denen der Weltreise-Äpp abwichen. Doch da er mein Ziel (Vladivostok) kannte, vertraute ich ihm. Auf der E105 Richtung Санкт-Петербург (Sankt-Petersburg) zum Beispiel riet er mir, bei Medvezhyegosk nach links Richtung Osten abzubiegen. Als ich wissen wollte, warum, sagte er per Display [Verkehrsstau in St. Petersburg!]. Wir waren noch gut 460 Kilometer vor St. Petersburg, aber es ist immer hilfreich, rechtzeitig vor solchen Reisestörungen gewarnt zu werden.

Die Straßen wurden wieder schlechter und das Wetter auch. Abends machte ich ein Lagerfeuer und mein Freund erzählte russische Märchen. Sein Bauchdisplay strahlte in allen Farben. Die Märchen waren voller Bilder und sehr stimmungsvoll. Ich lernte dabei viel über die russische Seele und es wurde mir ein ums andere Mal warm ums Herz.

Auf all meinen russischen Briefmarken hatte ich bis dahin noch keine solche Stimmung gesehen. Wenn mir dann die Augen zufielen träumte ich von Schneeflöckchen mit ihren Augen von reinstem Blau, vielleicht auch nur wegen der Kälte. Aber ich bat meinen Freund jeden Abend, mir das Märchen von Schneeflöckchen zu zeigen, auch wenn Schneeflöckchen am Ende immer schmolz.

Im weiteren Verlauf umfuhren wir Moskau weiträumig, rund 600 Kilometer nördlich, denn auch dort staute sich der Verkehr in der ganzen Stadt, und wir wollten keine Zeit verlieren, denn laut WÄ würden wir weitere 18 Tage bis nach Novosibirsk benötigen.

Die folgenden drei Wochen verliefen recht gleichförmig. Erstaunlich, wie leer Russland ist. Je weiter wir nach Osten kamen, umso traditioneller wurden die Menschen. Beim Durchfahren kleiner Dörfer erlebten wir immerhin drei Hochzeiten, bei einer bissen Braut und Bräutigam gleichzeitig in einen Laib Brot, ohne diesen anzufassen. Wer den größeren Brocken ausbeißt ist dann der Chef in der Ehe. So lernt man doch interessante Bräuche auf einer Weltreise kennen, die zuhause allerdings wohl kaum praktiziert werden.

Novosibirsk

Schließlich kamen wir in Novosibirsk an. друг verließ mich. Er stieg auf 10 Kilometer Höhe auf, denn er wollte mir nicht in die Stadt folgen. So verließ ich mich wieder auf das WÄ, um ein Restaurant zu finden. Es empfahl das Stolovaya Vilka Lojka in der Innenstadt (auf Karte zeigen). Es bietet allerlei russische Spezialitäten an. Viele Studenten essen dort und prompt saß am Nebentisch eine Gruppe von Studenten, die sich angeregt über ihr Informatikstudium am Novosibirskiy Tekhnologicheskiy Institut Moskovskogo ganz in der Nähe unterhielten. Die letzte Vorlesung im Fach "промышленный шпионаж", frei übersetzt "Industriesabotage", war der Mittelpunkt ihrer Diskussion. Während ich erst sibirische Pelmenie und dann Pirashkis aß, erfuhr ich einige Details über die Analyse und Weiterentwicklung des Stuxnetprogramms, ohne diese wirklich zu verstehen, denn meine Briefmarkensammlung gibt solche Einsichten nicht her. Das macht aber nichts - es war allein schon interessant, diese scharfsinnigen zukünftigen Industriesaboteure beim Gedankenaustausch zu beobachten und zu belauschen. Wo kann ich das schon zuhause?

Gesättigt und sehr zufrieden mit der Mahlzeit machte ich mich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt, einem Campingplatz am Stadtrand. Mein Freund wartete schon auf der Veranda der kleinen Holzhütte, die ich gemietet hatte. Ich zündete wie immer ein kleines Feuer an, es war angenehm warm und die Sonne ging glutrot unter. Jetzt war ich sehr neugierig zu erfahren, was друг hoch über Novosibirsk erlebt hatte.

Das war nicht wenig. Er hatte sich zuerst einen Überblick über die Telekommunikation der Stadt verschafft. Nach Sichtung von etwa 50.000 aktiven Kanälen hatte er ein gutes Dutzend zur näheren Beobachtung ausgewählt. Er bot mir an, einige der Gesprächsprotokolle auf seinem Bauchdisplay anzusehen. Tabellarisch waren 12 der in den letzten 6 Stunden abgehörten Gespräche mitsamt Stichworten gelistet: Mamuschka mit Pjotr :privat: / Anonym mit Wladimir :kriminell: / Tatjana mit Sally (USA) :Termin: / Michail mit Ljudmila :Liebe: / und weitere...

Das Gespräch des anonymen Anrufers mit Wladimir erschien mir interessant und ich clickte darauf:
[
Wladimir?
да
Morgen um 4 Uhr!
Ладно!
Blackman <vermutlich Deckname> kommt auch.
отлично
Keine Spuren!
конечно, нет
Melde dich um 5 Uhr bei mir.
Я сделаю это
]
<Dauer: 14,3 sec>
<Weiterleitung an Zentrale, Priorität>

"Aha", sagte ich. Anscheinend war mein Freund bestens vernetzt. Ich fühlte mich sicher, zugleich aber schwermütig, wie man das in Russland öfters ist, weil ich ahnte, dass mein fliegender vernetzter Freund mich nicht weiter als bis nach Vladivostok begleiten würde. Seine Dienste waren - das wurde mir klar - nur über russischem Territorium gefragt.

Ich aß die gegrillten Würstchen und trank ein Bobrov Bier. друг aß wie immer nichts, außerdem war er anscheinend sehr beschäftigt mit Telekommunikation, denn sein Bauchdisplay blitzte hektisch.

Die folgenden Tage fuhren wir nördlich der Mongolei Richtung Baikalsee. Das Wetter war gut und es wurde allmählich angenehm warm. In Babuschkin angekommen fanden wir einen Platz direkt am See für unser Zelt. Nach den kalten Wochen im Norden war es einfach schön, in der Badehose am Strand herumzulaufen und auch ein kurzes Bad zu riskieren (eiskaltes Wasser). Mein Freund hing in einem Baum und erfasste mit glühenden Augen alle Details der Umgebung. Wir blieben nur diese eine Nacht, denn das WÄ zeigte ungeduldig die verbleibenden Tage bis zur 80-Tage-Grenze an, und die Welt scheint doch größer zu sein, als man sich das so gemeinhin vorstellt.

Als wir in der Nähe von Chita waren, schlug das WÄ eine Wegabkürzung durch China vor. Ich teilte das meinem Freund mit, doch der reagierte sehr nervös, indem er mir nahe rückte und per Display zu verstehen gab: [NICHT DURCH CHINA]. Bisher war ich ja gut mit ihm gefahren, deshalb ging ich darauf ein. Der Weg NICHT-DURCH-CHINA ist ein Umweg von mindestens 900 Kilometern, denn man muss erst nach Norden, dann nach Südost und dann nach Südwest fahren. Der Weg DURCH-CHINA hätte einfach Richtung Südost geführt. Wir erhöhten also das Tempo und düsten die M58 bis Khabarovsk und von dort die M60 bis Vladivostok lang.

Die Stadt besteht zum größten Teil aus ihrem Pazifikhafen. Mein WÄ hatte mir schon während der Hinfahrt mitgeteilt, dass ich als nächstes Sakaiminato aufzusuchen hätte. Also fuhr ich in das Hafengebiet, um eine Schiffspassage ausfindig zu machen. Mein Freund war inzwischen wieder einmal auf seinen Beobachtungsposten in 10 Kilometer Höhe aufgestiegen. Im Fährhafen fand ich das DBS Cruise Ferry Büro (auf Karte zeigen), glücklicherweise gerade geöffnet. Und dazu ein weiteres Glück: die Fähre nach Sakaiminato würde am selben Tag gegen 20 Uhr ablegen! Das konnte kein Zufall sein. Seit längerem schon hatte ich den Verdacht, dass друг ziemlich zu Beginn unserer Bekannschaft mein WÄ gehackt hatte. Seine Vorschläge auf der Reise durch Russland bezüglich der Aufenthaltsdauern und des Reisetempos mussten darauf abgezielt haben, genau heute in Vladivostok anzukommen, denn die nächste Fährpassage würde erst in einer Woche möglich sein.

C-56

Also hatte ich noch ein paar Stunden Zeit, die Stadt anzusehen. Im DBS Cruise Ferry Büro war mir das C-56-U-Boot-Museum empfohlen worden. Dort angekommen war ich gleich beeindruckt. Ein riesiges U-Boot auf einer Wiese. Nachdem in Murmansk kein einziges U-Boot zu sehen gewesen war, konnte ich hier nicht nur rundherum, sondern auch hineingehen. Im Inneren ging's mir nicht mehr so gut. Es war furchtbar eng und meine Klaustrophobie kam gleich voll zur Geltung. Deshalb war es mir nicht möglich, die Bedeutung der verschiedenen Bedien- und Anzeigeelemente zu erfassen. Aber diese Kurzbesichtigung bewies, dass ich in einem U-Booot absolut nichts zu suchen habe. Zur Beruhigung der Nerven trank ich ein Bobrov Bier am Kiosk nebenan.

Es wurde Zeit, zur Ablegestelle zurückzukehren. Die Beladung des Schiffs war in vollem Gang. Die breite Auffahrtsrampe vor mir sah ich rechts zwischen zwei Schuppen ein helles Blinklicht. Ich stoppte und machte die Umrisse meines Freundes aus. Kaum bei ihm glänzte sein Display mich an und zeigte in großen Buchstaben "Lebe wohl und gute Fahrt". другs Abschied von mir. Gerührt wollte ich ihm die Hand drücken, aber das ging nicht. Statt dessen legte ich meine rechte Hand für einen kurzen Moment auf sein Bauchdisplay und sagte "Tschüss Freund". Als ich die Hand zurückzog, sah ich auf dem Display eine rote Hand in allen Details bis zu den Fingerabdrücken. Und wieder durchzog mich ein schauriges Gefühl der Sicherheit, denn nun war ich für immer gut aufgehoben bei meinem russischen Freund. Ein letztes Mal blickte ich in seine großen roten Augen, dann wandte ich mich ab und fuhr in das Schiff.

Es war dunkel, als das Schiff ablegte. An Bord blendeten Scheinwerfer an allen Stellen, deshalb ging ich ganz nach vorne an Deck, um die Fahrt aus dem Hafen in den Pazifik anzusehen. Nach Umrundung der südlichen Hafenrandes und Schwenk nach Südost sah ich plötzlich in der Ferne die hell erleuchtete Russkiy-Brücke, das Tor zum Pazifik. Je näher wir kamen, umso schöner wurde dieses Bild. Die beiden strahlenden Stützpfeiler ragten hoch in den schwarzblauen Himmel.

друг, der Russland gut kennt, hatte mich bei der Ankunft in Vladivostok über diese Brücke informiert. Sehenswert, sagte er. Aber sinnlos. Die Russkiy-Brücke verbindet die Stadt mit der Russkiy-Insel, auf der nur wenige Menschen leben. Die Brücke wird gar nicht gebraucht. Bei dieser Erklärung war mir klar geworden, dass die Russen großartige Menschen sind, da sie solche bewundernswerte Bauten einfach so bauen, nur um sie bewundern zu können!

Die Brücke kam langsam näher. Plötzlich sah ich die Schrift im Himmel. Ich bin sicher, dass sie vorher nicht da war. In riesigen Lettern standen über den Brückenpfeilern die beiden Worte "Tschüss Freund". Weiter links sah ich einen kleinen roten Punkt. Das konnte nur друг sein. Er malte den Gruß in das schwarze Weltall. Ich starrte hinauf und spürte Tränen rinnen. Meine Ergriffenheit kannte keine Grenzen mehr. Ich musste mich abwenden, es war zu viel. Lange saß ich danach an Deck und sah aufs Meer bis zum dunklen, fernen Horizont und dachte "was für eine Reise!".

An Bord waren nicht sehr viele Mitreisende. Überwiegend waren es Russen, die nach Japan zum Einkaufen oder für Geschäfte fuhren. Im Schiffsrestaurant nahm ich ein Bœuf Stroganoff nach Moskauer Art als Stärkung für den morgigen Tag, denn Japan war mir fremd. Russland kannte ich ja nun.

Sakaiminato

Den größten Teil der Schiffsreise nach Japan verschlief ich. Draußen war es grau und nass, und die lange Fahrt durch Russland war doch sehr anstrengend gewesen, so dass der Schlaf tief und traumlos war. Gegen Mittag näherten wir uns der japanischen Küste und Sakaiminato kam in Sicht. Das Wetter war besser geworden. Einige Sonnenflecken fielen auf den Hafen und die Berghänge. Als ich dann vom Schiff fuhr und zum ersten Mal japanischen Boden unter den Reifen spürte, roch ich sie: die japanische Luft - angenehm frisch und fischig. Von vielen Briefmarken wusste ich, dass Japaner gerne Fisch essen, am besten roh, und ich beschloss mein Mittagessen in diesem Sinne einzunehmen.

Auf eine Empfehlung, die ich schon an Bord bekommen hatte, fuhr ich zum Iroha Sushi Restaurant (auf Karte zeigen). Das ist eine sehr kleine Gaststätte, jedoch um diese Zeit gut gefüllt. Im Iroha gibt es nur local seafood, direkt vom Fischereihafen. Ich merkte gleich, dass man in Japan sein Essen immer sofort bekommt, da es ja schon vorbereitet ist, und dass es verdammt gut schmeckt! Die Sushi-Platte war ein Genuss. Sushi konnte geradezu meine Leibspeise werden.

So gesättigt und zufrieden trat ich die Reise nach Yokohama an. Die Fahrt durch Sakaiminato Richtung Osten bot eine Überraschung: fast an jeder Straßenecke standen kleine Yokaimonster herum. Das sind mensch- oder tierähnliche Figuren mit manchmal nur einem Auge oder auch riesig spitzen Zähnen, auf jeden Fall mit zunächst erschreckender Wirkung. Diesen Monstern werden magische Kräfte zugesprochen. Natürlich hatte ich meinen Helm auf, so dass solche Kräfte bei mir nicht wirken konnten. Und so kam ich sicher aus Sakaiminato heraus.

Auf der Fahrt nach Yokohma, die zwei Tage dauerte, aß ich mehrmals Sushi. Es ist klar, warum Japaner so ein langes Leben haben. Sushi ist einfach soo gesund! Was mir unterwegs gut gefiel waren die vielen Reisfelder entlang den Straßen in schimmrig-hellgrüner Farbe, dahinter das flache Bergrelief und darüber der blaue Himmel. Bei der nächsten Mahlzeit aß ich dann eine Extraportion Reis. Zum Frühstück in Shizuoka gab es auch Reis, diesmal mit rohem Ei. Das ist ein Frühstück, das ich zuhause eher nicht einnehmen werde.

Sushi

In Yokohama angekommen fuhr ich gleich zum Hafen (auf der Karte zeigen), um die Pazifiküberfahrt zu organisieren. Ins Auge fiel sofort ein riesiges Kreuzfahrtschiff, die Celebrity Millennium. Neugierig fuhr ich hinüber, um Reiseinformationen zu erfragen. Am Kai befand sich ein kleiner Kiosk mit der Aufschrift 情報. Eine nette kleine Japanerin erklärte mir die Fahrtroute der Millennium: am nächsten Morgen um 7 Uhr sollte sie in See stechen und in einem durchfahren bis Vancouver, also ideal! Dann begann sie, die Palette der Vorzüge und Annehmlichkeiten an Bord zu erläutern: Restaurant, Grill, Spezialitätenrestaurant, Cafés, Bars, Lounges, Theater, Kino, Casino, Sonnendeck, Swimmingpools, Whirlpools, AquaSpa mit Schönheitspflege und erstklassigem Gesundheits- und Fitness-Service, Golf Simulator, Jogging-Parcour, Basketball, Volleyball, Tischtennis, Fitness-Center, Shopping-Arkade mit diversen Shops und exklusiven Boutiquen, Bibliothek, Phonothek, Konferenz-Zentrum, Tagungsräume, Ship Mates Fun Factory, Video/Arcade, Wäscherei, Hospital, Wellness. Mir schwirrte der Kopf. Ich nahm nur noch "Wellness" wahr und dachte <Wellness - Wellness - das kann ich auch zu Hause haben>. Ich bedankte mich freundlich und kehrte zu meinem Motorrad zurück. Ich hatte noch nicht einmal gefragt, ob sie mein Motorrad auch mitnehmen würden.

Eines war sonnenklar: auf keinen Fall würde ich mit diesem Monsterschiff nach Vancouver fahren. Vermutlich würden sich darauf auch noch tausende von Menschen aufhalten - alles zu viel für mich.

Rickmers Yokohama

Außerdem wollte ich nicht übernachten in Yokohama. Da fiel mein Blick auf eine großes grünes Schiff auf der anderen Seite des Hafens: die Rickmers-Yokohama, ein Frachtschiff, das ich noch sehr genau kennenlernen sollte. Zunächst fuhr ich hinüber und "enterte" das Schiff. An der Gangway standen Leute herum, einige uniformiert. Ich musste meinen Ausweis zeigen und Fragen beantworten. Dass ich überhaupt Zugang zum Schiff bekam, und darüber hinaus mein Motorrad an Deck gehievt wurde, habe ich wohl nur dem Umstand zu verdanken, dass Motorradfahrer generell Sympathie genießen, vor allem weltreisende Motorradfahrer! An Bord nahm mich ein Arbeiter in dunkelgrüner Montur in Empfang. Mit einem breiten Grinsen forderte er mich auf, ihm zu folgen auf dem Weg zu der mir zugedachten Kajüte. Erst ging es drei Stockwerke hinab, dann durch einige dunklen Flure bis ans Ende eines schwach erleuchteten Ganges. Dort schloss er eine rostigbraune Metalltür auf. Es roch nach Öl und es war ziemlich warm. Beim Eintreten in die kleine Kammer erblickte ich erleichtert ein Bullauge und durch dieses die Wasseroberfläche, die sich nur knapp darunter befand. Mein Führer bemerkte "Du kannst das Auge aufmachen, aber besser nur bei ruhiger See, sonst ersäufst du". Das klang so, als ob es in der Beziehung Erfahrungswerte gab. Der dunkelgrüne Mann grinste und zog die Tür hinter sich zu.

Der Raum war wirklich klein. An der rechten Wand stand ein Doppel-Hochbett, das Kopfende knapp neben dem Bullauge. Links befand sich ein Tisch mit zwei Stühlen. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Raum bewohnt schien. Unter dem Tisch und unter dem Bett lagen Gepäckstücke. Das obere Bett schien benutzt zu sein. Also würde ich die Fahrt hier nicht alleine machen.

Sankei-en Garden

Ich konsultierte mein Weltreise-Äpp, was es in der Gegend zu besichtigen gab, denn es war früher Nachmittag und die Rickmers Yokohama sollte erst um 9 Uhr abends auslaufen. Die einzige Sehenswürdigkeit in der Nähe - ich musste ja zu Fuß gehen - war ein größerer Park namens Sankei-en Garden. Nach rund zwei Kilometern Fußmarsch mit Unterquerung der Autobahn war ich im Park. Es ist ein typisch japanischer, sehr gepflegter Garten. Sehr grün, mit einem kleinen See und mehreren zweistöckigen Häusern, wobei jedes Stockwerk sein eigenes Dach hat. Ich wanderte herum und genoss die frische Luft und die Stille. Dann setzte ich mich auf eine Bank am See und fiel in den Zustand der Kontemplation. Sowas habe ich öfters.

Mehrere Dinge beschäftigten mich und bedurften der näheren Untersuchung. Zum Beispiel: wie war es möglich, dass ich schon wieder (nach Vladivostok) genau an dem Tag im Hafen von Yokohma eintraf, an dem das bestgeeignete Schiff nach Vancouver losfuhr? Ich wurde die Gedanken an друг, meinen fliegenden russischen Freund nicht los. Welches ungeheure Wissen von der Welt musste ihm zur Verfügung stehen! Alle Daten und Informationen dieser Erde, ständig neu verknüpft und bewertet, jede Frage unverzüglich beantwortend. Ich blickt unwillkürlich nach oben, doch er war nicht zu sehen. Und weiter: welche Person hielt sich in "meiner" Kabine auf? Ich spielte in wenigen Millisekunden sämtliche Szenarien durch, vom unrasierten, ständig betrunkenen Matrosen bis zum Zollinspektor, der inkognito reist. Doch auf das unwahrscheinlichste Szenario kam ich in jenen Momenten nicht.

Es war Zeit, zum Schiff zurückzukehren. Zum Glück traf ich an Deck wieder auf meinen grinsenden Grünmann, denn alleine hätte ich den Weg zur Kabine nicht gefunden. Dort angekommen zog ich ohne Anzuklopfen die Tür auf und erstarrte: mein Mitreisender stand am Hochbett, das Bullauge im Rücken, und wandte mir sein nur schwach beleuchtetes Gesicht in einer ruckartigen Bewegung zu. Eines war damit klar: es war kein Mann.

Ariel

Sie war genauso überrascht wie ich und erstarrte für einen Moment. Dann lächelte sie und sagte "Ich heiße Ariel. Manche nennen mich ArielY, aber das mag ich nicht so gerne". Ich war so überrascht von dieser unerwarteten Begegnung, dass ich gerade noch meinen Namen herausbrachte und ihr die Hand entgegenstreckte, die sie nur flüchtig berührte. Mir fiel jetzt nichts weiter ein, also packte ich erst einmal meine Sachen, die noch auf dem Tisch lagen, unter das untere Bett. Offensichtlich war das obere Bett Ariels Reich. Sie zupfte noch hier und dort an ihrem Bettzeug und schlug dann vor, Kaffee zu kochen, und dann könnten wir uns was erzählen. Mir war es recht.

Ihr Kaffee war stark und dunkelschwarz. Genau richtig für meine angegriffenen Nerven, die noch mit diesen neuen Eindrücken kämpften. Aber Ariel saß mir gegenüber, mit dem Rücken zum hell leuchtenden Bullauge. Das Gegenlicht verlieh ihren hellen Haaren eine Aura. Sie lachte mich aus. Wahrscheinlich hatte ich (ihr) zu große Augen gemacht. Ich wußte im Moment nicht wo ich war, auf welchem Schiff, in welcher Stadt. Ich wußte nur, dass ich unbedingt wissen musste, wer Ariel war.

Wir saßen also an diesem späten Nachmittag in der kleinen Kabine tief unten im Bauch des Frachters Rickmers Yokohma und berichteten einander. So erfuhr ich, dass Ariel mit fünfundzwanzig Ölfässern unterwegs war. Die hatte sie in einem Container auf Deck verstaut. Den wollte sie mir später zeigen. Das Öl war für die Versorgung der Jagdhütte vorgesehen, die sie mit ihrem Mann (Matt) bewohnte, wenn sie in Kanada war. Ich fand das eine gute Idee, das mit den Ölfässern. Ich selbst könnte mir nicht vorstellen, mit fünfundzwanzig Ölfässern über den Pazifik zu schippern. Aber hier war ich ja auf der anderen Seite der Erde und wusste natürlich, dass dort vieles anders ist.

Ariel klärte mich übrigens so ganz nebenebei darüber auf, dass der Frachter normalerweise nach Seattle fährt, dass sie aber den Kapitän mit viel Zureden davon überzeugt hatte, dass ihre Fracht unbedingt nach Vancouver musste. So kam es zu einer doch recht deutlichen Kursänderung. Ohne Ariels Ölfässer wären wir uns nie begegnet, dazu noch in derselben Kabine.

Während Ariel an ihrer Kaffeetasse nippte und mich dabei fortwährend anlächelte, erzählte ich von meiner Weltreise. Die Bekanntschaft mit meinem russischen Freund друг interessierte sie besonders. Alle Details musste ich ausbreiten, die Größe, die Farbe, die Augen, Geräusche ("macht er Geräusche?"), Bewegungen ("flattert er?"), Flughöhe (ich sagte "sehr hoch"), die Sprache ("russisch, auf dem Bauchdisplay"), usw. Der Grund ihres Interesses lag wohl am Beruf ihres Mannes, der Drohnen konstruiert. Ariel selbst war Motorradmechanikerin, wie sie bekannte. Vielleicht war sie das in jenem Gespräch aber auch nur, weil ich mit meinem Weltreisemotorrad unterwegs war, zumindest bildete ich mir das schmeichelhafterweise ein. Zumindest wollte ich sie auf die Probe stellen und erzählte von austretendem Öl am Kickstarter. "Wir sollten uns das gemeinsam ansehen" sagte ich. "Okay, aber erst morgen. Ich habe Hunger. Essen wir was?".

In der Kantine war es laut und voller Seeleute, in der Mehrzahl Japaner. Es gab Sushi und Fischsuppe mit Reis, wahlweise Nudelsuppe mit Gemüse. Ich liebe japanisches Essen und war dadurch etwas abgelenkt von meiner anmutigen Begleiterin Ariel. Doch als wir uns gegenüber saßen fiel es mir nicht schwer, die morgige Motorradinspektion (ölt!) in bezaubernden Stimmungsfarben auszumalen. Sie im ölverschmierten blauen Overall, ganz nah und doch so fern (ich dachte schon an das Ende unserer gemeinsamen Pazifiküberfahrt). Auf jeden Fall war es ein Erlebnis, zusammen mit Ariel Suppe zu schlürfen. Nach dem essen gingen wir an Deck, um die untergehende Sonne zu bewundern. Ich bin ja manchmal in Övelgönne zwecks Sonnenuntergang, doch hier war es ganz anders: das ganze weite Meer färbte sich zunehmend rot, dann purpur und schließlich blauschwarz. Und da ging hinter uns auch schon der Vollmond auf. Sehr romantisch.

Am nächsten Morgen besuchten wir das unterste Deck, wo mein Weltreisemotorrad geparkt war. Ariel trug leider keinen ölverschmierten Overall, sondern Jeans und T-Shirt. Wir legten uns beide unter das Motorrad, um den Ölstatus zu begutachten. Mit einer Mine, derer man nur bei Experten ansichtig wird, erklärte Ariel: "Das ist kein Problem, so kommst du noch bis nach Europa". <Juropp> sagte sie. Für sie ist Europa weit weg, dachte ich traurig, aber so sind sie eben, die Amerikaner und Kanadier, sind zuhause glücklich mit ihren Bären und Büffeln und Hamburgern.

Die folgenden Tage verbrachte Ariel zu einem großen Teil in der Kabine, während ich auf Deck Möwen und Delphine und Wale beobachtete. Sie betrieb anscheinend einen Import-Export-Handel von ihrem Computer aus (in ihrem MotoBook-Account ist darüber allerdings nichts zu lesen). Ich hegte den Verdacht, dass ihr Öl nicht nur für die Jagdhütte in Kanada bestimmt war. Bestimmt verkaufte sie den größten Teil an die Trapper in der Umgebung. Da dachte ich, eigentlich hätte ich gut einige meiner Briefmarken mitnehmen können, um sie unterwegs zu verkaufen. Doch dann kamen mir Zweifel, ob das wirklich eine gute Idee gewesen wäre.

So verging eine Woche. Am letzten Abend lagen wir beide auf ihrem oberen Bett, von wo aus die Sicht auf den immer blauen Pazifik phantastisch war. Bei offenem Bullauge wehte salzige, erfrischende Luft in die Kabine und Möwenschreie gellten dicht an der Schiffswand. Ariel schnurrte vor Vergnügen. Da fasste ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte, ob sie mich einmal zuhause besuchen würde, ich würde ihr gerne meine Briefmarkensammlung zeigen. Sie blickte mit ihren grünen Augen tief in meine blauen Augen und gurrte "Das ist doch viel zu weit weg. Aber du kannst mich besuchen, ohne deine Briefmarken!". Sie lebte damals auf dem Cypress Mountain, nördlich von Vancouver. Es erschien mir unmöglich, sie jemals dort zu besuchen, denn noch eine Weltreise würde ich wohl kaum machen.

Vancouver

Am Tag darauf kamen wir in Vancouver an. Während der Fahrt zwischen den Küstenlinien Kanadas und der USA setzte schon die Dämmerung ein. Die City kam immer näher. In der English Bay drehten wir plötzlich nach rechts ab. Unser Frachter fuhr nun ganz gemächlich unter der Burrard Bridge hindurch geradewegs in die Stadt hinein, so schien es. Links und rechts glitten Yachthäfen vorbei. Viele Booote hatten ihre Positionslampen gesetzt, so flackerte rings herum ein Lichtermeer, das war wunderschön. Der Kapitän steuerte das Schiff immer weiter den False Creek entlang (auf Karte zeigen), solange bis es nicht mehr weiterging! Vor unseren Nasen lag das Science World Building. Die Rickmers Yokohama hielt an und wendete.

Heute kann ich es immer noch nicht glauben: der Kapitän hatte sich verfahren! Genauso unglaublich finde ich, was Ariel sagte, als ich damals bemerkte "Der Käpt'n will uns wohl die Stadt zeigen", nämlich: "Ich habe ihn darum gebeten!". Dabei war ein unergründliches Lächeln auf ihrem Gesicht.

Tatsächlich dauerte es eine weitere Stunde, bis unser Frachter nach Umrundung der Stadt endlich in seinem eigentlichen Bestimmungshafen, dem Vancouver Harbour, ankam und schließlich an der südlichen Waterfront anlandete.

Ariel und ich befanden uns auf dem Deck und beobachteten das Anlegemanöver. Da es inzwischen dunkel war, beleuchteten starke Scheinwerfer den Kai. Ich wollte mich gerade abwenden und in den Schiffsbauch zu meinem Motorrad gehen, als ein fliegendes Objekt, das mit seinen beiden Scheinwerfern blendete, angeflogen kam. Surrend hielt es in der Luft direkt vor uns an. Mit dem rechten Greifarm hielt es ein Display in die Luft, auf dem geschrieben stand: <HI ARIEL - ICH BIN GLEICH DA - FREUE MICH>. Ariel lachte. Ich beneidete sie. Wer von einem fliegenden Objekt so begrüßt wird, der kann nicht alleine auf der Welt sein.

Tatsächlich - kaum kam ich auf der Rampe hochgefahren, näherte sich ein SUV-Offroader mit starkem Scheinwerferlicht und hielt an. Heraus sprang ein Mann, Matt, und eilte zu Ariel. Ich verstand nicht viel von ihrer stürmischen Unterhaltung, doch einmal klang es wie "...hast du das Öl mitgebracht?...". Dann kam Ariel auf mich zu, lächelnd (ich liebe ihr Lächeln noch heute) und fragte, ob ich heute bei ihnen übernachten wolle, es sei ja schon zu spät, um eine Bleibe zu suchen. Selbstverständlich sagte ich JA und fuhr hinter dem SUV-Offroader her.

Es ging eine gute Stunde lang bergauf. Die Matt-Drohne flog voraus. Schließlich erreichten wir die Jagdhütte. Hütte verniedlicht das große Haus im Alpenstil, auf dessen Vorplatz ich mein Motorrad abstellte. Der Ausblick war gigantisch. Über den schwarzen Silhouetten der Gebirgskämme leuchteten Myriaden von Sternen und in der Ferne spiegelte das Mondlicht im Pazifik. Die Luft war klar und kühl. So war es also in Amerika! Der Gedanke schlich sich an, ich sollte doch mein Glück auch mit Öl versuchen, statt mit Briefmarken.

Ariel stand im Hauseingang und winkte mich herein. Drin brannte ein offenes Feuer und es war schön warm. Überall lagen Bärenfelle herum und es war richtig gemütlich. Während Ariel in der Küche Bärensteaks briet, erzählte ich Matt von unserer Überfahrt. Es war ja eigentlich nichts passiert, aber Matt war neugierig, denn er selbst hatte noch nie den Pazifik überquert. Vor allem mein Bericht über die vielen Wale, die dort herumschwimmen, faszinierten ihn. Es gehört ja auch viel Phantasie dazu, denn die Wale sieht man garnicht, nur Ihre Fontänen und Schwänze.

Als Ariel dann die Steaks auftischte, ging es mit dem Erzählen weiter. Matt zum Beispiel erzählte, dass sein neuestes Modell, der OCTO-X3-PUS endlich das Hochseeangeln fehlerfrei beherrschte. So musste Matt nur einfach am Strand warten (er stand währenddessen in dauerndem Kontakt mit OCTO-X3-PUS und sah genau, was der gerade machte da draußen, ca. 25km vom Strand entfernt) und den Fang, den sein autonomer Angler herbeiflog, in Kühlboxen verstauen. Meistens sind es Sardinen. Als OCTO einmal einen Gelbflossen-Thunfisch am Haken hatte, musste er die Angelleine abtrennen, sonst wäre er abgestürzt.

Nach dem opulenten Mahl tranken wir Whiskey und Met, wahrscheinlich die perfekte Kombination für Motorradfahrer auf Weltreise. Irgendwann zog ich mich zurück in meine Kammer ganz oben unter dem Dach, mit einmaligem Blick über die im Mondlicht schimmernden Berge. Morgen sollte es weitergehen Richtung Osten, dem Atlantik entgegen. Das Bärenfellbett war weich und der Whiskey reichlich gewesen, so schlief ich gleich ein.

Am nächsten Morgen gab es Ahornsirup auf Waffeln zum Frühstück, sehr lecker. Ariel gab mir ein Päckchen Notproviant mit: Bärenschinken und sechs Eier.

Bevor ich losfuhr, konsultierte ich mein WÄ. Immerhin ist es weit bis zur Ostküste, und ich hatte eine Idee. Laut Karte verläuft zwischen Kanada und den USA eine schnurgrade Grenzlinie über eine Länge von 1941 Kilometer. Und genau diese wollte ich jetzt abfahren - immer stur auf der Grenze lang. Das WÄ wollte mich jedoch nicht verstehen. Ich hielt ihm die Karte genau vor die Phone-Kameralinse und zeigte mit dem Finger auf die Grenzlinie, doch es fiepte nur und zeigte beharrlich die Nationalstraße 3 als Route an. Ich musste mich schließlich fügen, denn ohne WÄ konnte ich den Atlantik natürlich nicht finden.

Als nächstes Fernziel gab das WÄ einen Ort in North Dakote an, doch zunächst ging es hinunter nach North-Vancouver und dort auf den Trans-Canada Highway, bis nach Hope und dahinter auf die 3. Was soll ich erzählen? Das Wetter war gut, die Strecke kurvenreich, die Luft erfrischend, der Himmel klar, ideale Weltreisebedingungen.

Interessant wurde es, als ich schließlich die Ebene von Saskatchewan, nördlich von Montana, erreichte. Nicht nur die endlose Weite beeindruckte, sondern auch die unglaublich vielen Bisons links und rechts der Straße. Manche gingen sogar auf der Straße, so dass ich mehrfach Ausweichmanöver fahren musste. Was jedoch eindeutig fehlte, das waren die Indianer. In meiner Jugendzeit hatte ich anhand vieler Bücher gelernt, dass die Indianer in Amerika mit Pfeil und Bogen auf Bisonjagd gehen. Doch jetzt waren keine zu sehen. Ich hätte sie ja mindestens an den Federn im Haar erkannt. Berittene Bisonboys waren auch keine zu sehen. Kurz vor Estevan fuhr ich sogar auf einen kleinen Hügel, zwischen den Bisons hindurch, was nicht ganz einfach war, um einen Überblick zu gewinnen. Nichts.

Indian Hunting Buffalo


Das war natürlich enttäuschend. Um die Welt zu reisen und dann keinen Indianern zu begegnen ist sicherlich für viele eine große Enttäuschung. Ich hielt an und konsultierte mein Phone. Auf den Schirm holte ich meine Briefmarkensammlung und siehe da, da war sie doch: die 4-Cent Briefmarke aus dem Jahr 1898, auf der eindeutig ein Indianer zu Pferd auf der Bisonjagd zu sehen ist ("Indian Hunting Buffalo"). Dieser Beweis ist zwar schon etwas älter, doch er sollte doch heute nicht soo falsch sein? Tief in Gedanken fuhr ich weiter gen Osten.

Tatsächlich eigentlich gen Südosten, denn in Portal überfuhr ich die pfeilgerade Grenzlinie und reiste in die USA ein. In der US Border Patrol Station trank ich meinen ersten amerikanischen Kaffee, der irgendwie anders schmeckte. Misstrauisch von einem Marshall mit 2 Revolvern (in Halftern links und rechts) beäugt stellte ich den Plastikbecher noch fast voll ab und verließ erhobenen Hauptes das Gebäude (ohne auf mögliche Wünsche nach einem Weltreisendenautogramm zu reagieren).

Mein WÄ stellte das nächste Ziel vor und sprach dabei mit amerikanischem Slang. Das begann mit "Howdy..." und endete mit "...Yessir". Das Ziel war mit Fort Totten angegeben und 4 Stunden entfernt.

Die Sonne im Rücken tuckerte ich den Highway 2 entlang. Als ich in Devils Lake eintraf dämmerte es bereits. Im Süden der Stadt ging es ab vom Highway Richtung Fort Totten (auf Karte zeigen). Kurz vor der Siedlung erhellte linkerhand ein riesiges Feuer den Horizont. Ich hielt an und zeigte meinem WÄ diese grandiose Lichterscheinung. Blitzschnell identifizierte es den Ort der Erscheinung und führte mich daraufhin am Sweetwater Lake vorbei zu einem flachen Gebäudekomplex mit vorgelagertem Amphitheater.

Und so begann die bemerkenswerteste Nacht meiner Weltreise.

Ein riesiges Feuer hinter einer Baumgruppe loderte in den dunkelblauen Himmel. Ich ging auf eine Gruppe von Menschen zu, die im Schatten der Bäume standen. Da löste sich eine Gestalt aus der Gruppe und kam auf mich zu. Gegen das helle Licht konnte ich nur ihre Umrisse wahrnehmen: groß, fast bedrohlich, mit einem Federkranz um Kopf und Schultern. Der Mann streckte die Hand aus und sagte: "ta ta iciya wo, howgh!". Die Federn ließen nur einen Schluss zu : ich durfte einem echten Indianer die Hand schütteln!

Er stellte sich als Paytah vom Stamm der Sioux vor und sagte "wer bist du?". Kühn gab ich mich als Weltreisender zu erkennen, worauf Paytah grinste und mich in den Kreis der federgeschmückten Häuptlinge zog und als den berühmten "Der um die Welt reist" vorstellte. Große Zustimmung ertönte. Alle schienen große Erzählungen zu erwarten, doch zuerst gingen wir zum Feuer.

Es war wirklich grandios und wahnsinnig hell und heiß. Im flackernden Lichtschein machte ich eine große Ansammlung von Indianerfamilien aus, alle in bunten Kleidern und geschmücktem Haar. Dicht um die Feuerstelle jagten einige Jugendliche mit nackten glänzenden Oberkörpern und stießen wilde Schreie aus. Irgendwie so hatte ich mir das Indianerleben vorgestellt. Doch es kam noch besser. Etwas entfernt vom Feuer befand sich das große Catering und als zentrale Kochstelle der Buffalo-Grill. Dieser Duft! Noch nie hatte ich Büffelsteak gegessen, aber es ist das Beste aller Steaks! Jedes so groß wie ein Teller, saftig fleischig mit unverkennbarem Büffelgeschmack. Der gerechte Lohn für die sicherlich anstrengende Büffeljagd.

Tatonke Ale

Dazu wurde Tatonke Ale gereicht von den Indianern, die nicht von meiner Seite wichen. Wir ließen uns dann in einem Kreis nieder und bald hatte ich viele Zuhörer, die im flackernden Feuerlicht wie Geister aus der Indianerwelt verharrten. Ich fing an mit den tapferen Kanadiern, die auf Bärenjagd gehen (Matt hatte mir ein wenig darüber berichtet). Das rief aufgeregte Kommmentare und Zwischenrufe hervor, denn jeder konnte sich den wilden Kampf mit den Bären vorstellen. Als ich von meiner Durchquerung Russlands berichtete und vor allem von meinem Freund друг wurde es stiller. Andächtig blickten viele gen Himmel, als ob sie den fliegenden Freund noch in dieser Nacht an diesem Ort erwarteten. In Japan angekommen brach Unruhe aus angesichts meiner Lobpreisungen des wunderbaren Sushis. Keiner der Anwesenden wollte sich vorstellen, kleine in Reis gehüllte Tiere aus dem Meer zu essen. Schnell ging ich zur nächsten Etappe über.

Irgendwann im Verlauf meiner Erzählungen tauchte ein bildhübsches Indianermädchen auf und setzte sich neben mich. Ich war verblüfft und für einen Moment aus dem Konzept. Sie lächelte mich an und ich konnte weitermachen. Trotzdem fiel es mir nicht mehr so leicht, meine Zuhörer zu bannen. Allmählich verließen einige, dann mehrere, und zum Schluss alle den Kreis. Ich blieb allein mit dem Mädchen.

Sie kam mir zuvor und stellte sich als Sacheen Littlefeather vom Stamm der Apachen vor. Sie lebe in Kaliornien, käme aber jedes Jahr zum Indian Summer Festival in Fort Totten. Ich war fasziniert. In ihren Augen spiegelte sich das Feuer und das Lichtspiel härtete ihr Profil. Ihre weiche und doch eindringlich Stimme drang in mich ein und löste einen Traum von Freiheit und Sehnsucht aus. Irgendwie kam ich wieder zurück und begriff ihre Geschichte. Damals war es mir nicht bewusst, dass ich mit der berühmten Sacheen Littlefeather zusammensaß. Auch heute noch bereue ich es, ihr damals nicht die richtigen und entscheidenden Fragen gestellt zu haben.

Doch an diesem Ort zu dieser Zeit stimmte alles. Das Feuer brannte herunter, es wurde dunkler und kühler, und doch konnten wir uns nicht trennen. Unsere beiden Welten fusionierten und wir wurden eins im Universum. Später, in der Erinnerung, dachte ich, dass doch jeder eigentlich ein Indianer ist. Frei, ungebunden und ohne Rasenmähen jede Woche.

Frühmorgens verabschiedeten wir uns beim Zwitschern der Vögel mit einer Umarmung - für immer, wie mir schmerzlich bewusst war.

Zwischen einigen Gestalten, die noch umherhuschten, ging ich zu meinem Motorrad. Ich konnte nicht an diesem Ort bleiben. Im Osten wurde es hell. Ich musste weiterfahren. So startete ich mit Schmerzen im Herzen den Motor und steuerte das nächste Ziel an.

Weit fuhr ich jedoch nicht, gerade mal bis kurz hinter Grand Forks. Am Rande eines Feldwegs, der von der Bundesstraße 2 abzweigte, rastete ich. Erst noch flugs den Brenner entzündet und ein kleines Büffelsteak gebraten, dazu Mais, und schon schlief ich tief für ein paar Stunden. Mit frischen Gedanken interrogierte ich darauf das WÄ. Es machte den grandiosen Vorschlag, auf dem Weg nach Osten die großen Ballungsgebiete zu meiden und statt dessen eine nördliche Passage durch die großen Nationalparks zu nehmen. Zur Bekräftigung dieses "Vorschlags" führte es die Verkehrsprobleme (Staus) in den Städten Minneapolis, Chicago, Detroit an, die allesamt auf der südlichen Route liegen. Ich drückte <okay>, denn ich vertraute meinem WÄ immer noch.

Und so ging es zunächst durch den Superior National Forest bis zum Lake Superior. Bei Anbruch der Nacht schaffte ich es noch über die Grenze bis Thunder Bay. Bed & Breakfast war jetzt angesagt im Rankin House unweit vom Thunder Bay Airport.

Der nächste Tag begann ohne Bärensteak, statt dessen mit Ham and Eggs und Earl Grey Tee. Heute wollte ich es bis Toronto schaffen. Auf der nördlichen Route gibt es keine Schnellstraßen, dafür aber keine Staus, so war ich zuversichtlich. Mein Motorrad klang auch recht optimistisch, so gab ich Gas!

Die Natur ringsum war beeindruckend. Was gibt es schöneres, als auf zwei Rädern durch den Süden Kanadas zu düsen, immer eine Prise frischer Landluft in der Nase. Da ich ziemlich schnell unterwegs war, konnte ich all die Bären und Elche links und rechts der Straße nicht wahrnehmen, allerdings waren da wahrscheinlich auch keine gewesen. Mittags nahm ich einen kleinen Imbiss in Sault Ste. Marie, einem unscheinbaren, industriell geprägten Städtchen.

Wie am Vortag war es spät, als ich endlich Toronto erreichte. Toronto ist die südlichste Großstadt Kanadas und zugleich die amerikanischste. Mein WÄ navigierte mich durch die Stadt bis in die Altstadt (Old Toronto) und noch ein Stück weiter an den südlichen Stadtrand mit Blick auf die Toronto Islands. Von dort kann man mit einer Fähre zum Toronto Island Park übersetzen. Normalerweise werden keine motorisierten Besucher mitgenommen, doch nachdem ich mich als Weltreisender ausgewiesen hatte (wie, das bleibt mein Geheimnis) durfte ich mein Motorrad an Bord schieben und an der Reling befestigen.

Als ich es mir schließlich an der Südspitze der Insel bequem gemacht hatte und die Füße im Ontariosee baumeln ließ, meldete sich das WÄ aufgeregt (rot-gelb blinkend mit aufdringlichem Pfeifton, ich kann das nicht leiden): <MORGEN WICHTIGER TAG!> Mehr erfuhr ich nicht, war aber spontan sehr gespannt. Es war ja schon dunkel und ich musste noch ein Quartier suchen. Also wieder zurück in die Stadt.

Um es kurz zu machen: am nächsten Morgen gönnte ich mir nur ein kleines Frühstück, denn es sollte ja ein wichtiger Tag werden! Schon bei der Abfahrt bemerkte ich ein neues Verhalten meines WÄ: es zeigte nicht das Tagesziel an, sondern nur die jeweils vorausliegenden Abbiegungen. Es sollte wohl eine Überraschung werden.

Die Route führte eine ganze Zeit lang am Ontariosee entlang bis wir (WÄ und ich bildeten heute eine Schicksalsgemeinschaft) vom Highway abbogen, eine Brücke überquerten und plötzlich in Niagara Falls waren (auf Karte zeigen). Einen Kilometer weiter hielten wir dann auf einem freien Gelände mit grandiosem Ausblick an: direkt vor unseren Augen (meinen zumindest) befanden sich die berühmten Niagarafälle, dort wo der Niagarafluss donnernd fast 60 Meter in die Tiefe stürzt. Die Wassermenge, die sich über die Kante wälzt, beträgt mehr als 4000 Kubikmeter pro Sekunde!

An einem Kiosk kaufte ich mir ein Erfrischungsgetränk und blickte dabei auf ein großes Werbeposter mit der Aufschrift "Be a Daredevil!". Nach dem ersten Lesen hatte ich den Eindruck, dass man für 98 Dollar in einem Fass über den Wasserfall fahren konnte. Vermutlich fiel man dabei eher als dass man fuhr. Mir erschien dieser Vorschlag ziemlich abenteuerlich. Mein allwissendes WÄ meldete sich unvermutet und signalisierte: <Fahre im Fass, es lohnt sich!>. Ich starrte ungläubig aufs Display. Das war es also an diesem wichtigen Tag, was das WÄ für mich vorgesehen hatte!

Hektisch nahm ich ein paar Schlucke vom Coke. Das konnte doch nicht wahr sein. Mein treuer Reisebegleiter, mit dem ich die weite Tundra, das weite Sibirien, den weiten Pazifik usw. durch- bzw. überquert hatte, wollte mich los werden. Meine Gefühle wechselten jetzt von Überraschung zu Ablehnung zu Wut. Ich steckte das WÄ in den Rucksack. Das war zu viel gewesen.

Und dann packte mich doch die Neugier. Nicht weit vom Kiosk befand sich der Reiseveranstalter, der die Fassfahrten organisierte. Offensichtlich wurde gerade ein Kunde, ein junger Mann in Bermuda Shorts und einem roten T-Shirt mit der Aufschrift BUFFALO BILLS, eingewiesen in die Benutzung des Reisefasses. Er hatte schon Platz genommen in einem fest aufgebauten Modellfass. Man konnte von außen zusehen, wie er sich in der Polsterung zurechtlegte. Seine Freundin sah mit großen Augen zu.

Danach wurde der Reiseinteressent mit einem Motorboot ein Stück weit den Niagarafluss hinauf gefahren. Gut 500 Meter vom Wasserfall entfernt bestieg er das Fass, winkte kurz und konzentrierte sich dann auf die Anfahrt. Man konnte den ganzen Vorgang recht gut von der Aussichtsplattform beobachten. Der Passagier, der in Kürze ein Daredevil sein würde, war undeutlich zu erkennen. Das Fass kreiselte etwas umher, nahm dann Fahrt auf, wurde immer schneller und schoss schließlich über die Kante des Wasserfalls hinaus und verschwand in der alles beherrschenden Gischt.

Alle Zuschauer warteten gespannt auf das Auftauchen des blauen Fasses im tief unten fließenden Niagara. Doch auch die Zuschauer mit Ferngläsern konnten das Fass nicht sehen. Unruhe machte sich breit. Kommentare wurden lauter, Facebook-Einträge wurden verfasst und frischgeschossene Photos gepoustet.

Ich verbrachte noch gut 15 Minuten auf der Plattform. Einmal meinte ich, einige blaue Plastikteile in der Ferne zu erkennen.

Es war Zeit, weiterzufahren. Das war kein Ort zum Bleiben. Ich brachte es nicht über mich, mein treuloses WÄ hervorzuholen und beschloss, auf eigene Faust in Richtung Osten aufzubrechen. Ich nahm die Autoroute 190 und bog in Buffalo links ab auf den Thruway 90 Richtung Boston. Es war mir ganz egal, was das WÄ vorschlagen würde. Ich wollte nur noch an die Küste und Boston war sicher eine gute Wahl.

Nach zwei Stunden Fahrt kreisten meine Gedanken zunehmend um die Frage, ob ich wirklich auf dem richtigen Weg war, und der Wunsch, mein WÄ zu konsultieren, wurde immer stärker. Außerdem war es Mittag. Also bog ich in Liverpool vom Thruway ab und steuerte Heid's an, weil es dort phantastisch gute Hot Dogs gibt. Wie ich auf Heid's kam ist mir schleierhaft. Anyways - ich hatte Hunger und ich wollte mich mit WÄ versöhnen. Am drive-in-counter bestellte ich 2 Franks mit Fries und ließ mich auf einer Bank am Parkplatz nieder.

Ich beschloss, zunächst einen Dog zu essen und dann erst das WÄ aus dem Rucksack zu holen. Beim Griff in den Rucksack erschrak ich zutiefst: das WÄ vibrierte! Fast todesmutig zog ich es heraus und warf einen Blick auf das Display. Und da erschrak ich erst richtig. Ich meinte, ein Gesicht zu sehen - das WÄ! Ich interpretierte einen vorwurfsvollen Blick und las den Text. Der war zumindest beruhigend. Ich war auf dem richtigen Weg und WÄ würde mir auch helfen, in meine Heimat zurückzukehren.

Ich sagte zu WÄ: "Du hast mich erschreckt. Aber ich gebe zu, ich war nicht sehr nett zu dir! Ich finde, wir sollten Freunde sein".

Und zum ersten Mal - und ich erschrak nun richtig doll - sprach WÄ: "Du bist mein Freund". Es war unheimlich. All die vergangenen Wochen gab es nur Textnachrichten. Ab und zu machte WÄ Geräusche, aber die zählte ich zu seinem Naturell. Es war mir immer klar, dass das WÄ mich nur als eine Randerscheinung betrachtete, die es zu betreuen und um die Welt zu führen galt. Schon in Russland war mir aufgefallen, dass das WÄ oft 'abwesend' war und vermutlich mit Mächten kommunizierte, die jenseits meiner Vorstellung existieren.

Nun gut - ich aß meinen zweiten Dog und bemerkte in Richtung WÄ: "Nun gut, ich nehme an, wir fahren weiter auf dem Thruway". <Korrekt> war die Antwort, textlich.

Also, mitten durch Syracuse und weiter Richtung Osten. Mit etwas Speeding (95km/h, deutlich schneller als die erlaubten 88km/h) würden wir noch am selben Tag in Boston ankommen. An einer Gas Station in der Nähe von Chicopee machten wir eine Kaffeepause. Das WÄ informierte mich währenddessen über das Highlight des nächsten Tages: die Boston Tee Party. Das erstaunte mich. Das WÄ musste inzwischen wissen, dass ich immer nur Kaffee trinke. Eine Tee Party vorzuschlagen war etwas kühn, fand ich. Trotzdem war es schön festzustellen, dass mein WÄ wieder auf Kooperation eingeschwenkt war. (Im Grunde ist es eigentlich klar, dass so eine 'Maschine' doch nicht nachtragend sein kann. Das dachte ich mir insgeheim).

Boston

Gegen Abend erreichte ich Boston und fuhr mitten hinein in die wunderschöne Skyline. Das WÄ navigierte mich ins Zentrum und dort zum Waterfront Hotel, begleitet von der Information <A landmark of luxury overlooking Boston's historic waterfront>. Beim Einchecken merkte ich erst, in welcher luxuriösen und damit superteueren Absteige ich gelandet war. Doch da war es schon zu spät. Meine Kreditkarte war schon ausgesaugt worden und somit beschloss ich, wenigstens eine Nacht - nach all dem Frieren in Murmansk und Zelten in Sibirien - in Luxus zu verbringen.

Allerdings war ich zu müde, um allzu lange im Luxus zu schwelgen. Nach einem schnellen Bier an der Bar ging ich runter zum Harborwalk und genoss den Blick auf die Waterfront. Alles sehr propper und wellkept, aber auch wiederum nichts Besonderes. Wahrscheinlich ein eher touristisches Areal. Für Weltreisende kein besonders aufregender Ort. Also zurück ins Hotel und eine Mütze Schlaf holen. (Auf massage, body therapies, facial treatments, hydrotherapy and aromatherapy oils that add pleasure and wellness to your body and soul verzichtete ich schlichtweg).

Am nächsten Morgen gab es ein opulentes amerikanisches Frühstück, das ich auf der Terrasse einnahm. Es ist ganz angenehm, von Luxus umgeben zu sein. Die Luft war warm und der Tag sonnig. Heute sollte die Teeparty stattfinden, allerdings erst um 15 Uhr. So hatte ich genug Zeit, Boston auf dem Motorrad zu erkunden.

Dabei gelangte ich durch Zufall nach Cambridge und stand urplötzlich vor dem Massachusetts Institute of Technology (MIT). Bilder von Briefmarken mit berühmten Forschern des MIT kamen mir in den Sinn. Ich ging beherzt auf das Institut zu, um mir ein Bild über den neuesten Stand der Forschung zu verschaffen. Drinnen konnte ich eine sehr nette Dame am Empfang dafür gewinnen, kurz über die wichtigsten Projekte zu berichten. Faszinierend! Die Aktivitäten der W3C Working Group für Internetstandardisierung / BigData (how to transform big data into big insights) / Der erste self-folding Origami-Roboter / Genetische Programmierung für Maschinenlernen / und noch einige.

Nach einer halben Stunde dankte ich meiner Tutorin, die immer noch freundlich war, und verließ das Gebäude. Draußen atmete ich tief durch. Das war die Wissenschaft, die immer besser weiß, was ich als nächstes vorhabe. Erstaunlich. Als nächstes stand der Teeparty-Termin an, soviel wußte ich. Das Ziel war die Congress Street.

Tea Party House

Dort angekommen fiel mir gleich eine größere Menschenansammlung in der Mitte der Brücke über den Fort Point Channel auf. Man hatte sich wohl flashmobartig direkt vor einem an der Brücke angebauten Gebäude mit der Inschrift TEA PARTY HOUSE zusammengefunden (auf Karte zeigen). Ich stellte mein Motorrad ab und mischte mich unter die Anwesenden. Viele von ihnen trugen einen Federkopfschmuck, einige waren angemalt und etliche trugen einen Tomahawk mit sich. Eines war mir sofort klar: das waren keine Indianer! Es musste sich also um eine Art karnevalistische Veranstaltung handeln. Teebeutel schienen eine Rolle zu spielen. Im Tea Party House bot man mir Teebeutel an, um 'mitzumachen'. Ohne zu wissen wozu kaufte ich gleich ein Sixpack Teebeutel.

Dann bewegte sich die Menge seitlich an dem Haus vorbei und enterte ein dort liegendes Segelschiff. Ich folgte. Mit gehissten Segeln fuhr das Schiff ein Stück weit in den Kanal und hielt an. Unter Gejohle und Gekreische fingen die Teilnehmer der Teeparty an, ihre Teebeutel ins Wasser zu werfen. Der Sinn dieser Aktion war mir nicht klar, doch im Internet wird ja alles Mögliche ausgebrütet, und so warf auch ich meine eben erworbenen Teebeutel schwungvoll ins Wasser.

Als keine Teebeutel mehr an Bord waren, begann die Party mit Live-Musik und Häppchen. Am Buffet kam ich ins Gespräch mit einem bärtigen, mittelalten Mann und seiner Begleiterin, einer jungen blonden Studentin (so sah sie aus). Beides Schotten. Je länger wir uns unterhielten, umso mehr staunte ich. Er hieß Donnachadh McCallum und sie Grisandole Sutherland, und beide waren auf Weltreise!

Es versteht sich von selbst, dass wir von da an nicht mehr aufhören konnten, Details unserer beider Reisen auszubreiten. Donnachadh und Grisandole waren mit dem Flugzeug unterwegs und zwar mit einem Solar-Flugzeug! Sie zeigten mir Bilder von diesem riesig großen Flugzeug mit einer Flügelspannweite von mehr als 70 Metern! Wahnsinn. Ihr nächstes Ziel sollte ein Ort an der Westküste Schottlands sein.

Als ich das hörte, kam mir ein Wahnsinnsgedanke. Ob sie mich mitnehmen würden?

Wir saßen backbord, die glitzernde Wasserfläche vor uns ausgebreitet, auf der unzählige Teebeutel schwammen, und genossen das Treiben bei Shrimps und Budweiser. Ich wagte es: "Würdet ihr mich als Passagier mitnehmen?" Don sah mich aus hellblauen schottischen Augen an und die blonde, natürlich außerordentlich hübsche Gris lächelte schwach. "Hmm". Gris sah Don an und Don sah Gris an. Beide sahen mich an. "Möglich wäre es - was meinst du?". Ich meinte zwar ja, aber ich hatte das nicht zu entscheiden. Da legte ich noch eins drauf: "Mein Motorrad könnte auch mitfliegen?". Jetzt zeigte sich ein Stirnrunzeln bei Don, doch Gris meinte beherzt: "Ach Don, wir könnten doch einfach unsere Rettungsinsel dalassen, dann ist der Frachtraum frei!".

Don konnte ihr nicht widerstehen (wie immer). "Okay" sagte Don. "Aber dann brauchen wir mehr Energie wegen des höheren Gewichts! Dafür müssen wir das Energy Bike einsetzen". Don holte sein Phone heraus und fingerte sich durch Menues bis zur Karte des Startplatzes. "Wir stehen auf dem Parkfeld von Terminal E", sagte er und zeigte mir ein Luftbild, auf dem das filigrane, jedoch riesige Solar-Flugzeug deutlich zu erkennen war. "Es ist die CHALLENGER. Wir starten morgen gegen Mittag. Du fährst zum Logan International Airport und dort direkt zum Frachtzentrum. Ich sage vorher Bescheid, so dass sie dich durchlassen. Dann fährst du aufs Parkfeld bis neben das Flugzeug. Das Einladen organisiere ich".

Ein Mann der Tat - wie alle Weltreisenden. Wir stießen mit den Flaschen an und begossen das Unternehmen 'Atlantiküberquerung'. Das Schiff war inzwischen wieder zurückgesegelt und lag am Pier. Don und Gris verabschiedeten sich. Sie wollten zum Flughafen, um den Flug vorzubereiten und dabei natürlich auch die neuen Umstände, verursacht durch nicht vorgesehene 200 Kilogramm Mehrgewicht, berücksichtigen.

Ich ging beschwingt zurück zum Hotel, um ein zweites und letztes mal Luxus zu genießen. Wenn ich damals gewusst hätte, was auf mich zukommen sollte, hätte ich den Luxus in noch volleren Zügen genossen.

CHALLENGER

Beim Frühstück malte ich mir die nächste Reiseetappe in den sonnigsten Farben aus. Im Solarflugzeug über den Atlantik zu schweben, wer wünscht sich nicht ein solch einzigartiges Erlebnis! So fuhr ich voll freudiger Erwartung zum Flughafen. Alles klappte wie verabredet und schon erblickte ich am Ende der Flugzeugreihen die dünne und doch riesiggroße CHALLENGER.

Gris und Don standen vor ihrem Flugzeug und erwarteten mich. Gris im äußerst aparten rotschwarzen Pilotendress und Don in schwarzweißer Kommandantenmontur. Wir begrüßten uns freundlich per Handschlag. Gris strahlte über beide Backen. Wieder einmal bezog ich dieses Strahlen auf mich, doch im nachhinein denke ich, dass sie die Wetterlage studiert hatte und einfach sehr froh war, einen dritten (bzw. zweiten) Mann an Bord zu haben.

Und schon rollte ein Lifter heran und hob mein Motorrad in die Beladeluke. Don war im Flugzeug und bugsierte meinen Weltreisegefährten, der sich nun entspannen durfte, an die vorgesehene Standposition hinter den Pilotensitzen. Wir stiegen ein und ich nahm meinen Sitz direkt neben dem Motorrad ein. Gris und Don waren in ihren Sitzen versunken. Ich sah von hinten nur ihre Helme mit dem seitlich angebrachten Mikrophon. Ab und zu, wenn Gris zum Fenster hinaussah, konnte ich ihr schönes Gesichtsprofil bewundern.

Die Elektromotoren summten, die Sonne lachte vom wolkenlosen Himmel, die CHALLENGER rollte an und beschleunigte zum Abheben. Schon nach wenigen hundert Metern verließen wir den Boden Amerikas und stiegen ganz langsam in die Höhe. Don rief "Hurray" und Gris quietschte vergnügt. Ein bisschen Jahrmarktatmosphäre breitete sich im Cockpit aus und wir fuhren auf der großen Attraktion.

Noch einmal konnte ich tief unter uns den langen weißen Strand der nordöstlichen Küstenlinie vor Boston erkennen, dann schwenkten wir nach Osten, hinaus auf den Atlantik, und ließen das Festland hinter uns. Und so war ich endlich auf dem Weg nach Hause. Wie ich von Schottland nach Deutschland kommen würde, das beschäftigte mich zu dem Zeitpunkt nicht, denn die vor uns liegende Atlantiküberquerung beanspruchte meine ganze Aufmerksamkeit.

Der Flug hatte also erfolgreich begonnen. Wir flogen knapp über vereinzelten Wolken, die sich jedoch vermehrten, als recht bald die Dämmerung einsetzte. In Richtung Osten läuft die Zeit schneller, also genossen wir schon nach wenigen Stunden den ersten Sonnenuntergang über den Wolken, ein schaurigschöner Anblick. Dann begann die Routine mit einem kleinen Abendessen (Austern aus der Dose, Herkunft: Loch Fyne, mit frischgebackenem Baguette (aus der selbstglühenden Verpackung, quasi ein Miniofen)), dazu ein Fläschchen Chardonnay Red Label (Kalifornien), begleitet von hip-rock-rap-pop-hop-Musik aus den in den Seitenwänden eingebauten Mikroblastern. Gris hüpfte in ihrem Kopilotensitz im Takt auf und ab und ließ es sich offenbar gutgehen. In diesem Moment dachte ich: eine Weltreise hat doch ihr Gutes! Zwischen meinen beiden Piloten leuchtete im Armaturenbrett die Energymonitoring-Anzeige mit zunehmendem Rot-Anteil, was bedeutete, dass die Batterien die Versorgung des Antriebs übernommen hatten. Irgendwann wand sich Gris aus ihrem Sitz und kam nach hinten. Lächelnd seufzte sie "Gute Nacht" und verkroch sich in der Schlafkoje im Rumpf hinter dem Frachtraum, in dem ich auf meinem kleine Sitz ausharrte und bald wegdämmerte, wobei ich gerade noch mitbekam wie Don sagte: "Gris löst mich in vier Stunden ab, dann fliegt sie. Schlaf gut!".

Das Schlafen klappte nicht ganz so gut, denn immer wieder kamen Turbulenzen auf und schüttelten uns durch. Doch das stetige Summen und Rauschen und die Dunkelheit sorgte letztendlich für einige Schlummerstunden. Bis die ersten Sonnenstrahlen des neuen Morgens ins Cockpit stachen.

Ich nießte, rieb die Augen und schickte ein "Moin" nach vorne ins Cockpit. Dons Platz war nicht besetzt, aber Gris wackelte mit dem Kopf und deutete mit der rechten Hand zum Fenster links. Ich blickte durch mein Guckloch und sah das Meer im Sonnenrot, unter uns zwei ganz kleine, in Wirklichkeit aber riesige Frachtschiffe auf ihrem langen Weg von Amerika nach Europa.

Don kam von hinten und brachte Frühstück mit. Grinsend präsentierte er seine Auswahl. Ich verzichtete diesmal auf die Loch Fyne Austern und wählte ein Pariser Croissant, frisch gebacken, versteht sich. Gris kam hinzu, sie hatte den CHALLENGER auf Autopilot gestellt. Die See war ruhig und der hellblaue Himmel über uns lieferte das passende Ambiente für den Start in den neuen Tag. Don erklärte den weiteren Verlauf der Reise: noch achtundvierzig Stunden und die schottische Küste würde in Sichtweite sein. Allerdings, so bemerkte er mit Stirnrunzeln, das Wetterradar zeige ungünstige Bedingungen im gesamten Gebiet westlich der schottischen Inseln bis hinunter nach Irland an, so dass ein Umfliegen schon wegen der begrenzten Energievorräte und der ebenso begrenzten Leistung der Solarzellen nicht möglich sei. Er sah uns ernst an. "Es könnte schwierig werden. Wir sollten den bisher ruhigen Flug weiter genießen und dabei Kräfte sammeln...". Gris gähnte und verzog sich in die Schlafkabine.

Am Morgen des vierten Reisetages war das angekündigte Wetter schon zu sehen. Vor uns breitete sich ein gelblicher Wolkenteppich aus, der den Atlantik völlig überdeckte. Als wir darüber waren, fingen die Turbulenzen an. Zum Glück hatte ich zum Frühstück nur pochierte Eier mit kanadischem Seelachs gegessen. Es ging jetzt auf und ab, und ab und zu fielen wir in ein Loch, oft mehrere hundert Meter tief. Gris rief "Oh my god!", was sich fast wie ein Stoßgebet anhörte.

Im Lauf des Tages wurde es nicht besser, im Gegenteil. Don hatte herausgefunden, dass es sich bei der gelblichen Wolkenmasse um Saharastaub handelte. Selbst auf unserer Flughöhe von gut 4 Kilometern durchquerten wir Sand-Wolkenberge. Die Sicht verschlechterte sich und dann erklang das von allen Solarflugzeug-Weltumreisenden am meisten gefürchtete Geräusch: der gellendlaute Battery-Down-Alarm. Etliche der Cockpitinstrumente blinkten rot. Gespenstisch. Don sprang aus seinem Pilotensitz und kam zu mir. "Das Energy-Bike! Wir haben keine Sonne mehr! Du musst aufs Bike."

Voller Panik kletterte ich auf das Bike und begann zu treten. Ein kleines Display am Lenker zeigte meine Leistung an. Sehr schnell erkannte ich, dass ich sehr schnell treten musste, um den Zeiger im grünen Bereich zu halten. Das war unheimlich. Eigentlich war es noch vormittags, doch es wurde dunkler und dunkler. Das Auf und Ab machte es schwer, überhaupt auf dem Energiefahrrad sitzen zu bleiben. Ich dachte jetzt nicht an die Tour de France, doch deutlich-schmerzhafte Sympathien für die Rennfahrer kamen in mir hoch, obwohl ich mich keinen Meter vorwärts bewegte. Ob sich unser Flugzeug noch vorwärts bewegte, war nicht auszumachen. Im Grunde bewegte es sich gefühlsmäßig nur auf und ab.

So strampelte ich viele Stunden. Gris versorgte mich mit Energiegetränken und gezuckerten Waffeln, frisch gebacken, zum Glück (ich mag keine kalten Waffeln). Wenn mich die Kräfte veließen, passierten immer drei Dinge: das Bike-Display fing an, rot zu blinken (zu wenig Leistung!), Gris flößte mir flüssige Energie ein, und sie haute mir auf den Hintern. Das Letztere war eine echte Motivation, denn sonst hatte ich ja keinen direkten Kontakt zu ihr.

Bald begann die Nacht. Don war ständig bemüht, unsere Position zu bestimmen. Aber der Sandsturm über dem Meer erschwerte dies enorm und im Grunde wußten wir irgendwann überhaupt nicht mehr, wo wir waren. Nur der Kreiselkompass zeigte relativ konstant eine Südostbewegung an. Offensichtlich wurden wir von einer starken Strömung abgetrieben. Ich war am Ende meiner Kräfte. Jedesmal, wenn ich anhielt, weil die Beine nicht mehr treten wollten, sackte die CHALLENGER nach unten. Und jedesmal war Gris zur Stelle. Auf dem Höhepunkt der Krise spürte ich statt dem gewohnten Klaps einen Stich im Hintern. Energie flüssig, doch diesmal aus der Spritze!

Noch im Delirium, die Augen geschlossen, nahm ich wahr, dass es heller wurde. Don und Gris saßen beide vorne, fummelten an den Instrumenten und warfen ängstliche Blicke aus dem Frontfenster. Keine Ahnung, was sie sahen, doch es ging abwärts. Ich trat im Grenzbereich zwischen rot und grün, also gelb. Nur schemenhaft bekam ich mit, dass wir jetzt unter inzwischen wieder weißen Wolken flogen.

Don sprach als Kommandant ins Mikro: "Anflug auf eine Kleinstadt, links Autobahn, rechts Fluss. Überfliege die Stadt. Landung auf der Wiese am Fluss. ACHTUNG!"

Ganz tief in meinem Unterbewusstsein schrie etwas, sowas wie !!!weitertreten, nicht aufhören, wir landen, wir dürfen jetzt nicht abstürzen!!!. Als Letztes bekam ich noch das Krachen und Bersten des Aufschlags mit, dann fiel ich vom Bike und versank im tiefsten Dunkel der ganzen Reise.

Als ich wieder zu Bewusstsein kam, hörte ich als erstes Frösche quaken. Also bin ich, dachte ich. Vorsichtig öffnete ich die Augen und blickte nach oben in den hellblauen wolkenlosen Himmel. Aus dem Himmel wurde Gris' Gesicht. Ihre Hand strich über meine Stirn. "Wir sind gelandet! Du hast uns gerettet!" Ich meinte, ihre Lippen auf meinem Mund zu spüren (vielleicht eine Einbildung).

Ganz langsam nahm ich die ganze Szene in Augenschein. Ich lag und Don und Gris saßen auf einer blauen Decke mit einem großen weißen X-Kreuz, mitten auf einer großen tiefgrünen Wiese. Auf der Decke war ein Frühstück ausgebreitet. Drei Teller, Besteck, Tassen, eine Kanne Tee, Brötchen (frisch gebacken, nahm ich an), Ziegenkäse, Pata-Negra-Schinken, Weintrauben. Ich war überrascht. Ich blickte in die andere Richtung und war nicht überrascht: die stolze CHALLENGER Maschine lag auf dem Bauch, der rechte Flügel eingeknickt, die Seite aufgerissen. Mühsam stand ich auf und ging mit einigen Schmerzen in den Beinen und der rechten Schulter hinüber zum Flugzeug. Thanksgod - da stand mein Weltreisemotorrad unversehrt in seiner Haltevorrichtung. Ich würde es also doch nach Hause schaffen.

Don kam zu mir, umarmte mich und sagte: "Komm zu uns und frühstücke. Ich glaube, wir haben diese Rast verdient!". Was soll ich sagen. Das war das herrlichste Frühstück, das ich je hatte! Die frische Luft, der heiße Tee, das Rauschen des Flusses, und Gris. Sie lächelte mich an und strich dabei eine Haarsträhne aus der Stirn. Konnte es im Paradies schöner sein?

Plötzlich fiel mir ein: "Wo sind wir eigentlich?". Don sah erst Gris an, dann mich. "Wir sind in Llanfairpwll­gwyngyllgogery­chwyrndrobwll­llantysilio­gogogoch gelandet (auf Karte zeigen). Sehr weit weg von unserem eigentlichen Ziel!". Ich sah ihn betroffen an. "Soll das heißen, wir sind nicht in Schottland?". "Nein, in England".

Ich hatte den Namen des Ortes nicht verstanden und konnte mir nicht vorstellen, wo in England wir uns nun befanden. Auf meinen fragenden Blick sagte Don: "Ich singe es dir genau". Er nahm seine Gitarre zur Hand. Gris sah mich ernst an und sagte: "Don wurde hier geboren". Und nun durfte ich Ohrenzeuge eines wunderbaren Liedes werden.

Ich war erschüttert. Nicht nur von Dons Gesang, sondern vor allem, weil Gris weinte, die Hände vor ihrem schönen Gesicht. Es war alles zu viel. Die Schönheit ringsum und die Tragik, die ich nicht verstand.

Don legte seine Gitarre vorsichtig auf die Seite und begann: "Du musst wissen, ich bin hier in Llanfairpwll­gwyngyllgogery­chwyrndrobwll­llantysilio­gogogoch aufgewachsen und erst nach der Schule mit meinen Eltern nach Schottland gegangen. Dort habe ich ja zum Glück meine Grisandole gefunden". Sie sah ihn liebevoll an, küsste ihn und schwor ihm ewige Treue. Don fuhr fort: "Dass wir hier notgelandet sind, ist mehr als Schicksal! Es ist ein Hinweis... Gris, vielleicht sollten wir für immer hier bleiben?".

Ich hörte ihre Antwort nicht, denn ich war aufgestanden, um dem Gefühlsdruck zu entgehen. Mein Motorrad wurde wichtig, denn die Heimat wartete auf mich, dachte ich mir.

Ich sah, wie Gris telephonierte. Dann ging sie an den Fluss, um abzuwaschen. Don kam zu mir und sagte: "Wir werden gleich abgeholt. Mein Cousin Dylan bringt uns in die Stadt". Und tatsächlich, kaum zehn Minuten später näherte sich ein SUV-Offroader mit starkem Suchscheinwerfer und hielt an. Ein Mann kam auf uns zu, reckte die Arme hoch und rief: "Hey, ihr seid alle heile!? Mensch, was habt ihr da nur gemacht?" Er lachte und lief zu Don und Gris, die er beide herzte und küsste. Dann kam er auf mich zu und streckte die Hand zu einem festen Händedruck aus.

Darauf begannen wir, den SUV zu beladen und schließlich mein Motorrad auszuladen. Ein letzter Blick auf die verunglückte CHALLENGER (ein Blick zurück) und Dylan fuhr mit drei Weltreisenden in den Ort. Ich folgte dicht hinter dem SUV und konnte auf dem Display nachlesen, wo wir uns entlang bewegten. Von der Holyhead Road bogen wir bald links ab und hielten vor einem großen, schlossähnlichen Gebäude an. Vom Parkplatz aus gingen wir auf das große Schlossportal zu.

Dylan wandte sich um und sagte beiläufig: "Das ist mein Schloss. Hier wohne ich. Ihr werdet euch sicherlich wohlfühlen und von eueren Strapazen erholen!". Wir stiegen die breite Steintreppe hinauf. Links und rechts starrten uns wilde antike, von Wetter und Jahrhunderten verwitterte und geschwärzte Steinfiguren an. Da wusste ich: jetzt war ich endgültig in Old Europe angekommen.

Wir traten in die Empfangshalle ein. Rechts blinkte ein edler Ritter in seiner Edelstahlrüstung. Draußen schien die Sonne, doch hier drin war es ziemlich düster, entsprach aber damit meiner Erwartung von alten Burgen. Dylan deklamierte: "Willkommen in Llanfair Manor!", grinste und ging mit schweren Schritten voran. Gris' lederne, eisenbeschlagene Pilotenstiefel knallten mit lautem Echo auf den Steinboden, während wir durch die Halle schritten und in einen großen Saal gelangten.

Von hohen Fenstern fielen breite Sonnenstrahlen auf einen langen Marmortisch in der Mitte des Saales. An den hohen Wänden befanden sich ringsum Gemälde, von denen Ahnen auf uns herabblickten. Das war für mich gleich beunruhigend. Zu Hause habe ich keine Leute an der Wand, die mich ständig anstarren. Da würde ich mich ja gar nicht mehr privat fühlen. Doch in Wales ist die Vergangenheit allgegenwärtig, das war mir sofort klar.

Dylan bemerkte unsere Blicke und begann daraufhin mit einer kurz gefassten Schilderung all der Barone, Viscounts, Marquesses, Dukes, Earls, Knights und Lords aus dem Geschlecht der McCallums. Wir folgten ihm gespannt rund um den Tisch. Zum Schluss zeigte er auf ein etwas kleineres Gemälde über der Eingangstür. "Und das ist Dame Commander Jane Marlborough, meine Urururgroßmutter. Leider verstarb sie in jungen Jahren an Melancholie."

"Toll hast du es hier, Dylan", sagte Don schließlich. Gris stimmte zu, doch es war ihr anzusehen, dass sie eine Burg in Schottland dieser doch vorziehen würde. "Das stimmt. Ihr Lieben, ich zeige euch jetzt euere Gemächer. Heute Abend findet das Festmahl hier im Saale statt."

Mein Gemach war recht klein, aber mit einem schönen Ausblick auf den Menai Strait Wasserlauf, der gerade im Lichte der untergehenden Sonne rötlich glitzerte. Ein bequemes Bett, ein weicher Teppich, ein kleiner Kaminofen, in dem schon ein kleines Feuer brannte, ein kleiner Tisch, und das unvermeidliche Ahnen-Ölgemälde an der Wand - und schon fühlte ich mich heimelig. Es fiel mir auf, dass auf dem Bett kein Bärenfell lag. Anscheinend gibt es in Wales keine Bären; aber die können ja nicht überall sein.

Ich streckte mich lang und dämmerte ein wenig bis eine Glocke erklang. Das war der Ruf zum Festmahl!

Dame Commander Jane Marlborough

Als ich in den Saal trat, war ich zunächst geblendet von den unzähligen Kerzen, die geradezu überall brannten. Welcher Glanz! Selbst die Ahnen schienen von dieser Pracht geblendet zu sein, denn sie hatten sich hinter dem Lichterschein diskret zurückgezogen. In einem reich verzierten Steingewölbe brannte ein wärmendes Feuer. Daneben waren die Musiker postiert: eine Lady in langem roten Rock und gelber Blumenbluse an ihrer Harfe und ein Herr in tannengrünem Tuxedo mit seiner Violine. Auf der anderen Seite standen drei anmutige Hostessen in walisischer Tracht (weiße Bluse, rot-grün gemustertes Schultertuch, roter Rock, schwarz-weiß karierte Schürze, weiße Strümpfe, rote Schuhe, jedoch ohne Hut).

Wir traten an den Tisch - Dylan, Gwendolyn (Dylans Gemahlin), Donnachadh, Grisandole, und ich. Dylan bedeutete uns, das Glas zu erheben. Die Musiker begannen, die Begleitmusik zu Ar Lan Y Mor zu spielen. Ich sah die wunderschöne Gwendolyn an in ihrem rosenroten Cocktailkleid mit One-Shoulder-Träger und hörte, wie Dylan den Abend mit den Worten eröffnete: "Seid willkommmen im Hause McCallum, meine Lieben. Wie durch ein Wunder habt ihr heute eine Notlandung überlebt! Nach einer Reise um die Welt seid ihr am Ort unserer Ahnen gelandet..." - "Nicht ganz freiwillig", warf Don ein, was ihm einen Rippenstoß von Gris einbrachte. Dylan nickte und fuhr fort: "Auf jeden Fall seid ihr wohlbehalten und könnt viel erzählen. Lasst uns anstoßen auf einen schönen Abend mit allen Abenteuern dieser Welt!" Alle hoben das Glas an ihre Lippen und tranken einen Schluck Sherry (Manzanilla).

Wir nahmen Platz. Gris saß an meiner Seite, neben ihr Don, gegenüber Dylan und Gwendolyn. Der festlich gedeckte Tisch bot uns zunächst diverse Vorspeisen. Doch bald rückten die Gänge an, serviert von den immerfort lächelnden welschen Hostessen. Der Hauptgang gestaltete sich rund ums Wildschwein. Selten habe ich so gut gegessen - wobei allerdings die Büffelsteaks der Indianer in Fort Totten auch jetzt nicht zu übertreffen waren.

Das Feuer warf unser Schatten an die Ahnenwände; betörende Harfenklänge und der spanische Rotwein (Cabrida) verleiteten uns zu immer wilderen Erzählungen. Im Tiefflug über den Pazifik hätten sie fliegende Fische gefangen, behauptete Don. Keiner wollte ihm das abnehmen. Gris setzte darauf eine beleidigte Miene auf, denn sie war dabei gewesen, und Don war ihr Ein und Alles. Kurz vor Chongqing in China seien sie mit einer Rakete beschossen worden! Gwendolyn quietschte vor Schreck und Vergnügen. Sie quietschte des öfteren an diesem Abend und jedesmal flogen ihre beiden flachsblonden Zöpfe, links und rechts über den Ohren, hin und her. Don beruhigte uns. Es war wohl eine Feuerwerksrakete gewesen und sie hatte ihr Flugzeug um mindestens zehn Meter verfehlt. Die Mehrheit am Tisch war sich nun uneins, ob man das glauben sollte. Ich selbst war zwar bodenständig unterwegs gewesen, doch mein fliegender Freund друг war hier eine Erwähnung wert. Doch nicht nur dessen Existenz, sondern auch seine angeblichen Fähigkeiten stießen auf wenig Anerkennung. Selbst Gris sah mich groß an, aber dann lächelte sie fein und meinte: "Ich glaube dir alles! Prost!". Wir prosteten uns zu. Übrigens erfuhr ich an diesem denkwürdigen Abend, dass Gwendolyn als Schriftstellerin im Fach Phantasy tätig ist. Sie schrieb mir sogar den Titel ihres nächsten Werkes auf einen Zettel: <My Phantastic Adventures>. Ich kann mir gut vorstellen, dass mein друг darin erscheinen wird - natürlich mit den notwendigen phantasiegerechten Ausschmückungen.

Der Abend wurde immer wilder. Die Hostessen rannnten hin und her. Harfe und Violine schwangen sich zu stürmischen, zugleich jedoch traditionellen Tanzliedern auf. Der Höhepunkt war erreicht, als Gwendolyn auf den Tisch kletterte und in ihren High-Heels einen absolut wegwerfenden Steptanz hinlegte, wobei nicht nur zwei Royal Stafford Terrinen und mehrere Classic Century Teller, sondern auch fast alle Willsberger Weingläser zu Bruch gingen. Es war herrlich. Dann begann sie, Pirouetten zu drehen (der Tisch war inzwischen so gut wie abgeräumt) und sang diese Worte: <We... wusch... have... wusch... a... wusch... ghost... in... wusch... Llanfair... wusch... Manor... wusch... GHOST... wusch... APPEAR... wusch... NOW...> (ein wusch ist eine volle Drehung um die eigene Körperachse / and it seemed to me she was spotting Jane Marlborough) - ein gleißender Blitz tauchte den gesamten Saal in grelles weißes Licht. Alle Konturen wurden zu einem weiß-schwarzen Relief und das verzerrte Gesicht Gwendolyns mit weit geöffnetem Mund brannte sich in meine Augen.

"Habt ihr den Geist gesehen?", rief Gwendolyn. "Ja - wir haben ihn gesehen. Du bist der Geist!" rief Dylan zurück und hob sie vom Tisch herunter. Wir standen um sie herum. Dylan nahm sie zärtlich in seine Arme. Gwendolyn schloss die Augen und sah sehr glücklich aus.

Wir umarmten uns jetzt alle. Am besten war es mit Gris, wobei sie zu meinem Vergnügen auch noch mit ihren Stiefeln auf meine Füße trat. Doch es drehte sich ohnehin alles, vor allem im Kopf. So war es an der Zeit, die Schlafkammer aufzusuchen.

Morgens blieb ich nach dem Erwachen eine Weile liegen, um zu kontemplieren. Das mache ich fast immer, um die wichtigsten Ereignisse des Vortags und die Pläne für den Tag durchzugehen. Zur Geistererscheinung fiel mir ein, dass ich, den Blick auf die bezaubernde Gwendolyn gerichtet, im Augenwinkel eine Bewegung Dylans in Richtung Feuer gesehen zu haben glaubte - er könnte etwas ins Feuer geworfen haben, am wahrscheinlichsten wäre ein Stück weißen Phosphors.

Ich kleidete mich an, warf einen letzten Blick auf die von der Morgensonne beleuchtete grüne Landschaft Nordwest-Wales, und ging hinunter zum Frühstück. Don und Gris saßen schon am Tisch. An den getäfelten Wänden des relativ kleinen Frühstücksraums hingen diesmal nur zwei Ahnen. Als ich mich setzte, erschien der Butler (James) in tadellosem schwarzen Anzug und schwarzer Fliege und entschuldigte das Fehlen der Herrschaft mit den Worten: "Mr and Mrs McCallum sind schon zur Jagd und lassen grüßen!". Also griffen wir zu: Grapefruit, Würstchen, Spiegel- und Rührei, Tomaten, gebratene Champignons, Baked Beans, Hash Browns, Toast, Earl Grey. Ich nahm nur Rührei, Toast und Tee. Immerhin hatte ich noch vor wenigen Stunden Wildschwein satt.

Nach diesem sehr schönen Frühstück in Gesellschaft zweier außerordentlich sympathischen Weltreisenden war der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Das Schicksal hatte uns drei eng miteinander verbunden. Don meinte, sie würden erst die Bergung der CHALLENGER organisieren und dann zurück in ihre Heimat Schottland fahren. Ich gab an, Richtung London zu fahren und dort weiterzusehen. Wir versprachen uns, uns nie zu vergessen, und ich durfte die warme Gris drücken und Don umarmte mich herzlich. Wir hatten überlebt, und das war das Wichtigste!

Draußen packte ich meine Sachen aufs Motorrad und fuhr los Richtung Südosten. Noch mehrere Kilometer lang kreisten meine Gedanken um Gris und Don und den gestrigen Abend. Aber irgendwann gab ich Gas, denn ein Gedanke wurde immer stärker: ich musste England verlassen, solange die Erinnerungen noch frisch waren.

Mein Motorrad fuhr in Richtung Liverpool. Ich spürte das unruhige Vibrieren, ein Zeichen für Stalldrang. Tatsächlich lag die Heimat in exakt östlicher Richtung. Doch selbst mein Motorrad kann nicht übers Wasser fahren, also waren wir darauf angewiesen, eine geeignete Nordsee-Überquerung zu finden. Südlich von Liverpool drängte sich mir der Gedanke auf, eine kurze Magical Mystery Tour zu unternehmen, doch die Zeit drängte ebenso. Bei dem bloßen Gedanken stieg das Vibrieren vehement an, so dass ich diesen Ausflug nach Liverpool schnell wieder vergaß.

Inzwischen hatte ich mein WÄ eingeschaltet und fuhr nach den graphischen Anweisungen, ohne mich jedoch groß zu unterhalten. Auf der Reise war ersichtlich geworden, dass das WÄ nicht nur sprechen konnte, wenn es wollte, sondern mich auch hörte. Aber der Fahrtwind rauschte und WÄ sah ja selbst, dass ich seinen Anweisungen folgte. Trotzdem hielt ich kurz hinter Birmingham an der Corley Service Station an, um den weiteren Kurs zu diskutieren, und dabei eine Tasse Tee zu trinken. Warum Tee? Nun, es ist sattsam bekannt, dass Engländer weder Essen noch Kaffee richtig kochen können. Den Beweis dafür hatte der Kaffee in der US Border Patrol Station an der kanadisch-amerikanischen Grenze geliefert. Und da die Amerikaner von den Engländern abstammen, lässt sich daraus ohne weiteres auf den englischen Kaffee rückschließen.

Also aß ich einen Donut in der recht tristen Gaststätte und legte WÄ vor mich auf den Tisch zwecks Beratung. Ich forderte die Routenplanung an. Die Reise sollte nach dem Kartenbild nördlich an London vorbei zur Küste führen. "Wir fahren nicht durch London?", fragte ich vorsichtig an. WÄ gab keine Antwort, sondern blendete die Verkehrsituationsvorschau ein: <congestions on M25 circular motorway, standstills in Soho and around Trafalgar Square>. In anderen Worten, mein WÄ riet von der Fahrt durch London ab. Obwohl mir und meinem Motorrad Staus und Stillstände piepegal sind, vertraute ich auch diesmal dem Rat meines Führers und studierte aufmerksam den vorgeschlagenen Weg. Er sollte uns nach Harwich bringen und dort in den Hafen. Schon wieder war also eine Schiffsreise angesagt. Immer noch besser als Fliegen, dachte ich nach den neuesten Erfahrungen.

Zurück aufs Bike und los ging's. Der Himmel war nun mit grauen, schnell dahinziehenden Wolken verhangen und ein frischer Wind kam auf. Ich gab jetzt richtig Gas. Die grüne englische Landschaft sauste links und rechts vorbei. Bald hatten wir Coventry und Rugby passiert und steuerten Cambridge an. Da ich Cambridge, Massachusetts bei meinem Bostonbesuch schon kennengelernt hatte, verzichtete ich auf einen Zwischenstopp.

Der Himmel wurde dunkler. Es fing an zu nieseln. Wir glitten auf der regennassen A14 dahin. Auf dem WÄ-Monitor erschien nun eine laufende Anzeige der Entfernung zum Ziel: Ipswich. Wir wollten also nicht direkt zum Hafen, aber ich hatte keine Gelegenheit nachzufragen, denn es wurde immer ungemütlicher und jeder Halt war jetzt willkommen. Schließlich hatten wir die Stadt erreicht und fuhren bei zunehmender Dunkelheit ins Zentrum, bis WÄ <STOP> anzeigte (entspricht: 'Ziel erreicht'). Ich stellte mein Weltreisemotorrad vor der warmleuchtenden Front des The Robert Ransome Pubs ab und stapfte tropfnass hinein. Ich ging gleich zu der langgestreckten Bar, denn hinsetzen wollte ich mich nicht in der durchnässten Hose. Außerdem würde an der Theke die Wasserlache, die sich unausweichlich unter mir bilden würde, nicht so auffallen.

The Robert Ransome ist ein schöner Pub, geräumig, hell erleuchtet, stabile Tische und Stühle aus dunklem Mahagoniholz, und lärmende Besucher als quasi lebendes Inventar. Ich grüßte den Barkeeper, der mich mitleidig musterte und sogleich als einen jener seltsamen Biker identifizierte, die vollständig angezogen duschen. Ich beschloss, zuerst ordentlich was zu essen und dann meinen Flüssigkeitspegel von außen nach innen zu kehren, doch John, der Barkeeper, hatte schon 4cl Dalmore Malt Whisky vor meiner Nase platziert, sicherlich aus der Überzeugung und Erfahrung heraus, dass Motorradfahrer sowas brauchen. Ich schluckte - in Gedanken war ich in Schottland bei Don und Gris - und eine wohlige Wärme breitete sich über mein ganzes Zwerchfell aus. Darauf studierte ich die Speisekarte und bestellte spontan das 'Full rack of BBQ pork ribs' Gedeck. Später, als ich fast satt war, warf ich noch einmal einen Blick auf die Speisekarte und stellte fest, dass ein 'Full rack of BBQ pork ribs' die meisten Kalorien aller Speisen hat, aber da war es schon zu spät.

Das WÄ blinkte. Es hatte die Überfahrt nach Rotterdam gebucht, Abfahrt um 3:30 Uhr. Na, dachte ich, genug Zeit, um meine bevorstehende Ankunft in Europa schon mal zu begießen. Es war mir klar geworden, dass ich eigentlich noch nicht so richtig in Europa angekommen war, denn ich war ja noch in England. Das war aber okay. Deshalb bat ich John um local liquid und er schenkte Stonehengh Rudolph, ein kräftiges dunkles Bier ein.

Und so ging es los. Im weiteren Verlauf des Abends lernte ich eine bezaubernde Balletttänzerin kennen, die sich am Tresen regelmäßig die Schwingungen des Tages in ihren Kopf holt (zudem leidet sie an chronischem Liebeskummer); einen Weltreisenden (Harley, davon nachher noch mehr); eine anmutige Krankenschwester, die sich auf die Behandlung unglücklicher Zweiradfahrer im allgemein spezialisiert hat; einen Lokalpolitiker von der UKIP, der ständig und zunehmend mit Sprechschwierigkeiten behauptete, England gehöre nicht zu Europa, was ich nicht bestritt; einen Koch, der auf den STENA Lines fährt und der dabei war, seinen Frust über das ständige Klagen der Passagiere wegen schlechten Essens in mehreren Litern Spitfire Ale zu versenken; einen Öltechniker, der Ölförderplattformen in der ganzen Welt betreuen muss, aber eigentlich nur in England leben will; und noch einige mehr, die mir im Nachhinein nicht mehr richtig gegenwärtig sind.

Der bärtige Harley schien mir ein rechter Haudegen zu sein. Die Narbe auf der Stirn, die eisgrauen Augen, die rustikale Globetrotter Lederjacke, der zupackende Griff zur Tuborgflasche - das waren die beeindruckenden Indizien für den echten Weltreisenden, nicht zu vergleichen mit meinem eher unscheinbaren Erscheinungsbild. Wir hatten es uns am Tresen gemütlich gemacht. Gleich zu Beginn unseres Erfahrungsaustausches resümierte Harley mit einem Satz seine Weltumsegelung: "Der Törn begann in Plymouth und endete in Cape Town, dazwischen bin ich einmal um die Antarktis gesegelt". Das war korrekt. Wer um die Antarktis segelt, ist ein Weltreisender! Warum? Weil er (oder sie) alle 360 Längengrade der Erdkugel überquert hat. So einfach ist das. Auch wenn er (oder sie) dabei kaum Kontakt zu den Bewohnern (den Pinguinen) hat.

Ich wollte auch resümieren, geriet aber ins Stottern, denn die vielen Erlebnisse passten einfach nicht in einen Satz. Statt dessen stellte ich die spannende Frage: "Wieso bist du in Cape Town gelandet und nicht in Plymouth?", worauf Harley einen tiefen Schluck - einen wirklich tiefen Schluck - aus der Tuborgflasche nahm. John grinste beim Gläsertrocknen. Kannte er die Antwort? "Mal ganz ehrlich gesagt", begann er, "das war der Angriff! Mindestens zehn Wale. Die wollten mein Boot umkippen". Ich staunte. "Ich machte gerade ein Nickerchen, da flog ich mit einem Schlag von der Pritsche. Rauf an Deck, die Lage gecheckt, und ich sage dir, von beiden Seiten kamen die an. Und immer unters Boot getaucht. Riesenfontänen. Ich war gleich patschnass. Zum Glück konnte ich mich festhalten, sonst würde ich heute noch da unten im Meer herumtreiben (auf Karte zeigen). "Mann oh Mann" sagte ich. "Na ja, sie haben's nicht geschafft, das Boot zu kippen, aber haben alles mögliche kaputt gemacht". Harley nahm einen tiefen Schluck und blickte wehmütig. "Diese Sch...Wale haben den Kiel abgebrochen und das Ruder abgerissen! Als mir das klar wurde, bin ich erst mal in die Koje und hab den Whiskey rausgeholt. Hier..." theatralisch zog Harley ein zerknittertes Photo aus der Globetrotter Brusttasche "siehst du meine ARCTIC STAR, wie sie noch heile war!".

"Mensch Harley, wie bist du denn weitergefahren?" Ich war ja sowas von schockiert! Segeln war wohl doch noch viel gefährlicher als Motorradfahren. Harley bestellte zweimal 4cl Glendalough. Goldgelb schwamm der edle Trunk Sekunden später vor unseren Augen. "Cheers!".

ARCTIC STAR

Mit vielen Worten erzählte Harley nun von seinem mühsamen Weg zurück. Mit Hilfe des Außenbordmotors gelang es ihm, binnen zwei Wochen das südafrikanische Festland zu erreichen. Um einen einigermaßen geraden Kurs halten zu können, musste er ein Paddel ins Wasser halten, und das die ganze Zeit. Wenn er ab und zu ein paar Stunden schlief, driftete das Boot in die falsche Richtung, was er daran bemerkte, dass der Polarstern nicht mehr an der richtigen Stelle stand. Überhaupt war der nächtliche Sternenhimmel eine gute Navigationshilfe. Wenn du Richtung Polarstern fährst, kommst du automatisch im Norden an.

"Der größte Mist war", so beendete Harley seine Erzählung dieser Episode, "dass im Yachthafen kein Mensch da war, um mich zu begrüßen. Kein Empfangskomitee, keine Feier, kein Schampus. Vielleicht hätte ich vorher anrufen sollen. Zum Glück kannte ich Cape Town von vor ein paar Jahren. Na ja, was soll ich sagen, ich hab meine Sachen gepackt und erst mal im Radisson Blu logiert".

Zwischendurch hatte sich Krankenschwester Phoebe zu uns gesellt. Angelockt hatten sie Fragmente meiner Erzählungen von der Reise mit meinem Weltreisemotorrad, denn Phoebe war im Besitz einer ganz neu erworbenen KTM Freeride E, die vor der Tür stand und mit der sie regelmäßig die Umgebung von Harwich in Grund und Boden fuhr. Während Harley allmählich abdriftete wie ein voller Kahn, gerieten meine Schwester und ich ins Schwärmen. Ich gab ihr meine Daten durch und sie ihre mir. Die Übereinstimmung war groß. Wir mochten auch dieselbe Whiskeymarke, in diesem Fall den schottischen Ardbeg Corryvreckan. Ich bestellte eine Flasche. John grinste schon wieder. Kannte er sie? Je mehr sie von Trial Tracks, Ladegeräten, unglücklichen Motorradfahrern und ihrer Methode, sie wieder glücklich zu machen, ihrem Appartement mit Meeresblick, Narkosemitteln, dem nächsten Urlaub und so weiter erzählte, desto weniger bekam ich mit, dafür umso mehr von ihrer schönen Gestalt, den zum Pferdeschwanz gebundenen, mitten auf ihrem Kopf in die Höhe ragenden schwarzen Haaren, den Sommersprossen um die Nase. Irgendwann verschwamm alles und ich schien im Südlichen Ozean zu schwimmen - bis ein schreckliches Getöse alles abrupt beendete und ich zu Tode erschreckt erwachte.

Der Schalldruck allein presste mich auf mein Lager. Gut 140 dB musste der Typhon - anscheinend direkt über meiner Kabine - auf mich losgelassen haben und auf den Rest der Welt. Ich war in einer Schiffskabine, worauf das runde Bullauge am Ende des Hochbetts schließen ließ. Ich wälzte mich vom Bett herunter und sah unter heftigen Kopfschmerzen zum Fenster hinaus. Da! Wir fuhren in den Europort ein. Unübersehbar rechterhand die vielen riesigen runden Ölbehälter. Ich warf meine Kleider über, packte meine Reisetasche und raste hoch in die Kantine in der Hoffnung, ein kleines Frühstück, zumindest aber einen Kaffee, vor der Anlandung zu bekommen.

An der Selbstbedienungstheke holte ich mir einen Pannekoeken und einen Latte. An einem Tischchen mit Blick auf den langsam vorbeigleitenden Hafen kam zu meinen nur langsam nachlassenden Kopfschmerzen das Kopfzerbrechen darüber, wie um alles in der Welt ich auf dieses Schiff geraten war. Dieses Rätsel löst sich dadurch auf, dass urplötzlich der Kapitän vor mir stand. Mit ernster Miene klärte er mich darüber auf, dass eine junge Dame mit Pferdeschwanz mit dem nun vor ihm sitzenden Jammerlappen (ich) auf einem Motorrad angefahren kam und das Krad mitsamt Sozius (ich) auf der Ladefläche abgekippt habe. Mein Gott Phoebe, ohne Helm mitten in der Nacht in Schlangenlinien zur STENA gefahren, um mir zu helfen, die Weltreise ordentlich zu Ende zu führen, und nicht auf der Entwöhnungsstation des Havenziekenhuis zu enden. Meine liebe Phoebe, die ich nie wieder sehen würde.

Kein Mensch hinderte mich daran, das Motorrad vom Fahrzeugdeck an Land zu fahren. Kaum war ich auf die Pastoor Onderwaterstraat gerollt (auf Karte zeigen), stieg ich ab und hüpfte ein paar mal auf und ab. Der Boden gab nicht nach. Das ist solider europäischer Boden, so wie ich ihn gewohnt bin, wenn ich nicht gerade auf Weltreise oder in England bin, dachte ich mir.

Jetzt war wieder mein WÄ gefragt. Ich liebäugelte mit der Idee, Amsterdam zu besuchen. Das Marihuana Museum, die Oude Kerk, die Hot-Dog-Stände, die Prinzengracht, der Jordaan... Doch WÄ wies unmissverständlich auf die weit fortgeschrittene Zeit hin und den Umstand, dass nur noch zwei Reisetage blieben. Außerdem seien die Ringstraße A10 sowie die Amstel und die Spuistraat hoffnungslos überfüllt und kein Durchkommen möglich. Aber diesen Hinweis hatte ich von WÄ schon erwartet.

Also stieg ich auf mein Pferdchen und tuckerte los. Es war später Vormittag und die Sonne schien vom hellblauen Himmel. Der Fahrtwind blies den Kopf klar und bald hatte ich Rotterdam hinter mir gelassen und erreichte die Autobahn nach Deutschland. An Gouda vorbei, an Utrecht vorbei, Amersfoort, Apeldoom, ... Das Schöne am Autobahnfahren ist, dass man von der Autobahn aus die historischen Städte nicht sieht, nur die Hinweisschilder, aber ansonsten visuell nicht dazu verführt wird, die Stätten zu besuchen. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch Sprit.

An der Grenze hielt ich an und ging hinüber auf die niederländische Seite in das skandinavische Restaurant, um einen echten deutschen doppelten Espresso zu trinken, sofern dieser aus einer echten Barista abgebrüht wurde. So war es dann auch. Mmmmh! Jetzt endlich war der Zeitpunkt gekommen, den letzten Abschnitt meiner Weltreise in Angriff zu nehmen! Kein Abschnitt war in den vergangenen 78 Tagen so unspektakulär gewesen wie dieser: Autobahn an Osnabrück und Hannover vorbei bis Hamburg, wo ich am späten Nachmittag ankam. Vielleicht sollte ich doch erwähnen, dass ich hinter Bispingen in die Lüneburger Heide abgebogen war, um inmitten der blühenden Heidelandschaft und unter wärmenden Sonnenstrahlen ein Nickerchen zu machen. Aber in Hamburg gab es nur ein Ziel: den Hafen.

Die Überquerung der Süderelbe von Süd nach Nord verschafft den Hamburgern ein Gefühl der Geborgenheit, denn sie sagen: "Südlich der Elbe fängt der Balkan an". Und als ich dann auch noch die Norderelbe gequert hatte, verdichtete sich bei mir das Gefühl, angekommen zu sein. In Hamburg bog ich von der St. Pauli Hafenstraße ab in die Große Elbstraße und von dort an der Elbe entlang bis nach Övelgönne hinein. Direkt hinter der Strandperle stellte ich mein treues Weltreisemotorrad ab, ging um das Lokal herum und nahm Platz an einem der Strandtische.

Ich kann nicht sagen, dass alles so wie früher war. Der feine Sandstrand war da, die ruhig abwärts fließende Elbe, das obligatorische Containerschiff, die in die Elbe plumpsende Sonne - wunderschön - und doch, gemessen am mondänen Hafen von Vancouver oder dem ehemals historischen Hafen von Boston rückte meine Wahrnehmung von früheren Empfindungen ab. Das ist der Nachteil, wenn du um die Welt reist: dein Zuhause wirkt nachher kleiner und einfacher. Ich machte die Augen ein paar mal auf und zu, schüttelte den Kopf, raufte das Haar und wandte mich der Realität zu. Als ich aber beginnen wollte, die Speisekarte zu studieren, sah ich Kerstin.

Sie hatte ihr Yamaha-Moped auf den Strand geschoben und sah sich um. Ich stand auf und winkte. Kerstin nahm ihren Helm ab, schüttelte ihre blonde Mähne und raste auf mich zu. Wir umarmten uns wie doll. Ihre blauen Augen strahlten wie das Firmament nach einem Sommerregen. "Dass du das überstanden hast!" - "Ja", gab ich zurück, "ich wundere mich auch". Mehr war im Moment nicht zu sagen.

Wir bestellten einen Fischeintopf für mich und einen Veggiburger für Kerstin, und fingen an zu erzählen. Kerstin betreibt einen Briefmarken-Online-Shop und besucht ab und zu meinen Laden, um Briefmarken in echt anzuschauen. Wie oft habe ich ihr schon meine Briefmarkensammlung gezeigt! Während meiner 80-tägigen Abwesenheit hatte sie sich um den Laden gekümmert.

Wir tranken Federweißen und die Sonne ging in der Elbe unter. Das ist die Pflichtschau für jeden Hamburger (ähnlich wie Queen Mary II), einmal Övelgönne und Sonnenuntergang. Kerstin und ich waren jedoch oft hier und quatschten über dieses und jenes. Natürlich war sie neugierig und ich schilderte einige Ereignisse und Erfahrungen, zum Beispiel den Schock bei der Verköstigung amerikanischen Kaffees an der kanadisch/amerikanischen Grenze und die daraus resultierende Erkenntnis, dass man in Amerika absolut keinen Kaffee trinken kann. Kerstin glaubte mir das sofort. Dann fragte sie: "Hast du Bilder?". Jetzt war ich baff. Sie meinte vermutlich Photos. Ich war sprachlos. An Photos konnte ich mich nicht erinnern. Es gab nur eine Chance. Hektisch kramte ich mein WÄ hervor. Auf seinem Screen sah ich zum ersten Mal ein Icon mit Blümchen und der Unterschrift <Galerie>. Und, kaum zu glauben, nach Click tauchten Bilder auf. WÄ hatte tatsächlich - von mir unbemerkt - seine Kamera aktiviert und hunderte von Photos generiert. Ich tat jetzt ganz souverän. Mit den Worten "Selbstverständlich habe ich Bilder gemacht" schob ich das WÄ zu Kerstin hinüber.

"Oh, sieh mal - du mit einem echten Büffel!" Ich betrachtete das Bild. War es möglich, dass WÄ diese Szene synthetisiert hatte? Ich hatte mich doch nie in die Nähe dieser riesenstarken Viecher begeben, schon aus Sicherheitsgründen. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie das WÄ jemals zu diesen Bildern gekommen ist. Kerstin quietschte vergnügt, als sie mich auf einem Bild zusammen mit einem Eisbären sah, in liegender Position auf dem Bärenfell, mein Kopf direkt neben dem Bärenkopf. Mein recht dämlicher Gesichtsausdruck deutete dabei nicht darauf hin, dass ich mich photographiert wähnte. Das musste in Ariels Haus auf Cypress Mountain passiert sein. Und so ging es weiter. Ich beschloss, diese illegal angefertigten Bilder zu Hause in Ruhe zu analysieren und danach eine Entscheidung bezüglich des WÄ zu treffen, Stilllegen oder Weiterleben lassen.

Es wurde spät. Ein frischer Wind zog über die schwarzglänzende Elbe. Nur noch vereinzelt zogen Abendschwärmer am Ufer entlag. Wir jedoch bestellten die zweite Flasche Consigna Merlot. Kerstin hatte den Kragen ihrer Pilotenjacke hochgestellt. Sie war so schön im Kerzenlicht. Wie ich das alles genoss nach der langen Fahrt. Nur für einen kurzen Moment sah ich Sacheen im Feuerschein, dann war es wieder Kerstin. Sie wollte mich morgen besuchen, um mir ein wenig im Laden zu helfen "nach der langen Zeit". Wir sahen uns fast ebenso lange in die Augen und prosteten dann auf eine glückliche Zukunft. Nun musste ich nicht mehr durch die Welt reisen.

Ich ergriff mein WÄ, um es im Rucksack zu verstauen und hielt inne. Das Display war an. Es/er blickte mich an wie damals bei Heid's. Ich las: <я буду скучать по тебе>. So war das also. Immerhin! Irgendwie rührend, doch nun wollte ich nur noch nach Hause!

Die Fahrt nach Norden war dunkel und kalt. Es war am achtzigsten Tag meiner Weltreise um 1:30 Uhr, als ich endlich ins Bett sank und sofort einschlief. Erst morgens meldeten sich die ersten Träume von Büffelherden, fliegenden Ungeheuern, Eisbären und Indianern - bis die Türglocke mich weckte und Kerstin eintrat. Wir machten uns ein wirklich schönes Frühstück, unter anderem mit Rührei und Schnittlauch(!). Später fuhren wir zum Laden. Neugierig betrachtete ich die Auslagen. Meine über viele Jahre gesammelten Briefmarken waren nach Ländern und Epochen aufgeteilt. Motivbezogen gehörte eine Sammlung von Luftfahrtzeugenmarken zu meinen Favoriten. Alles war noch da, das heißt nichts verkauft. Kerstin bestätigte, dass etliche Leute die Briefmarken angesehen, aber nicht gekauft hatten. Nun ja, was sind schon Briefmarken im Vergleich mit Ölfässern? Das Leben geht weiter.

So verbrachten wir einen ruhigen Tag. Meine Weltreise rückte in weite Ferne. Hier war ich zu Hause. In der folgenden Nacht träumte ich von Ariel. Wir saßen an Deck der Rickmers Yokohama, als plötzlich eine Horde schwarzweißer Orcas über uns wegfegte. Sie flogen so niedrig, dass eines der Schwerter Ariel und mich von den Liegestühlen riss und gegen die Reling schleuderte. Dann kamen sie wieder von allen Seiten. Ariel und ich lagen schutzsuchend eng aneinander gepresst. Nass von Meerwasser wachte ich auf. Es war nur ein Traum gewesen - aber auch ein Wiedersehen mit Ariel.

Noch einige Nächte träumte ich von den wunderlichsten Dingen, die es nicht gibt und dennoch schmerzhaft real wirkten. Doch irgendwann war das zu Ende und mein uralter Traum kehrte zurück: der Traum von der blauen Mauritius.

Hören Sie den gesamten Soundtrack von Don Woods:

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