Das Speedrosseln-Team

28.11.2016

Den Reifen wechselt man, wenn er ein Loch hat oder ein anderes Profil braucht, z.B. Winterreifen. Tatsächlich wechselt man das ganze Rad aus (Felge plus Reifen), denn Reifen auf Felge ziehen braucht Spezialwerkzeug.

Nur wenige Menschen wissen heute noch, wie man ein Rad am eigenen Auto gegen das Ersatzrad tauscht, sofern ein solches überhaupt vorhanden ist. Die Standardprozedur ist:

1 Wagenheber suchen / holen
2 Mutternschlüssel suchen / holen
3 Muttern lösen
4 Auto aufbocken
5 Muttern entfernen
6 Rad abnehmen
7 Neues Rad aufsetzen
8 Muttern von Hand aufsetzen
9 Muttern befestigen
10 Auto absetzen
11 Wagenheber entfernen
12 Muttern nachziehen

Für Motorsportbegeisterte ist Reifenwechseln ein elementarer Vorgang, denn das sportliche Fahren verschleißt die Reifen. Es ist also nicht verwunderlich, dass die ganze Prozedur des Rad-Abnehmens und -Aufsetzens für die Fans eine ebenfalls sportliche Herausforderung ist und der Optimierung bedarf.

Heinz Beckers Speedrosseln-Team

In der kleinen saarländischen Gemeinde Großrosseln an der Grenze zu Frankreich haben sich Freunde und Verwandte von Heinz Becker, Automechaniker, zusammengetan, um zu optimieren. In einer ersten Diskussionsrunde im Blockhaus bei Bier und Würstel wurden das Ziel und die Ausgangssituation geklärt. Vor allem wurde festgestellt, dass man 17 Leute braucht, um in kürzester Zeit 4 Räder zu wechseln. An diesem Abend waren nur die 12 Hardcore-Motorsportfans des Ortes anwesend. Es mussten noch 5 weitere Teilnehmer geworben werden. Das gelang und nur eine Woche später fanden sich alle Mitglieder des neugegründeten Speedrosseln-Teams zum ersten Test auf dem Parkplatz hinter dem Restaurant Da Mario (an der Rue du Général de Gaulle) ein. Heinz war mit seinem zehn Jahre alten Opel Corsa gekommen.

Zunächst einmal wurde das Werkzeug gesichtet und überprüft: 4 Wagenheber und 4 Ringschlüssel. Die Wagenheber bekamen einen Schuss WD-40 ins Getriebe und gut war. Heinz appellierte an sein Team, das Beste zu geben.

Dann wurde die Grundstellung eingeübt. Links und rechts vom Opel Corsa je 8 Mann (und Frau) und als Signalgeber und Zeitnehmer Horst vor dem Bug des Autos. Unermüdlich lief Heinz als Teamchef hin und her und bugsierte jede/n an seine/ihre richtige Position, von wo aus die speziellen Aufgaben am besten durchzuführen wären. Ganz klar, dass die 4 Rad-Abnehmer in der Ausgangsposition ganz vorn am Auto standen. Heinz hatte sich selbst als Rad-Aufsetzer eingeteilt, übernahm aber zusätzlich mit Hilfe einer Trillerpfeife das Signalisieren eines Abbruchs, falls etwas nicht optimal lief. Horst als Signalgeber gab nur das Startsignal und stoppte die Gesamtzeit. Sobald das Auto mit neuen Reifen wieder auf dem Boden stand, gab er das Freifahrtzeichen.

Endlich, nach langen Beratungen über den Ablauf der Aktion, war es so weit. Ein erster Probelauf stand an. Alle nahmen ihre Positionen ein. Horst pfiff. Die Aufbocker Lennart, Erich, Inge, Alexander schoben die Wagenheber blitzschnell unters Auto und wanden sie hoch. Kaum hatten die Räder den Bodenkontakt verloren, verschwanden sie nach vorn und hinten, während sich die Mutternschrauber Rita, Louis, Anton, Sofia auf die Muttern stürzten. So ging es Schlag auf Schlag - ganz entsprechend der folgenden Aktionsphasen-Abbildung:

Reifenwechsel an Heinz Beckers 10 Jahre altem Opel Corsa

Der erste Lauf hatte eine Menge Probleme offenbart. Simon war der neue Reifen aus der Hand geglitten und weggerollt. Louis hatte sich beim Festschrauben den Arm verrenkt. Und Horst hatte schlussendlich vergessen, die Zeit zu stoppen. Allen war klar, dass nur Übung den Meister macht.

Nach fünf Läufen lag endlich ein brauchbares Ergebnis vor. Horst las von seiner Stoppuhr ab: 147 Sekunden. Alle jubelten. Noch nie hatten sie auch nur einen Reifen so schnell gewechselt. Doch Heinz bremste die Euphorie. „Leute“, rief er „das war gut. Louis geht’s wieder?“ Louis nickte. „Gut. Aber zum Rekord ist es noch ein weiter Weg. Wisst ihr denn, wohin wir kommen müssen?“ Er blickte in ratlose Gesichter. „Ich sage es euch. Aber fallt nicht um vor Schreck: 1,92 Sekunden!“.

„Nöh, nie, gibt’s nicht, unmöglich…“ protestierte das Team. „Doch“, sagte Heinz. „Wir müssen nur wollen. Ihr wollt doch, dass das Speedrosseln-Team erfolgreich ist und berühmt wird?“ - „Jaaah!“.

Saarbrücker Zeitung: Erzielte Zeiten

Es folgten Wochen voller Mühen und vielen Verzweiflungen einschließlich Zweifel am Sinn der ganzen Sache. Doch inzwischen ist die Presse aufmerksam geworden und verfolgt die Übungen. Die Saarbrücker Zeitung fing vor kurzem an, im Sportteil die Reifenwechselzeiten zu veröffentlichen. Anhand einer Graphik können die Leser den Fortschritt überwachen. Das Diagramm zeigt die Abnahme der Gesamtzeit seit dem 4. September, damals 147 Sekunden, bis zum gestrigen Tag bei 48 Sekunden. Es scheint eine Abflachung der Kurve einzutreten, was bedeutet, dass das Team mit der jetzigen Technik kaum unter den Wert von 40 Sekunden kommen wird.

Heinz Becker und sein Stab, bestehend aus den Technikspezialisten Anton Kolb und René Fretter, tüfteln an besseren Lösungen. Vor allem ist das Auf- und Abbocken noch zu zeitintensiv. Es müsste eine Lösung gefunden werden, mit der man den Opel Corsa mit einem Schlag aufbocken und Absenken kann. Außerdem sollten die Felgen eigentlich nur eine Schraube haben statt fünf. Und einen Hochleistungsschrauber und und und.

Die Begeisterung des Teams hat etwas abgenommen. Deshalb hat Heinz seine Freunde, die nun schon seit 12 Wochen bei der Sache sind, eingestimmt auf das große Ziel Weihnachten: bis dahin sollen die 30 Sekunden erreicht werden. Heinz Becker glaubt inzwischen nicht mehr an die 1,92 Sekunden, aber das würde er nie eingestehen.

Reifenwechsel richtig gemacht (Video starten):

Sofia

„Ich fahre normalerweise Motorradrennen, aber meine Familie ist mit den Beckers gut befreundet und ich mit Lennart, der mich gefragt hat, ob ich bei der Reifenwechsel-Challenge mitmachen will, und da habe ich spontan ja gesagt. Jetzt bin ich nicht nur Mitglied in meinem eigenen S3R Racing Team, sondern auch im Speedrosseln-Team. Na ja, bisher war es recht lustig, aber ich glaube, wir werden das Ziel von 1,92 Sekunden nicht erreichen. Wenn meine Mechaniker das Vorderrad und das Hinterrad beim Boxenstop auswechseln, geht das in 8,4 Sekunden. Vielleicht kein guter Vergleich".

Quelle:
http://www.bbc.com/autos/story/20160725-secrets-of-the-two-second-pit-stop