Deutsch

7.11.2015

Millionen Menschen kommen nach Deutschland, um sich hier niederzulassen. Was sie nicht bedacht haben ist, dass man hier deutsch spricht. Der Schriftsteller Mark Twain hielt sich längere Zeit in Heidelberg auf und versuchte, deutsch zu lernen. In seinem Essay "Die schreckliche deutsche Sprache" schrieb er im Jahre 1880*:

"Aufgrund meiner philologischen Studien bin ich überzeugt, dass ein begabter Mensch Englisch (außer Schreibung und Aussprache) in dreißig Stunden, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren lernen kann. Es liegt daher auf der Hand, dass die letztgenannte Sprache zurechtgestutzt und repariert werden sollte. Falls sie so bleibt, wie sie ist, sollte sie sanft und ehrerbietig zu den toten Sprachen gestellt werden, denn nur die Toten haben genügend Zeit, sie zu lernen."

Twain beschäftigte sich intensiv mit der deutschen Sprache und fand einiges daran auszusetzen. So erschien ihm die Verwendung des grammatikalischen Geschlechts widersinnig und zufällig. Er schrieb:

"Jedes Substantiv hat sein grammatisches Geschlecht, und die Verteilung ist ohne Sinn und Methode. Man muss daher bei jedem Substantiv das Geschlecht eigens mitlernen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Um das fertig zu bringen, braucht man ein Gedächtnis wie ein Terminkalender. Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon. Welch eine übermäßige Hochachtung vor der Rübe und welch eine kaltherzige Missachtung des Mädchens verrät sich hier! Sehen Sie einmal, wie es sich gedruckt ausnimmt – ich übersetze im Folgenden ein Gespräch aus einem der besten deutschen Sonntagsschulbücher:"

Gretchen: “Wilhelm, where is the turnip?”
Wilhelm: “She has gone to the kitchen.”
Gretchen: “Where is the accomplished and beautiful English maiden?”
Wilhelm: “It has gone to the opera.”

Besonders absurd erschien Twain die groteske Verwendung trennbarer Verben. Dazu brachte er diesen Beispielsatz:

„Die Koffer waren gepackt, und er reiste, nachdem er seine Mutter und seine Schwestern geküsst und noch ein letztes Mal sein angebetetes Gretchen an sich gedrückt hatte, das, in schlichten weißen Musselin gekleidet und mit einer einzelnen Nachthyazinthe im üppigen braunen Haar, kraftlos die Treppe herabgetaumelt war, immer noch blass von dem Entsetzen und der Aufregung des vorangegangenen Abends, aber voller Sehnsucht, ihren armen schmerzenden Kopf noch einmal an die Brust des Mannes zu legen, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebte, ab.“

Angesichts der verwirrenden deutschen Grammatik konstatiert Twain:

"Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft. Aufs Hilfloseste wird man in ihr hin und her geschwemmt, und wenn man glaubt, man habe endlich eine Regel zu fassen bekommen, die im tosenden Aufruhr der zehn Wortarten festen Boden zum Verschnaufen verspricht, blättert man um und liest: „Der Lernende merke sich die folgenden Ausnahmen.“ Man überfliegt die Liste und stellt fest, dass es mehr Ausnahmen als Beispiele für diese Regel gibt."

Viel hat sich daran nicht geändert. Auch wenn heute die meisten Leute auf Kurznachrichtenniveau texten, ist deutsch nach wie vor schwierig, und das nicht nur für Neudeutsche. Immer wieder gab es Anläufe, deutsch zu vereinfachen, ohne nachhaltigen Erfolg. Es gibt jedoch seit etwa 2006: die leichte Sprache. Es gibt sie sogar offiziell: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im Jahr 2014 den Ratgeber "Leichte Sprache" herausgegeben. Dabei geht es nicht um das gesprochene Wort, sondern um Texte, die möglichst einfach zu lesen und gut zu verstehen sein sollen.

Es gibt für die Leichte Sprache ein Regelwerk. Einige Regeln sind beispielsweise:

Vermeiden des Genitivs
Vermeiden des Konjunktivs
Vermeiden von alten Jahreszahlen
Vermeiden von hohen Zahlen oder Prozentzahlen
Vermeiden von Fragen
1,5-facher Zeilenabstand
Schlecht: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Gut: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
u.v.m.

Mark Twains abschreckender Satz zur Demonstration der grotesken Verwendung trennbarer Verben liest sich in Leichter Sprache so:

Die Koffer sind gepackt.

Er will abreisen.

Zuerst küsst er seine Mutter und seine Schwestern.

Ein letztes Mal drückt er sein geliebtes Gretchen.

Gretchen hat ein weisses Kleid an.

Sie hat eine Blume im Haar.

Gerade war sie beinahe die Treppe heruntergefallen.

Sie ist blass und sehr aufgeregt.

Sie möchte ihren Kopf an ihren Mann anlehnen.

Sie liebt ihren Mann mehr als sich selbst.

Er reist ab.

Aus einem Satz werden elf. Wie im Traum findet das Geschehen in der Gegenwart statt. Alles ist übersichtlich. Das Drama ist erkennbar. Gleichwohl stellt sich die Frage, warum er abreist, wo doch Gretchen leidet. Die Leichte Sprache ist manchmal sehr direkt. Nichts wird hinter langen Sätzen versteckt.

Die Leichte Sprache ist vor allem für die Twitterkinder von heute sehr geeignet, denn mit ihrer Hilfe können sie später im Erwachsenenalter gut zurechtkommen.

* Die englische Fassung stammt aus dem Jahr 1880, die deutsche aus den Jahren 1892 in der Übersetzung von "A Tramp Abroad" und 1897 als Abschrift eines Vortrags in Wien.

Quellen zu Mark Twains Essay: www.alvit.de und www.freitag.de