Hast du WLAN?

22.5.2017

Vor kurzem wurde ich - nicht zum ersten Mal - gefragt, ob ich WLAN habe. Der Hintergrund: die Mitglieder unseres Kaninchenzüchtervereins in Malchow kommunizieren über WhatsApp. Das habe ich nicht. Man riet mir, doch an den aktuellen News teilzunehmen durch Installation von WhatsApp auf meinem Smartphone.

Ich äußerte Bedenken, weil mein Datenvolumen nicht wirklich den Download großer Datenmengen zulässt (zwecks Installation). Doch wie aus einem Munde klang es "Hast du WLAN?". Mir schien es in diesem Moment, als ob WLAN das passende Wundermittel ist.

Natürlich habe ich zuhause WLAN, wenn ich es einschalte. Aber ich brauche es nicht, weil mein LAN fest verdrahtet ist mitsamt Internet. Ich habe dann WhatsApp einfach direkt geladen und installiert (unter Bauchschmerzen, wie damals bei Skype).

Obwohl ich kein WLAN bei mir habe und auch nicht brauche, wurde ich doch nachdenklich. Wenn alle WLAN haben und ich nicht, dann stimmt da was nicht. Also begann ich nach einer Lösung zu suchen.

Institute of Genetics and Development
Biology

Nach umfangreicher Recherche stieß ich im Anhang einer Veröffentlichung in "Brain Research" auf einen kleinen Hinweis zur Erforschung der drahtlosen Nervenleitung beim Menschen. Das weckte mein Interesse, denn "drahtlos" ist "wireless". Meine weitere Suche ergab, dass diese Forschung in China durchgeführt wird, und zwar am "Institute of Genetics And Developmental Biology" der " Chinese Academy of Sciences" in Peking. Weitere Bemühungen führten zur Korrespondenz mit der Leiterin des Instituts, Frau Dr. Chan Feng Hui. Da die Forschung an ihrem Institut streng geheim ist, kann ich hier keine Details wiedergeben. So viel sei jedoch gesagt: die Ergebnisse sind vielversprechend und man ist dabei, jetzt auch Freiwillige in die Versuchsreihe aufzunehmen.

Es vergingen drei Monate, in denen ich mit Forschern des Instituts kommunizierte, um Details ihrer Arbeit zu erfahren. Ergänzt durch Informationen aus diversen Publikationen in wenig bekannten Journalen gelang es allmählich, die Mosaiksteine zu einem groben Bild zusammenzusetzen. Als Laie habe ich noch heute Mühe zu verstehen, wie es möglich ist, Teile des Nervensystems so zu komplettieren bzw. zu ersetzen, dass die herkömmliche Signalgeschwindigkeit von rund einem Meter pro hundertstel Sekunde radikal auf Lichtgeschwindigkeit angehoben wird, das heißt, der Ausbreitungsgeschwindigkeit von elektromagnetischen Wellen entspricht. Die Lichtgeschwindigkeit wird nicht ganz erreicht, da das Körpergewebe dämpfend und verzerrend wirkt. Die Versuche zeigten jedoch, dass die neue Signalgeschwindigkeit so extrem hoch ist, dass die Reaktionszeit des Menschen nahe Null ist. Praktisch gesehen könnten also Autofahrer sofort auf ein Hindernis reagieren. Damit wäre die Verkehrssicherheit enorm verbessert.

Anstelle der herkömmlichen biochemischen Signal-
übertragung von Nerv zu Muskel (links) übernimmt
jetzt das direkt an die Muskelzelle angekoppelte
MicroSyn-Modul mit HF-Antenne diese Funktion

Natürlich erfordert das neue Signalsystem Sender und Empfänger. Da nur eine geringe Reichweite gefordert ist, sind die Bauelemente mikroskopisch klein. Das ganze System setzt sich wie folgt zusammen: das Router-Element mit einem vorgeschalteten Sensor- sowie Transmitter-Modul und 128 Ports (Kanälen) wird in das Kleinhirn eingebaut. Zwei Drittel der Kanäle werden für die Sensorik verwendet, ein Drittel für die motorische Steuerung. Muskelkontraktionen werden durch MicroSyns (Synapsen) mit Funkempfängern ausgelöst (siehe Bild). Sie sind in alle wichtigen Muskelsträngen eingebaut. Der zentrale Microcomputer (MC) sitzt im Mittelhirn mit direkter Verbindung zum Großhirn. Der MC überwacht das Netzwerk und setzt die Befehle des Großhirns um.

Aus der Betrachtung dieses Systems schloss ich, dass die Chinesen ein Human-WLAN realisieren mit enormen Vorteilen für den Menschen. Nicht nur die Geschwindigkeit beeindruckt, sondern auch die perfekte, computergesteuerte Koordination und die Ausfallsicherheit. Von daher war es für mich nur noch ein kleiner Schritt bis zur Überlegung, selbst von diesen Vorteilen profitieren zu wollen. Die Entscheidung ließ nicht lange auf sich warten. Ich rief im Institut an und meldete mich als Freiwilliger.

Nachdem ich von dort die Genehmigung für eine Transformationsbehandlung erhalten hatte, kratzte ich meine Ersparnisse zusammen und flog nach Peking. Im Institut erwartete mich Frau Hui, eine bezaubernde Erscheinung in weißer Krankenhauskleidung. Freundlich lächelnd begrüßte sie mich mit den Worten: "Willkommen bei uns! Es ist uns eine Ehre, Sie als ersten westlichen Menschen zu transformieren". Sie übergab mich an eine hübsche, kokett lächelnde Krankenschwester, ebenfalls in weiß. Von dieser erfuhr ich auf dem Weg durch einen großen grünen Park mit zahlreichen Blauglockenbäumen zum Patientengebäude, dass ein Vorbereitungsgespräch noch am Abend stattfinden würde.

Mein helles Zimmer mit Ausblick auf den Park war sparsam eingerichtet. Ein Wandbildschirm mit rotem Rahmen, ein offensichtlich chinesisches Produkt, zeigte Nachrichtensendungen mit aufgeregten Sprecherinnen, alles auf chinesisch. Ich schaute ungeduldig auf die Uhr und dann wieder entspannt auf den weitläufigen grünen Park.

Endlich wurde ich abgeholt von der Schwester von vorhin (wobei ich mir da nicht ganz sicher war) und zum Treffpunkt geführt, einem Konferenzraum mit Bibliothekscharakter. Fünf Personen waren anwesend: der Leiter der Transformationschirurgie Huáng Chen, ein älterer, gütig dreinblickender Herr; der Cheftechniker Tao Dong, jung, schmal, mit strengem Blick; der Computerspezialist Mort Mandeville, ein jovialer Engländer mit krausem Haar, der bei der Übersetzung half (meist sprachen wir englisch); der Anästhesist Wú Ning Peng, ein abwesend wirkender, dunkler südchinesischer Typ und als einziger in Berufskleidung; und schließlich Pflegerin Zhào Fang Lian, die mich persönlich während des gesamten Aufenthalts betreuen sollte.

Alle begrüßten mich herzlich mit Handschlag. Wir setzten uns an den Tisch. Tee wurde gereicht. Huáng erröffnete das Gespräch. Zunächst bedankte er sich bei mir für meine Bereitschaft, der Wissenschaft zur Verfügung zu stehen. Dann schilderte er in groben Zügen das Vorhaben, unterstützt durch Graphiken und Schaubilder. Der Vortrag war hochinteressant, erfuhr ich doch direkt an der Quelle, wie der Mensch umgebaut wird in ein elektronisches Netzwerk. Genau genommen ist das Ergebnis ein Hybridwesen. Am Ende beschrieb Huáng die Versuchsreihe, die vor zwei Jahren mit Experimenten mit Katzen begonnen wurde.

Mandeville projizierte das implantierte Computersystem. Detailaufnahmen zeigten die Einbettung der Komponenten in die organische Materie. Die Ausstattung der wichtigsten Muskelstränge mit MicroSyns gestattet es, Körperbewegungen, z.B. Gehen, auszulösen und zu steuern ohne Beteiligung des Rückenmarks, so dass auch Querschnittgelähmte gehen können. Reflexe, die normalerweise das Rückenmark auslöst, zum Beispiel die Bewegungskoordination, werden dabei vom MC kontrolliert. Mandeville zeigte zwei kurze, sehr erstaunliche Videofilme zu diesem Aspekt und war sichtlich stolz auf diese Errungenschaft des Systems.

Tao Dong sagte nichts, spitzte nur die Lippen, wenn es um die technischen Aspekte der Transformation ging. Wú hielt sich auch zurück. Ganz kurz schilderte er mit verschleiertem Bilck (Drogen?) den Operationsverlauf von der Einleitung bis zur Ausleitung. Ob man meine Schädeldecke öffnen würde, das erfuhr ich an keiner Stelle.

Nach den Ausführungen meldete ich mich zu Wort. Schon auf der Anreise war mir ständig der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass das Human-WLAN unbedingt auch ein Interface zu externen Computern haben sollte. Ich trug das als Wunsch vor und war völlig überrascht von der Reaktion. Mandeville stand spontan auf und ging zum Bildschirm, auf dem er das Kommunikationsschema darstellte. Kurzes Räuspern, als ob er diese Frage eigentlich nicht erwartet hatte.

"Selbstverständlich installieren wir ein WLAN nach IEEE 802.11 Standard", sagte er. "Wir verzichten auf eine Verschlüsselung, damit Clients direkt einloggen können". Morimer lächelte süffisant. "Das zieht alle Computer im Nahfeld an wie das Licht die Motten. Das wird interessant für Sie werden. Es ist das erste Mal, dass wir diese Technik im Menschen installieren, doch wir haben natürlich viele Versuchsreihen mit Affen durchgeführt. Und die waren begeistert". Ich schluckte. "Dann bin ich ein Pionier?" - "Oh ja", reagierte Huáng, der Mann, der mich zuerst zerlegen und dann wieder zusammenbauen würde, "Sie werden stolz darauf sein. Ein Rat vorweg: sprechen Sie mit niemandem darüber, denn Sie werden Fähigkeiten haben, die sonst kein Mensch besitzt. Neider könnten gefährlich werden".

Mein Glücksbringer

Jetzt schluckte ich mehrfach. Das ganze Vorhaben schien mir wie ein absurder Alptraum, doch wer A sagt, muss auch B sagen, das wusste ich ganz genau. Zhào nahm meine Hand: "Ich bin die ganze Zeit bei Ihnen! Es wird alles sehr gut werden", und leise sagte sie: "Ich habe eine Kerze angezündet für Budai - er bringt Glück!". Nicht gerade beruhigend.

Ich bedankte mich mit leichten Verbeugungen für die Erläuterungen. Durch den in goldenes Dämmerlicht getauchten Park ging ich langsam zur Unterkunft und versuchte währenddessen, meine Gedanken zu ordnen. Die Operation war für 8 Uhr am nächsten Morgen angesetzt. Hoffentlich würde ich schlafen können.

Ich, noch benommen, nach der Operation

Als ich nach einer Woche sehr langsam und in Etappen aufwachte, fand ich zuerst die dunklen Augen meiner "Freundin" Fang Lian. Sie wisperte: "Budai hat Glück gebracht! Du bist gesund - alles ist gut!". Sie legte ihre Wange an mein Gesicht. Ich spürte ihre Wärme. Ein Glücksgefühl durchströmte mich. Ich war am Leben und konnte mich bewegen, obwohl - das wusste ich nicht genau. Die ersten Eindrücke meiner neuen sensorischen Fähigkeiten waren ganz neuartige Empfindungen von Daten, die ich erst allmählich als Nachrichten aus verschiedenen Regionen meines Körpers kennenlernte. Hierzu gab es ein tägliches Training durch Tao Dong. Er sprach sogar mit mir und sein strenger Blick wurde allmählich freundlich und fürsorglich.

Acht Wochen war ich in der Klinik des Instituts für Genetik und Entwicklungsbiologie. In der letzten Phase hatten mir Mortimer und Dong beigebracht, mein WLAN als Hot Spot einzusetzen. Sie dockten bis zu zwölf Computer unterschiedlichster Fabrikate an mich an. Wir trainierten so lang, bis ich die verdeckte Kommunikation mit allen Computern perfekt beherrschte.

Zum Abschlussgespräch war neben Huáng und Mandeville auch die Direktorin Hui gekommen. Kühl, aber nicht unfreundlich musterte sie mich. "Es geht Ihnen gut?" - "Ja, ich bin zufrieden", erwiderte ich. "Das freut mich. Wir sind alle erfreut über den guten Ausgang dieses Experiments. Wir entlassen Sie mit den besten Wünschen für Ihre Zukunft als Hybrid-Mensch. Seien Sie vorsichtig im Umgang mit den konventionellen Menschen".

"Ohja, sicherlich!". Ich suchte nach den passenden Abschiedsworten. "Wie geht es weiter mit Ihren Arbeiten?", erkundigte ich mich.

Huáng antwortete: "Sie sind der erste technologisierte Hybrid-Mensch. Weitere werden folgen. Längerfristig streben wir jedoch den autologen Menschen an. Die eigentliche Bestimmung unseres Instituts ist die genetische Veränderung des Menschen. Dementsprechend werden wir Organe züchten, die alle Funktionen des technischen Systems, das wir bei Ihnen installiert haben, auf rein biologischer Basis übernehmen. Es wird noch eine Weile dauern...".

Zuhause gewöhnte ich mich nur langsam an die Geschwindigkeit, mit der Arme, Beine, Hände reagierten. Zwar wusste ich, dass sie mit fast Lichtgeschwindigkeit gesteuert wurden, aber eine Umstellung war es doch, vor allem jetzt, da ich jeden Gegenstand mühelos im Fall ergreifen und auffangen konnte. Ein guter Torwart hätte ich wohl sein können.

Mandy mit Rübe

Am Montag Abend war Vorstandssitzung im Kaninchenzüchterheim (ich bin Schriftführer im "Mümmel"-Verein). Ich setzte mich neben Mandy (meine heimliche Flamme). Sie hatte ihre "Rübe" dabei, ein wolliges Zwergfuchskaninchen. Rübe saß auf ihrem Schoß. Gemeinsam checkten sie die neuesten WhatsApp-Tweets. Rübe hat ein eigenes Konto. Wenn Mandy Nachrichten für Rübe schreibt, fragt sie ihn vorher. Während sie sich unterhielten und die Nachrichten lasen, checkte ich Mandys Smartphone. Es hatte sich schon bei mir eingelogged. Ich besichtigte also ihre Kontakte. Dann las ich ihre Emails. Was mir zunehmend nicht gefiel, waren Mandys häufige Kontakte mit René, einem Kerl aus der Nachbarschaft. Erst jetzt als Hybrid-Mensch stieß ich auf diese Liaison. Vorher tappte ich im Dunkel. "René - blöder Kerl", stieß ich hervor und bereute sofort diesen Ausrutscher, denn Mandy fuhr erschrocken hoch. "Was ist?" - "Ach nichts, hab mich vertan", lenkte ich ab.

Inzwischen ist es zur Gewohnheit geworden, Menschen in meiner Umgebung abzutasten. Jeder Mensch hat ein Smartphone bei sich, das immer eingeschaltet ist, um nichts zu verpassen. Da mein MC (im Mittelhirn) die Smartphones automatisch ausliest, sortiert und filtert, brauche ich nur die Ergebnisse anzusehen. Meistens Dokumente, Bilder und Filme. Die Bilder sind oft recht intim. Die interessieren mich jedoch nicht so sehr, eher die Dokumente, also Briefe, Rechnungen, Kontoauszüge, Buchungen incl. Boarding Pass QR-Codes usw. Viele haben auch ihren Personalausweis gespeichert. Identity Theft wäre ein Leichtes für mich. Mir genügt es aber, mein Gegenüber in weniger als einer Minute komplett auszulesen, während dieser sich im Gespräch müht, mir relevante Informationen zu entlocken.

Vier Wochen nach meinem China-Aufenthalt bekam ich Besuch von Mr. Hu Gang. Er stellte sich vor als ein Mitglied des nationalen Fortschrittsrates des Volkskomitees in Peking. Untypisch für einen Chinesen war er groß, in dunkelblauem Anzug, gelber Krawatte, und eindringlich harten Augen. Wir saßen in meinem Arbeitszimmer bei grünem Tee in Teeschalen, die ich aus China mitgebracht hatte.

Ich wunderte mich, was er wohl von mir wollte. Doch er interessierte sich zunächst nur für mein Befinden und musterte mich aufmerksam. Ich glaube, er hatte vorher noch nie einen Hybrid-Menschen gesehen. Auf seine Frage nach meinen Fähigkeiten und ob ich sie schon eingesetzt habe antwortete ich wahrheitsgemäß mit Ja und erklärte ihm, wie ich Informationen aus Computern extrahierte und nutzte. Damit war Mr. Hu sehr zufrieden. Er lächelte schmallippig, als er von einer Stellenausschreibung des Max-Delbrück-Zentrums in Berlin erzählte. In einer der Öffentlichkeit nicht bekannten Abteilung "Humantransgenität", würde ein Computerspezialist gesucht. Mit den richtigen Empfehlungen hätte ich große Chancen, die Stelle zu bekommen!

Ich war perplex. Von Malchow nach Berlin? Was sollte ich denn dort? Ich bin kein Computerspezialist. Als Mr. Hu mein Zögern bemerkte, sagte er in einem recht kühlen Ton: "Sie sind mit einzigartigen Fähigkeiten ausgestatt worden. Wir denken, dass das eine Gegenleistung Ihrerseits rechtfertigt. Wir sind an den Forschungsergebnissen dieser geheimen Abteilung sehr interessiert".

Ich fühlte mich auf einmal sehr matt. Das war also der Schachzug der Chinesen. Ich durfte nicht Nein sagen. Wenn ich mich weigerte, waren die Chinesen dann in der Lage, in mein System einzudringen, es zu blockieren, mich zu paralysieren? Ich sagte Ja mit allen Konsequenzen. Doch das ist eine andere Geschichte...

Quellen: noch nicht veröffentlicht

Anmerkungen:

WLAN = Wireless Local Area Network
LAN = Local Area Network
(siehe auch bei Website)