Mobbing

8.5.2014

Mobbing (engl. Bullying) ist etwas ganz schlimmes. Es fängt schon im Babyalter an, wenn ein ganz bestimmtes Baby ganz alleine schreien muss, weil sich die anderen Babies weigern, mit ihm zu schreien.

Später muss man sich Beschimpfungen anhören und wird ständig schikaniert, ganz ohne Grund. Also Psychoterror. Die heutige Form des Mobbing ist die Pöbelei des Internet-Mobs. (Mob ist mit Mobbing eng verwandt).

Nun bin ich im Internet nicht bekannt. Deshalb kann ich auf Erfahrungen als Mobbingopfer nicht zurückgreifen. Und damit fehlt mir der Einblick in die Opfer-Gefühlswelt. Dieses Defizit habe ich jetzt ein für alle Mal beseitigt:

Ich habe die Technik des SELF-MOBBING erfunden. Self kommt von Selfie, dem von sich selbst geschossenen Photo, mit dem man im Handumdrehen die ganze Welt belästigen kann. Dementsprechend richtet sich das Selfmobbing, wie das Selfie, gegen einen selbst.

Es gibt wahrlich Gelegenheiten genug für Selbstbestrafungen (was Selfmobbing letzendlich ist). Die beste und häufigste Gelegenheit ergibt sich durch Einkaufen, was für sich schon schlimm genug ist. Ich habe die Angewohnheit, den Einkaufszettel über mehrere Tage zu füllen mit Einträgen - immer wenn mir etwas einfällt. Nicht jedesmal, aber zu oft stelle ich dann im Supermarkt fest, dass ich den Einkaufzettel zu Hause habe liegen gelassen und deshalb improvisieren muss. Zu diesem Stress kommen dann zwangsläufig die heftigsten und wüstesten selfmobberischen Selbstbeschimpfungen. Ich würde nie so weit gehen, die Praktiken der mediengerecht inszenierten Selbstgeißelungen von religionswahnsinnigen Männern, bevorzugt an Pilgerorten, kaum je im Supermarkt, anzuwenden. Mein Selfmobbing richtet sich ausschließlich gegen mein Ego (und natürlich auch gegen mein Alter Ego). Das muss so schlimm sein, dass mir das mit dem Einkaufszettel NIE MEHR passieren wird. Man spricht auch von "Denkzettel verpassen".

Das wirklich Schlimme ist, dass der Selfmobbingakt in der Öffentlichkeit, also im Supermarkt, stattfindet. Niemals dürfen die Anwesenden etwas bemerken von den ungeheuren Qualen, denen ich durch das spontane Selfmobbing ausgesetzt bin, was die Qualen noch vergrößert. Äußerlich stoisch, eventuell sogar freundlich, tobt in mir das Mobbingmonster!

Viele andere Anlässe ließen sich nennen. Da ist das ungeschickte Zehenanstoßen, oder Stolpern, oder Geschirr fallen lassen, oder... . Jeder kennt solche Vorfälle. Doch nur mit einer ausgefeilten Selfmobbing-Technik ist man in der Lage, adäquat zu reagieren. Manche, die darüber nicht verfügen, lachen sogar über ihre Ungeschicklichkeit. Nicht so ich. Mein Beschimpfungsrepertoire erweitert sich ständig, obwohl es auch Klassiker gibt. So ist das "Herrgottsakrament" recht effektiv, wird aber von Gläubigen oft als Gebetsfragment verstanden und ist damit als Selfmobbingsansprache für sie nicht wirkungsvoll.

Manche durchlaufen lebenslanges Selfmobbing in der chronischen Form der "Selbstanklage". Diese basiert auf lange nachwirkenden Fehlentscheidungen wie "hätte ich diese dumme Gans bloß nie geheiratet", "hätte ich bloß damals mein Geld zusammengehalten", "wäre ich damals bloß ausgewandert" usw. Das macht unglücklich. Doch meine Technik befreit.

Das ist der Grund, warum ich noch nie auf den Gedanken gekommen bin, mich einer Mobbing-Therapie auszusetzen. Schließlich habe ich die Selfmobbing-Technik selbst erfunden. Und ich lasse sie mir nicht wegtherapieren. Im Gegenteil: Überlegungen reifen, ein Seminar anzubieten mit dem Titel "Hilf dir selbst, mobbe dich selbst". Ich bin mir jedoch noch nicht ganz schlüssig, ob ich mein aufwendig erarbeitetes Know-How so einfach aus der Hand geben soll.