Tierisch

15.1.2014

Auch der gewöhnliche Mensch sieht heute den Verzehr von Tieren kritisch. Die Sitte, ein ganzes Schwein, längs aufgespießt, über dem offenen Feuer zu drehen bis es gar nicht mehr rosig ist, gerät zunehmend in die Kritik als "barbarisch". Heute ist fast alles, was einst den Germanen kennzeichnete, obsolet - bis auf das maßlose Mettrinken, vielleicht.

Alleine zu Haus könnte man jedoch immer noch brutzeln und braten, was der Gaumen begehrt. Doch die massive Beeinflussung durch Medien in Film, Bild, Ton und Wort machen die Sache zu einer peinlichen Angelegenheit. Deshalb geben wir an dieser Stelle einige Ratschläge, wie die Psyche des Täters diese speziellen Ereignisse (in der Küche als Tatort) weitgehend unbeschadet überstehen kann.

Es gibt Menschen, die ihrem Opfer offen ins Gesicht sehen. Das sind die diejenigen, die ganze Fische, ganze Enten, ganze Vögel (jawohl, Vögel!) kaufen und diese sogar anfassen. Andere wiederum drücken sich vor der Konfrontation und kaufen Hackfleisch. Wie auch immer, in der Küche schlägt die Stunde der Wahrheit.

Man kann sich dem Tier oder den Teilen von Tier auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Um den inneren Abstand wahren zu können, müssen äußere Schranken errichtet werden. Dafür eignen sich zunächst eine Sonnenbrille, dann Handschuhe, eventuell eine Nasenklammer. Am unangenehmsten ist der taktile Kontakt (Berühren). Deshalb empfiehlt es sich, grundsätzlich mit Gabeln, Messern, Greifern aller Art zu arbeiten.

Im weiteren Verlauf scheiden sich die Geister. Die einen verarbeiten das Tier in einem Kochtopf: ins Wasser plumpsen lassen, Deckel drauf, weg. Die anderen haben es ungleich schwerer, sie übergeben das Tier der Pfanne. Und ab diesem Moment werden sie zwangsläufig zum Zeugen posthumen Leidens.

Manche wollen das Leiden kurz halten und wenden die Kurzbrattechnik an (Steak). Andere sind weniger sensibel und lassen köcheln, brutzeln, schwitzen, garen - stundenlang (Gulasch), zwischendurch inspizieren, wenden, rühren, riechen(!), begießen, würzen, kosten sie.

Dieser grausame Vorgang lässt keinen unberührt. Doch die Psychologie lehrt uns, dass das Leben einfacher ist, wenn man das Opfer zum Gegner, noch besser Täter macht. Wichtig ist dabei, kein Mitleid aufkommen zu lassen. Und hier kommt die Ansprache ins Spiel. Im folgenden einige tiergattungsspezifische Ansprachen:

Sie bearbeiten ein Schwein (in Stücken) in der Pfanne:
"Na du Sau, ziemlich heiß, was?"

Sie brutzeln bei relativ niedriger Temperatur (ca. 60 Grad) einen Dorsch:
"Ostsee war mal, mein Kleiner!"

Sie haben einen Aal in der Pfanne. Aale sind sehr zählebig und nie so richtig tot:
"Ha! Da zuckst du aber! Das werde ich dir gleich abgewöhnen."
Sie stellen die Temperatur höher.

Sie haben ein Hähnchen im Backofen:
"So du Mistvieh - da kommst du so schnell nicht raus!"

Sie betrachten mit Argwohn das köchelnde Rindergulasch:
"Hey ihr, irgendwie sieht eine Kuh doch anders aus."

Doch es gibt ein Tier, das selbst hartgesottene Köche weich werden lässt: das Unschuldslamm.
Voller Mitleid:
"Du wärst jetzt wohl gerne auf der Weide bei Mammi, gell?"

Tatort

Wenn Ihnen das alles zu viel ist und Sie die fertig zubereiteten Teile selbst mit Sonnenbrille nicht zu sich nehmen können, bleibt nur die Flora. Doch auch da ist nicht alles unproblematisch. So hat es schon Experimente mit Lautäußerungen von Pflanzen gegeben. Das Zupfen von Blättern ruft Stöhnen hervor, das Abschneiden von Stengeln spitze Schreie. Natürlich benötigt man eine Laborausrüstung, um zu solchen Ergebnissen zu kommen. Darauf werden Sie selbstredend verzichten in Ihrer Küche. Trotzdem, denken Sie an die Seele, die jedem Lebewesen innewohnt.

Wenn Ihnen alleine der Gedanke an die mannigfaltigen Misshandlungen von Gemüse (schälen, schneiden, kochen) den Magen umdreht, bleibt nur noch Wasser und Brot, etwas ergänzt durch Käse und Quark.

Oder Festtagssuppe aus der Dose.

Oder Erdnüsse...
Bier ist immer gut.
Whiskey...