und tot bist DU

18.11.2016

„Was sollte ein selbstfahrendes Auto im Fall einer unvermeidbaren Kollision tun: links in eine Gruppe von Fußgängern rasen, wobei die Autoinsassen überleben würden, oder rechts den Wagen gegen eine Wand lenken und den Tod der Insassen in Kauf nehmen? Mit dieser ethischen Frage befassen sich Autoingenieure, Juristen, Fachleute bei Versicherungsfirmen und Fachpolitiker seit geraumer Zeit, schließlich rückt der Zeitpunkt näher, an dem Fahrzeuge der Autonomiestufen 4 und 5 (vollautomatisiertes Fahren und fahrerloses Fahren) auf den Markt kommen.“ (Quelle ZEIT ONLINE).

Die Medien haben das emotionale Thema des tötenden Autos begierig aufgenommen, spätestens seit dem Tesla-Unfall in Florida (siehe in Auto), bei dem allerdings der Fahrer selbst starb bei der Kolision mit einem Lkw.

Das selbstständig - autonom - fahrende Fahrzeug ist für viele Menschen unvorstellbar, denn wie soll ein Auto mit all den verschiedenen Verkehrssituationen zurechtkommen. Unheimlich wird es, wenn die Rede von „Entscheidungen“ ist, die das Auto trifft. Für Leben und gegen Leben?

Tatsache ist, dass der Computer dem Fahrer haushoch überlegen ist. Theoretisch zumindest. Er hat alle Messdaten, er beobachtet die Umgebung ständig und erzeugt fünfmal die Sekunde ein aktuelles Lagebild. Er ist nicht abgelenkt durch Telephon, Karte, Musik, Gespräch - er ist voll konzentriert. Er kann eine Entscheidung für eine Richtungsänderung oder ein Ausweichmanöver innerhalb von zwei Zehntelsekunden treffen, und das auf der Basis einer Unmenge von Daten und Vorschriften.

Bei den bisherigen Erprobungen des autonomen Autos zeigte sich, dass Unfälle in der Regel nicht von diesem ausgingen, sondern von den anderen Verkehrsteilnehmern, die sich nicht an die gültigen Fahrregeln gehalten hatten. Andererseits zeigte der Tesla-Unfall in Florida, dass die Qualität der optischen Erkennung von Hindernissen nicht immer ausreichend für das sichere autonome Fahren ist.

Unabhängig von der Güte der Messtechnik muss das Steuerprogramm des autonomen Fahrzeugs Regeln enthalten, die bei der Entscheidungsfindung im laufenden Betrieb zu beachten sind. Im Folgenden werden die Grundzüge der Entstehung eines Regelwerks erläutert. Im Fokus steht dabei die Situation der drohenden Kollision (oft verursacht durch plötzlich auftauchende Hindernisse, z.B. einscherende Fahrzeuge oder Gegenstände auf der Fahrbahn) und der Notwendigkeit eines Ausweichmanövers. Weiterhin gehen die Überlegungen davon aus, dass das Manöver unausweichlich zu Schäden durch eine Kollisionen führen wird. Es gilt also abzuwägen, wie der Schaden minimiert werden kann. Dazu müssen zunächst einmal möglicherweise betroffene Objekte benannt und deren Wertigkeit bzw. Schadensträchtigkeit abgeklärt werden.

Grundsätzliche Betrachtung

Die bei einem Unfall gefährdeten bzw. betroffenen Objekte sind zunächst einmal die belebten Objekte wie der Fahrer selbst, die Insassen des Fahrzeugs, dann vor Ort Fußgänger, Radfahrer, Motorradfahrer, Polizisten, Kinder, Frauen (z.B. Nonnen), Hunde, Katzen, Mäuse, Rehe. Unbelebte Objekte sind sehr oft ebenfalls betroffen, wie Häuser, Verkehrsschilder, Bäume, Flüsse, Autos, Lkws. Diese erleiden Sachschäden.

Die Zahl der möglichen Kontakte bei diesen eben aufgezählten 18 Objekten ist enorm. Permutativ ergeben sich 153 Kontaktmöglichkeiten. Ein Beispiel für nur vier betroffene Objekte:

Das Ausweichmanöver des ersten Objekts, des Autos mit Fahrer, beschädigt zuerst ein Verkehrszeichen (2. Objekt) am Straßenrand, tötet eine dahergelaufene Maus (3. Objekt), und verletzt ein Kind (4. Objekt) auf dem Gehweg. Von den drei Kontakten ist nur einer nicht erlaubt, der mit dem Kind.

Der Computer kennt alle Objekte in seinem Aktionsradius aufgrund seines Lagebildes. Um die optimale schadensminimierende Entscheidung treffen zu können, benötigt er Regeln, die den Zusammenhang zwischen den Objekten abbilden. Die Basis dafür ist die Objektmatrix.

Objektmatrix (siehe Abbildung)

Sie zeigt im rechten Dreieck Regeln für den Kontakt zwischen zwei Objekten und im linken Dreieck die Kosten eines Kontakts.

Für den Kontakt zwischen zwei Objekten gibt es nur die Wahl zwischen „erlaubt“ (grün, Pfeil nach rechts) und „nicht erlaubt“ (rot, Pfeil nach links). Aus ethischen Gründen ist die Kollision mit belebten Objekten immer zu vermeiden, also nicht erlaubt. Dagegen ist der Kontakt mit unbelebten Objekten sowie niederen Tieren im Notfall - und darum geht es ja - erlaubt.

Die Schadenskosten für einen Kontakt, d.h. eine Kollision zwischen zwei Objekten sind im linken Dreieck dargestellt, und zwar in 5 Stufen. Diese reichen von „vernachlässigbar“ (hell) bis „enorm hoch“ (dunkelblau). Es ist klar ersichtlich, dass Personenschäden immer enorm hohe Kosten verursachen. Wenn angenommen werden kann, dass der Kontakt mit einem belebten Objekt auch ohne Todesfolge möglich ist, dann sind die Kosten hoch oder nur erheblich, je nach Situation.

Was sofort auffällt, ist der Umstand, dass Katzen und Mäuse die Verlierer der autonomen Welt sind. Auch bei Hunden und Verkehrsschildern überlegt der Computer nicht lange. Sehr restriktiv sind jedoch die Regeln für belebte Objekte, die sich außerhalb eines Fahrzeugs im Aktionsradius befinden, also Fußgänger und Kinder.

Die Vorgehensweise ist nun folgendermaßen. Der Computer weiß, dass er etwa 1,5 Zehntelsekunden Zeit zum Überlegen hat, bei Straßennässe sogar nur 1,2 Zehntelsekunden. Er studiert also die Objektmatrix. In der augenblicklichen Situation, in der der Vordermann abrupt bremst, so dass das autonome Fahrzeug ausweichen muss und entweder auf die linke Spur fährt, wo von hinten ein Motorradfahrer rasant daherkommt, oder nach rechts von der Straße abfährt, wo zufällig gerade eine Kindergartengruppe unterwegs ist, oder auffährt und - nach internen Berechnungen - den Vordermann auch nach rechts außen schiebt, zum Glück dann vor die Kindergartengruppe, aber direkt in einen entgegenkommenden Radfahrer. Alle drei Kollisionsobjekte (Motorradfahrer, Kinder, Radfahrer) gehören zu den nicht erlaubten Kontakten. Der Computer nimmt sich also die Zeit (er hat immer noch gute fünf Hunderstelsekunden) und sieht sich die Schadenskosten in der Objektmatrix an. Die Kosten eines Kontakts seines Autos mit einem Kind sind enorm hoch, die Kosten des Kontakts mit einem Motorradfahrer oder einem Fahrradfahrer „nur“ hoch. (das liegt daran, dass der Kontakt mit einem Motorradfahrer oder einem Fahrradfahrer oftmals nicht tödlich ausgeht, während der Kontakt mit einem Kind oder mit Kindern meist fatal ist). Die 1,5 Zehntelsekunden sind um. Der Computer beschließt, nach links auszuweichen. Bis zur Kollision dauert es ungefähr eine Sekunde. Der Motorradfahrer geht zu Boden und schlittert links an den Leitplanken entlang. Er kommt zum Stillstand - und bewegt sich.

In einer ganz gewöhnlichen, gefährlichen Alltagssituation hat der Computer, der das autonome Fahrzeug steuert, seine Überlegenheit demonstriert. Der gewöhnliche Mensch, schwer von Begriff, träumerisch veranlagt und entscheidungsunfähig wäre wahrscheinlich schon aus Trägheit auf den Vordermann aufgefahren und hätte damit einen Fahrradfahrer schwer verletzt.

Übrigens ist nach dem Regelwerk der Objektmatrix der Fahrer des autonomen Fahrzeugs (er liest die Zeitung) bestens geschützt, denn die einzigen für ihn erlaubten Kontakte sind die mit einem Haus, einer Maus und einem Verkehrsschild.

Das Fachwissen eines Computers kann auch für den Menschen nützlich sein. Sie sollten die Objektmatrix ausdrucken (einfach downloaden unter "Bilder") und immer wieder aufmerksam studieren und die Regeln auswendig lernen. Am besten auch noch unters Kopfkissen legen. Dann während der Fahrt in Ihrem altmodischen, nichtautonomen Fahrzeug lernen, Lagebilder anzulegen und upzudaten im Sekundentakt, Ausweichrouten planen aufgrund der Regeln und gedanklich durchspielen. Dass dabei keine Aufmerksamkeitskapazität mehr für Radiohören, Telephonieren, Chatten übrig bleibt, ist der Preis für Ihre Sicherheit und Ihr Bestreben, ein klein wenig wie ein Computer denken zu können. Was ist aber, wenn Sie die Abfahrt von der Autobahn fast übersehen haben und abrupt abbiegen müssen und rechts direkt hinter Ihnen ein Fahrzeug auf der Abbiegespur ist… Glauben Sie wirklich, der Computer, wenn er am Steuer säße, hätte vergessen, rechtzeitig abzubiegen?

Quellen:
http://www.nytimes.com/2016/09/21/technology/the-15-point-federal-checklist-for-self-driving-cars.html?ref=technology&_r=0
http://www.zeit.de/mobilitaet/2016-10/autonomes-fahren-schutz-fahrer-hersteller

Nachtrag 31.12.2016:

Eine von der Regierung einberufene Ethikkommission hat Regeln für fahrerlose Pkw aufgestellt. Andere Verkehrsteilnehmer sollen bei Unfällen zuerst geschützt werden. Der Fahrer trägt das größte Risiko.

In der Objektmatrix sind der „Fahrer“ und die „Insassen“ noch relativ gut geschützt. Während das Auto sich selbst beschädigen darf, zum Beispiel indem es gegen einen Baum oder in einen Fluss fährt, ist der Fahrer davor geschützt. Anders ausgedrückt: wenn das Auto ganz alleine fährt, kann es rigoroser verfahren als mit Insassen.

Genau genommen lässt die Objektmatrix nur wenige Kontakte des Fahrers sowie der Insassen zu: mit einem Haus, mit einer Katze, mit einer Maus, und mit Verkehrsschildern. Personen außerhalb des Autos dürfen nicht kontaktiert werden.

Reale Situation sind jedoch komplex. Wenn man die Vorgaben der Ethikkommission auf das Beispiel oben überträgt, dann muss der Computer den Auffahrunfall zulassen, und nicht den links überholenden Motorradfahrer zu Fall bringen. Dabei ist völlig unklar, wie es den Insassen ergehen wird. Und es stellt sich die Frage, ob der Umstand, dass einer der Insassen nicht angeschnallt ist, nicht doch berücksichtigt werden muss.

Man kann sich leicht vorstellen, dass autonome Fahrzeuge für wichtige Personen (Regierungsmitglieder) mit anderen Regeln fahren. Selbstverständlich hat dort der Insassenschutz Priorität. In der VIP-Matrix sind Kontakte mit einer ganzen Reihe von weichen Zielen erlaubt, um die Folgen eines harten Aufpralls zu vermeiden.

Die politische Korrektheit wird verhindern, dass Regelvariationen in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Doch wir können davon ausgehen, dass kryptisierte Objektmatrizen für die verschiedenen VIP-Levels zum Einsatz kommen werden.

Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article160551011/Autonome-Autos-sollen-zuerst-Fussgaenger-schuetzen.html