Zukunftsbibliothek

11.7.2022

Die Future Library in Oslo ist insofern etwas Besonderes, als es dort keine Bücher zu lesen gibt. Diese spezielle Bücherei ist eingebettet in die Öffentliche Bibliothek Deichmanske in Oslo und besteht aus einem Raum (the Silent Room) mit vielen Schubfächern, in denen Manuskripte lagern (keine Bücher). Seit dem Jahr 2014 schreiben Autoren in aller Welt Bücher, die nicht gedruckt werden. Jedes Jahr wird das Manuskript eines Autors in Oslo eingelagert.

Die bisherigen Autoren sind:
2014 Margaret Atwood (Scribbler Moon)
2015 David Mitchel (England)
2016 Sjón (Island)
2017 Elif Shafak (Türkei)
2018 Han Kang (Südkorea)
2019 Karl Ove Knausgaard (Norwegen, Blind Book)
2020 Ocean Vuong (Vietnam/USA)
2021 Tsitsi Dangarembga (Zimbabwe, Narini and Her Donkey)
2022 (noch nicht benannt)

Es ist ein Jahrhundertprojekt und die Idee dahinter stammt von der schottischen Künstlerin Katie Paterson und ihrer norwegischen Kollegin Anne Beate Hovind. Alle Manuskripte bleiben bis zum Jahr 2114 eingeschlossen und sind niemandem zugänglich. Die Autoren verpflichten sich, keinerlei Auskünfte zu ihrem zukünftigen Buch zu geben.

Katie Paterson im Nordmarka Wald

Im Jahr 2114 werden alle 100 Manuskripte aus dem Silent Room geholt und in einer Druckerei auf speziellem Papier gedruckt. Das Papier stammt von den 1000 Bäumen, die vor hundert Jahren in Nordmarka nördlich von Oslo gepflanzt worden waren. Vor kurzem fand in inmitten des Waldes mit den erst einen Meter hohen Bäumchen die 2022 Future Library Zeremonie statt, bei der 200 Anhänger des Zukunftsprojekts zugegen waren. In diesem Jahr waren auch die Autoren Tsitsi Dangarembga und Karl Ove Knausgaard anwesend. Auch hier durften sie nichts über ihre Werke sagen, deren Manuskripte im Silent Room ruhen. Auf der jährlichen Zeremonie übergibt der jeweilige Autor des Jahres sein Manuskript an die Organisation.

Bekannt sind nur die Titel der Bücher der Zukunft. Keiner der Autoren und der Teilnehmer der Zeremonie werden jemals die Bücher lesen. Die Autoren kennen nur ihr eigenes Werk, und die ganze Welt muss (jetzt noch) 93 Jahre warten, bis alle 100 Werke publiziert werden. Manche sagen, die Autoren seien sehr angetan von diesem Jahrhundertprojekt, denn sie werden die Kritiken nicht lesen müssen bzw. nicht lesen können. Somit ist Raum geschaffen für eine phantasievoll-freundliche Rezeption ihres Werks.

Katie Paterson beschreibt die Seele des Projekts anhand der von ihr und den Helfern gepflanzten Bäume: "I imagine the tree rings as chapters in a book. The unwritten words, year by year, activated, materialized. The visitor’s experience of being in the forest, changing over decades, being aware of the slow growth of the trees containing the writers’ ideas like an unseen energy.”

Angezogen von diesem Projekt sind viele Schriftsteller, so auch unser Autor Antip Sorokin. Ihn fasziniert die Vorstellung, nie mit den harschen Kritiken konfrontiert zu werden, die sein Werk hervorrufen wird - oder auch nicht, falls sich die Zeiten geändert haben in 100 Jahren. Das ist nicht sicher, ist aber auch egal.

Er hat vor, ein Buch über den Zustand unserer Gesellschaft heute zu schreiben. Die Urenkel und Ururenkel sollen einen authentischen Bericht erhalten. Der Titel wird sein: "Tabu". Beschrieben wird das zensorische Tabu-Korsett, in dem wir leben müssen. Auch wenn es den Autoren eines Jahrhundertwerkes gemäß Statuten streng untersagt ist, den Inhalt bekanntzugeben, hat Antip Sorokin, mit dem wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten, einige Details an unsere Redaktion geschickt.

So beschäftigt er sich an einer Stelle mit dem Tabu Nr.1, dem N-Wort. Ein großes Geheimnis umgibt das N-Wort, den niemand weiß, was es bedeutet. Es gibt in all den Print-Medien keinen Hinweis darauf. Es ist jedoch bekannt, dass wer immer das N-Wort ausschreiben sollte, medial hingerichtet würde. Die große Mehrheit der Bundesbürger und Bundesbürgerinnen tappt weiter im Dunkel.

Anders sieht es mit dem K-Wort aus. Das wurde sogar schon ausgeschrieben, und zwar als "Kartoffel". Die Bundesregierung Deutschland, vertreten durch die Bundesbeauftragte Ferda Ataman, bezeichnet die Deutschen als Kartoffeln, während Einwanderer die wahren Deutschen sind. Den Schriftsteller Harald Martenstein hat das bewogen, zu ihr zu sagen: "Ich bin eine Kartoffel, und wo kommen Sie her?". Das mit Kartoffel stimmt zwar, aber die Frage "Wo kommen Sie her?" ist absolut Tabu, weil gröblichst diskriminierend, denn wer ersichtlicherweise keine Kartoffel ist, stammt von irgendwo her, womöglich sogar aus Borosnien, was natürlich sehr peinlich ist.

Ein weiteres großes Tabu unserer Zeit, so erzählt es Sorokin den Lesern im Jahr 2114, ist das Geschlecht. Jeder Mensch hat ein Geschlecht, und die meisten meinen, sie seien männlich oder weiblich. Weit gefehlt. Jeder Mensch ist verpflichtet, sein eigenes Geschlecht zu definieren. Das fängt schon in der Schule an, denn dort sind die Jungs und Mädels eben nicht so einfach Jungen und Mädchen, sondern etwas ganz anderes. Was genau, ergibt sich aus der Gefühlslage des Einzelnen.

Nun hat die Biologin Marie-Luise Vollbrecht festgestellt, dass es biologisch nur zwei Geschlechter gibt, und wollte an der Humboldt-Universität Berlin darüber sprechen in einem Vortrag mit dem Titel „Geschlecht ist nicht gleich Geschlecht. Sex, Gender und warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt“. Der Vortrag wurde von der Universität jedoch abgesagt wegen einer angekündigter Gegendemonstration mit Gewaltpotential. Nur ein Beispiel dafür, wie der Mob Zensur ausübt.

Antip wird sein Buch noch in diesem Jahr einreichen. Er hofft, dass es irgendwann in den kommenden Jahren zum Buch des Jahres erklärt wird. Das kann in 2033 sein oder in 2048 oder noch später. "Ich wäre froh, wenn ich das noch erleben könnte", sagt Antip Sorokin. Nicht erleben wird er die Veröffentlichung seines Buches ab dem Jahr 2114. Aber er hat eine Botschaft an die Nachkommen am Ende seines Textes untergebracht: "Nun wisst ihr, unter welchen schlimmen Bedingungen wir vor hundert Jahren leben mussten. Ich hoffe sehr und wünsche euch, dass ihr in einem freien und toleranten Land leben könnt. Seid gegrüßt von mir!".


Quellen:

https://www.bbc.com/future/article/20220630-the-norwegian-library-with-unreadable-books
http://katiepaterson.org
https://www.futurelibrary.no
Harald Martenstein: Beauftragt mit dem Beauftragtsein, Die Welt, 3.7.2022
https://www.focus.de/panorama/proteste-angekuendigt-humboldt-uni-sagt-geschlechter-vortrag-kurzerhand-ab-bildungsministerin-entsetzt_id_109414726.html
https://www.fr.de/politik/nie-um-biologische-zweigeschlechtlichkeit-humboldt-uni-vortrag-abgesagt-personen-wie-vollbrecht-geht-es-91649358.html

Ein weiteres Langzeitprojekt: Die 10.000-Jahr Uhr