Anthropozän

19.2.2016

Eine ausgestorbene Rasse

Der Mensch lebt seit 12.000 Jahren im Erdzeitalter Holozän. Davor war er in Gestalt des Homo Sapiens schon 200.000 Jahre auf der Welt.

Diese Zeiträume sind natürlich nur ein winziger Teil der gesamten Erdgeschichte. Über Milliarden von Jahren fand eine evolutionäre Entwicklung nach dem Trial-and-Error-Prinzip statt - das Bessere, Stärkere, Klügere setzt sich durch.

Mit der Industrialisierung der Welt endete die natürliche Evolution. Seither bestimmt der Mensch die Geschicke seiner Erde, in der Regel zum Negativen. Es ist müßig, die zahlreichen Fehlleistungen des modernen Menschen aufzuzählen, da sattsam bekannt. Erwähnenswert sind aber die beiden Hauptfaktoren von gegenwärtigen und zukünftigen Veränderungen: die Rodung riesiger Waldgebiete und die Umwandlung von Grasland in Felder für Ackerbau und Viehzucht, sowie die Erwärmung der Erdatmosphäre durch die Verfeuerung fossiler Brennstoffe.

Die vom Menschen hervorgerufenen Veränderungen der Welt sind so deutlich, dass das natürliche Zeitalter des Holozän als beendet erklärt wird. Wir leben jetzt im Anthropozän, dem von Menschen gestalteten Zeitalter. Die Bezeichnung "Anthropozän" stammt vom Meteorologen und Nobelpreisträger Paul Crutzer, der sie bei einer Konferenz in Mexiko im Jahr 2000 einführte, weil er unzufrieden war mit der fortdauernden Verwendung von "Holozän". Er schlug damals vor, ein neues Erdzeitalter zu benennen, um den drastischen Veränderungen in der Welt gerecht zu werden.

Die Festlegung eines Beginns des Anthropozän ist umstritten. Dazu gibt es mehrere Vorschläge:
- Die Anfänge des Ackerbaus vor 8.000 Jahren und damit der Veränderung der Landschaft
- Der Beginn weiträumiger Besiedlungen weltweit vor 2.500 Jahren
- Die Besiedlung Amerikas im 17. Jahrhundert *
- Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert
- Beginn des Atomzeitalters im Jahr 1945
* durch eingeschleppte Krankheiten starben viele Millionen Menschen, was wegen der dadurch reduzierten Agraraktivität zur Ausbreitung von Wäldern und damit einem Abfall der CO2-Konzentration in der Atmosphäre führte.

Entscheidend für eine Definition des Beginns des neuen Zeitalters wird sein, welche Spuren davon noch in hundertausenden von Jahren auf der Erde zu finden sind. Dazu gehören sicherlich die Spuren von Radioaktivität mit Spitzenwerten in den 1960er Jahren sowie deutlich gestiegene Karbonwerte ab den 1950er Jahren.

Das neue Zeialter Anthropozän ist bis heute nicht offiziell anerkannt bzw. definiert. Am 8.1.2016 erschien in der Zeitschrift Science jedoch ein Artikel mit dem Titel "The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene". Darin werden die mannigfaltigen Veränderungen des Planeten mit den auch in der Zukunft nachweisbaren Spuren des menschlichen Einflusses beschrieben, zum Beispiel in Form von vorher nicht bekannten, neuen Materialien und Radionukliden.

Weiterhin wird vorgeschlagen, den Beginn des neuen Zeitalters in der Mitte des 20. Jahrhunderts anzusiedeln. In diese Zeit fallen die steilen Anstiege verschiedenster Werte der "Geochemischen Signatur" wie Blei, aromatische Kohlenwasserstoffe, Biphenyle, Pestizide, Nitrate/Phosphate, und radioaktive Elemente. Außerdem werden in der Zukunft auch der Anstieg des Meeresspiegels und die rapide Abnahme der polaren Eismassen als Indiz für das Ende des Holozän und den Anfang des Anthropozän interpretiert werden.

Die Autoren kommen zu dem Schluss: "Human activity is leaving a pervasive and persistent signature on Earth ... These combined signals render the Anthropocene stratigraphically distinct from the Holocene and earlier epochs."

Vom 27.8. bis zum 4.9.2016 findet der 35. International Geological Congress (IGC) in Kapstadt statt. Dort soll eine Entscheidung für oder gegen ein neues Erdzeitalter fallen. Argumente werden von einer Arbeitsgruppe der International Commission on Stratigraphy (ICS) vorgetragen. Ob es tatsächlich ein Anthropozän geben wird, ist noch nicht sicher.

Eine bald aussterbende Rasse

Ob wir nun im Anthropozän leben oder immer noch im Holozän, ist unerheblich. Tatsache ist, dass der selbstverursachte Untergang der Menschheit in 10 Millionen Jahren das weitere Leben auf 200 Sekunden begrenzt (im 24-Stunden-Maßstab der Erdgeschichte, in gedachter Erweiterung der Zeitspirale, Abb. unten).

Nachtrag 21.9.2016

Wir leben im Anthropozän! Am 29.8.2016 stimmte die Arbeitsgruppe "Anthropozän" der Internationalen Kommission ICS auf dem Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt geschlosssen (eine Enthaltung) für die Anerkennung des neuen Erdzeitalters Anthropozän -> Anthropocene Epoch declared real.

Die Frage, wann das neue Zeitalter begonnen hat, soll in den nächsten drei Jahren entschieden werden. Hierfür soll ein "Primary Signal" ausgewählt werden. Die Arbeitsgruppe gab dem Plutonium-Niederschlag als einem von 12 physikalisch relevanten Signalen die meisten Stimmen (in einem vorläufigen Votum). Wenn die Entscheidung endgültig für den Zeitpunkt der ersten Plutonium-Niederschlagsmessungen gefallen ist, beginnt das Anthropozän im Jahr 1950.

Das Zeitalter des modernen Menschen hat also begonnen. Kein Mensch weiß, wie lange dieses dauern wird.

Quelle:
http://www.dailykos.com/story/2016/8/29/1564904/-Anthropocene-Epoch-declared-real-35th-International-Geological-Congress-ends-7-year-deliberation

Hinweis:
Die aktuelle International Chronostratigraphic Chart" der Internation Commission on Statigraphy vom April 2016 enthält noch nicht die neue Epoche Anthropozän, siehe bei http://www.stratigraphy.org/index.php/ics-chart-timescale

Nachtrag 30.9.2016

Die Arbeitsgruppe "Anthropozän" hat in Kapstadt zwar für das neue Erdzeitalter gestimmt, aber einen formalen Antrag zur Ausrufung des Anthropozän nicht gestellt. Es fehlen ihnen handfeste Belege: Bohrkerne mit Sedimentschichten aus aller Welt, die ihre These beweisen müssen - und außerdem die obligatorische "goldene Schicht": einen Bohrkern mit dem schönsten Beweisexemplar.

Widerstand regt sich bei den Geologen. Stanley Finney von der California State University in Long Beach, Kalifornien, Vorsitzender einer finalen Entscheidungskommission in Sachen Zeitskala, findet: Beim Anthropozän handele sich lediglich um einen politischen Terminus. "Der Begriff ist irreführend und nutzlos", meint auch Meeresgeologe Scourse. Wesentliche Naturkräfte wie Vulkanismus, Plattentektonik oder Sonnenaktivität seien weiterhin außer Kontrolle des Menschen. Von einer "esoterischen Debatte" sprechen gar die Geoforscher Whitney Autin vom Suny-College in New York und John Holbrook von der Texas Christian University. Sie wittern eine "Tendenz zu Werbephrasen in der Wissenschaft", die "fragwürdige Begriffe" wie Anthropozän produzieren würde.

Aus Sicht der Kritiker verstößt das Anthropozän-Konzept gegen so ziemlich jede wissenschaftliche Regel. Vor allem aber missachte der Anthropozän-Vorschlag eine wesentliche Regel der Stratigrafie, also der Schichtenkunde, betont der ICS-Vorsitzende Finney: Es komme nicht nur auf die Grenzschicht an, sondern auch auf den Inhalt der geologischen Ablagerungen darüber: Was sich weltweit nach 1950 abgelagert hat, müsste den Regeln zufolge noch in ferner Zukunft global eindeutig der Menschheit zuzuordnen sein.

Und dafür fehlen Finney und Edwards Beweise. Bohrungen, Bergbau, Deponien und andere Eingriffe seien lediglich punktuell, es handele sich nicht um ausgedehnte Schichten, so wie es die geologische Zeitskala fordere. Noch wäre es schwierig, ausgedehnte menschengemachte Schichten im Meeresgrund, in Eiskernen, Seen oder in Stalagmiten nachzuweisen. Chemische Ablagerungen etwa seien örtlich höchstens ein paar Millimeter dünn. Und Plastik zerfällt auf lange Sicht, bleibt also nicht im geologischen Gedächtnis.

Die frühe Ausbreitung der Menschheit sei allerdings längst in der geologischen Zeitskala berücksichtigt, betont Philip Gibbard vom Department of Geography der Universität Cambridge: "Wir leben im Holozän, dessen wesentliches Merkmal ist, dass die Anzahl der Menschen eine kritische Größe überschritten und die Natur verändert hat."

Das Holozän ist die einzige Phase des seit rund zwei Millionen Jahren andauernden Eiszeitalters, das den Status einer Epoche hat. "Ohne den Einfluss des Menschen wäre die Definition nicht zu rechtfertigen", meint Gibbard. Das Holozän wäre wie alle anderen Warmphasen im Eiszeitalter lediglich ein weiteres Interglazial. "Wir können den Menschen nicht zweimal als Begründung für ein Zeitalter anführen", sagt Gibbard.

Stanley Finney sieht das Anthropozän als historische, nicht als geologische Zeit.

Nun denn: es sieht ganz so aus, als ob es nichts wird mit dem Anthropozän. Auch egal. Wir sind dann eben immer noch Holozäaner, so wie seit nunmehr 12.000 Jahren. Man ist immer so alt, wie man sich fühlt. Und das Anthropozän ist nur ein Zwischenspiel auf dem Weg in die Katastrophe.

Quelle:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/plan-fuer-erdzeitalter-anthropozaen-epochaler-irrtum-a-1112527.html

Nachtrag 16.2.2017

Das New York Times Magazine fragt: „Is the ‘Anthropocene’ Epoch a Condemnation of Human Interference — or a Call for More?“ und resümiert: Our inability to connect the day’s ephemera with the geological time scale has summoned a striking neologism: the Anthropocene — the “Age of Man.” … Last August, a working group within the International Commission on Stratigraphy issued a recommendation that the wider body formally designate the end of the Holocene epoch and declare the Anthropocene a reality. The question arose of whether these scientists were doing science at all or making a political statement. (After all, geological epochs are generally named millions of years after they end.) This leaves the effort to fix the meaning of the Anthropocene in stratigraphical terms still inconclusive.