Base Jump

21.6.2015

Dean Potter mit Freundin Jennifer Rapp und Whisper

Am 16.5.2015 um 19:25 Uhr sprangen Dean Potter und Graham Hunt vom Taft Point (auf Karte zeigen) im Yosemite Park in den Tod.

Beide gehörten zur Elite der Wing Suit Flyer. Das Springen von sehr hohen Steilhängen bis ins tausend Meter tiefe Tal hinunter (Base Jumping) in einem flugfähigen Anzug (Wing Suit) hat eine jahrzehntelange Tradition - und ist verboten.

An jenem Abend herrschte am Taft Point ein leichter Aufwind. Ein schwarzer Rabe segelte in weiten Spiralen aufwärts. Dean und Graham liefen auf den Abgrund zu und stürzten sich hinaus. Nach wenigen Metern überholte Graham Dean auf dem Weg nach unten. Er trug einen geschwindigkeitsoptimierten Fluganzug. Dean dagegen trug wie immer einen sehr weiten und tragfähigen Anzug, der längere Flüge ermöglicht. Mit einem solchen war er einmal bäuchlings auf einem Gletscher gelandet, ohne Fallschirm! Einmal sagte er: "Wenn ich fliege, beobachte ich oft den Schatten am Boden, das sieht aus wie ein schwarzer Rabe. In diesen Momenten bin ich ein Rabe".

Dean steuerte auf eine Schlucht im Felshang zu, einer schmalen senkrechten Rinne, während Graham unter ihm erst links vorbeizufliegen schien, dann aber abrupt nach rechts steuerte und direkt in die Rinne eintauchte.

Jen beobachtete von der Absprungstelle aus, wie die beiden in dem in der Dämmerung schon schwarzen Felsspalt verschwanden. Gleich darauf hörte sie ein Plopp wie beim Öffnen des Fallschirms und sofort darauf ein weiteres dumpferes Geräusch. Sie spähte in den Abgrund, doch es war nichts zu sehen.

Rebecca, Grahams Freundin, war an diesem Tag auf einer Mountain Bike Tour im Park, als sie von Graham angerufen wurde, der sagte, dass er vom Taft Point springen würde. "Wir treffen uns auf der Wiese" (dem Landeplatz), ergänzte er. Sie brach die Tour ab und fuhr zur El Capitan Meadow. Doch niemand war zu sehen. Sie begann zu suchen und fuhr in zunehmender Dunkelheit hin und her, immer mit der Hoffnung auf einen Anruf von Graham.

Jen war nach dem Sprung, den sie von oben gefilmt hatte, in ihr Auto gesprungen und die rund 33 Kilometer zur Wiese gefahren. Doch sie traf dort weder auf Dean noch war eine Nachricht von ihm eingetroffen. In der Annahme, dass Dean schon in ihrem Haus in Yosemite West sein konnte, fuhr sie dort hin. Es brannte kein Licht im Haus.

Sie ging ins Haus, um zu warten. Ihre Anspannung wurde immer größer. Vielleicht war Graham etwas passiert und Dean kümmerte sich um ihn. Vielleicht waren beide von Park Rangers verhaftet worden. Oder waren sie endlich auf dem Weg hier her? Um 21:30 Uhr hielt ein Auto vor dem Haus. Es war Haynie, eine Freundin, allein.

Sie fuhren ins Yosemite Village in der Hoffnung, dort von Kletterern und Campern etwas zu erfahren, vergeblich. Um 22:30 Uhr klopften sie bei Mike Gauthier, dem Chief Ranger, an. Es gab keinen Bericht von irgendeiner Verhaftung im Park. Aber es wurde jetzt ein Suche in der Nacht organisiert. Ranger und Freiwillige von der Yosemite Search and Rescue Truppe machten sich auf den Weg zum Taft Point Felsen.

Um 4 Uhr morgens hielt es Jen nicht mehr aus. Mit einem Fernglas machte sie sich auf den Weg zum Felsen und suchte dort alle Formationen ab. Verzweifelt schrie sie in die Nacht. Stille. Der Tag brach an. Eine Helikoptersuche wurde gestartet.

Dean und Graham wurden am unteren Ende der Felsspalte gefunden. Keiner der beiden hatte den Fallschirm geöffnet. Die Auswertung der Helmkamera, die den Absturz unbeschadet überstanden hatte, ergab, dass Graham die Felslücke verfehlte und gegen den Fels prallte. Dean versuchte auszuweichen, gelangte noch durch die Lücke, verlor bei dem Manöver aber an Höhe und schlug am Boden auf.

Drei Tage später fand sich Jennifer an dem Ort ein, von dem aus das Leben ihres Dean endete - auf der Plattform des Taft Points. Sie legte begrünte Zweige und Indianerfedern aus. Alleine saß sie in tiefer Trauer, als sich ihr der schwarze Rabe näherte. Sie nahm zwei Scheiben Salami in die Hand und hielt sie dem Raben hin. Er pickte sie auf und blickte dabei Jen ins Gesicht. "Er sah mich so intensiv an, so sehr, ich weiß es nicht, aber ... ja, es war Dean", sagte sie.

Dean und Graham vom Taft Point (zum Vergrößern Bild clicken)

Quelle: New York Times 17.5.2015: Lost Brother in Yosemite (John Branch)

Nachtrag 24.2.2019

Die tausend Meter hohe senktrechte Wand des El Capitan zieht nicht nur Base Jumper magisch an, sondern auch Free-Solo-Kletterer. Das sind die Leute, die alleine und ohne Sicherung (ohne Seil) die steilsten Bergwände hochklettern.

Am 3.6.2017 schaffte der 33-jährige Alex Honnold als erster die Granitwand des El Capitan in knapp 4 Stunden. Es war ein Spiel mit dem Tod, denn nur Millimeter trennten ihn vom Absturz in die Tiefe. Seither hat Honnold den Capitán mehr als 80 Male bestiegen. Im Juni letzten Jahres stellte er mit seinem Freund Caldwell einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf: in zwei Stunden und zehn Minuten nach oben. Kurz vor diesem Ereignis waren zwei erfahrene Kletterer, die einen neuen Rekord im Synchron-Speed-Climbing aufstellen wollten, in den Tod gestürzt.

Zu seinem Risiko sagt Honnold selbst: „Natürlich kann ich während des Kletterns darüber nachdenken, dass ich fallen könnte. Aber ab einem gewissen Punkt kenne ich jede kleine Bewegung so gut, dass ich weiß, ich werde nicht abstürzen. Mein Körper hat das drauf, und deshalb bin ich auch emotional bereit. Ich weiß, dass ich es schaffe.“

Quelle:
https://lo.la.welt.de/user/redirect?redirectUrl=https%3A%2F%2Fwww.welt.de%2Fvermischtes%2Fplus186089140%2FKletterer-Alex-Honnold-Millimeter-vom-sicheren-Tod-entfernt.html&ticket=ST-A-1763042-GKOw3OeX5kJssuaFpbrA-sso-signin-server