Just a broken guy

15.8.2018

Am 10.8.2018 beschloss der 29-jährige Richard Russell, die an seinem Computer-Flugsimulator erworbenen Fähigkeiten in der Wirklichkeit auszuprobieren.

Als Angestellter des Ground Service am Seattle-Tacoma International Airport hatte er Zugang zum Flugfeld. Er marschierte zu einer im Wartungsbereich geparkten 76-sitzigen, Twin-Engine Turboprop Maschine vom Typ Bombardier Q400, einem Flugzeug der Horizon Air Fluggesellschaft. Der Zugang zum Cockpit war nicht abgesichert, so dass Richard ohne weiteres im Pilotensitz Platz nahm.

So wie am Simulator gelernt, startete er die Propellertriebwerke, nahm ein paar Kontrollen vor, und zog dann den Schubhebel zu sich. Gegen 20 Uhr hob die Maschine ab. Sie sollte fast 90 Minuten lang in der Luft sein. In dieser Zeit probierte Richard - genau wie am Simulator - verschiedene Flugmanöver aus.

Nur zwei Minuten nach dem Start stiegen zwei F15 Kampfflugzeuge vom Portland Military Airfield auf. Kurze Zeit später waren sie bei der Bombardier angelangt und nahmen die Escort-Position ein, eine links, eine rechts. Inzwischen gab es Funkkontakt zwischen dem Tower in Seattle und dem Piloten Richard.

Direkt nach dem Start hatte es von dort scharfe Anweisungen gegeben, sofort umzukehren und zu landen. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Controller noch nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Die Gefahr bestand, dass es sich um einen terroristischen Akt handelte. Später teilte Sheriff Paul Pastor (Pierce County) der Presse mit, dass dieser Flug “a joy ride gone terribly wrong” war und Beobachter am Boden Videoaufnahmen von waghalsigen Manövern wie Loopings und Rollovers über dem Puget Sound in Sichtweite der Stadt Seattle gefilmt hatten.

Im Flug kommentierte Richard Russell den schönen Ausblick auf die Berge, dann plötzlich die drohende Aussicht eines Gefängnisaufenthalts, und nach einem Blick auf die Kontrollinstrumente schockiert den niedrigen Kerosinlevel. Er wolle sich doch nur entspannen beim Fliegen (hoped to have a “moment of serenity” in the air), aber alles ginge so schnell vorbei. Er sprach über Flugmanöver und fragte sich, ob das Flugzeug zu einem Looping fähig wäre, den er dann tatsächlich flog.

Die ganze Zeit hörten die Offiziellen im Tower zu. Inzwischen waren die Internetmedien dazugekommen, vor allem aufgrund der von den Beobachtern am Boden an YouTube gesendeten Videoaufnahmen und ihren Kommentar-Tweets.

Die Audioaufzeichnung gibt die letzten Äußerungen Richards wieder. Er entschuldigt sich dafür, dass er viele Leute enttäuscht, weil er das getan hat. Und dann: "I would like to apologize to each and every one of them. Just a broken guy, got a few screws loose I guess. Never really knew it until now.”

Als ihn der Controller im Tower aufforderte, das Flugzeug zu landen, geriet er ins Stottern. "I don’t know man. I don’t know. I don’t want to. I was kind of hoping that was gonna be it.”

Die Bombardier schlug auf der Insel Ketron südwestlich des Flughafens auf. Damit ging das Leben von Richard Russell zu Ende.

Er muss sich bis zum Schluss in einem völlig irrealen Traum befunden haben. Sehenden Auges ging er in den Tod. Die Frage, ob er sich dessen bewusst war oder vielleicht in einer simulierten Situation sah, die man mit dem <AUS>-Knopf beenden kann, bleibt unbeantwortet.