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18.1.2017

1962, vor 55 Jahren, ersannen die Informatiker J.C.R. Licklider, Leo Beranek, Richard Bolt und Robert Newman am MIT* Konzepte für ein „Intergalactic Computer Network“ und schufen damit die Grundlagen für das world wide web (www) von heute. Damals sollten mehrere Universitäten über ein dezentrales Netzwerk verbunden werden. 1969 vergab die ARPA* den Auftrag zur Entwicklung und Realisierung eines Netzwerks an die Firma BBN*. Daraus entstand das ARPANET*.

Ein Jahr zuvor war schon das Konzept der „packet switching“ Datenkommunikation entwickelt worden, heute die Grundlage der Datenübertragung im Internet (siehe dazu auch website). Dieses Paketvermittlungsverfahren ermöglicht das Funktionieren des Internets auch bei großflächigen Ausfällen oder Störungen von Computern und Teilnetzen. Das Internet ist ein dezentrales und autonomes System.

Ein Mykorrhiza-Netzwerk mit 67 Bäumen (grüne Punkte) [1]

Lange vor dem Internet, nämlich vor hunderten von Millionen Jahren, entstand ein Pilzgeflecht im Waldboden, das Baumwurzeln vernetzt. Pilze und Pflanzen bilden unter der Erde eine Symbiose (Mykorrhiza) zu beiderseitigem Nutzen. Die Pilze unterstützen die Bäume durch die Versorgung mit Wasser, Stickstoff und Phosphaten und erhalten im Gegenzug Produkte der Photosynthese wie Glukose. Es zeigt sich, dass junge Bäume auch ohne Gegenleistung unterstützt werden. Eine detaillierte Untersuchung und Darstellung der Vernetzung von Bäumen, 67 an der Zahl, findet man in [1].

Neuere Forschungen vermitteln die Erkenntnis, dass das Mykorrhiza-Netzwerk nicht nur dem Stoffwechsel dient, sondern auch der Signalübertragung zwischen den angeschlossenen Partnern [2]. Bei einem Überfall durch Schädlinge werden die Pflanzen im Netzwerk gewarnt und können rechtzeitig Gegenmittel zu ihrem Schutz bereitstellen [3]. Junge Pflanzen werden an das Netzwerk angeschlossen, registriert und aufgepäppelt. Sogar Baumstümpfe von längst gefällten Kameraden werden stellenweise über Jahrhunderte am Leben gehalten. Warum, das ist bislang unergründet. Ermöglicht wird das Weiterleben durch eine Zuckerlösung, die ein Baumstumpf von seinen noch intakten Baumnachbarn über die Wurzeln verabreicht bekommt.

Ein lokales Mykorrhiza-Netzwerk wird als wood wide web (www) bezeichnet. Es ist ein dezentrales und autonomes System, das auch bei Ausfall (Absterben) maßgeblicher Komponenten, meist älteren Bäumen, weiter funktioniert. Ist das wood wide web deshalb ein soziales System? Die Einen sprechen von einem „sozialistischen Wald“, der sich um seine Mitglieder kümmert, und wo wohlhabende Bäume ärmere Pflanzen unterstützen - die Anderen sprechen von einem „kapitalistischen Wald“, in dem der Eigennutz vorherrscht [4]. „Streit gibt es zwischen denen, die meinen, dass da im Boden eine Marktwirtschaft existiere“, sagt Edith Hammer, „und jenen, die an ‹Sozialismus› glauben.“ Für die Marktwirtschaft spricht, dass sich nur Pilze und Pflanzen verbinden, die sich gegenseitig am schnellsten am meisten zum besten Preis geben können. Dagegen spricht, dass alle so miteinander verbunden sind, dass sie sich gegenseitig unterstützen [5].

Fest steht, dass dafür - unabhängig vom gesellschaftlichen System im Waldboden (Marktwirtschaft, Sozialismus, Kapitalismus) - ein gut funktionierendes Kommunikationssystem existieren muss. So betrachtet hat uns die natürliche Evolution wieder einmal vorgemacht, wie es geht. Mit der Einschränkung, dass das wood wide web eben nur lokal wirkt, während das von Menschen erdachte world wide web weltweit aktiv ist.

Vor kurzem tauchte ein Nachricht auf, die zur Zeit für viel Aufregung sorgt.

Im international bedeutendsten Informationskanal (Twitter) erschien der Häschtäg #earthcreatures mit einem Twiet von Dana Field, in der sie meldet, sie habe Erdkreaturen gesehen. Inzwischen hat sie eine Million Follower und einen regelrechten Haip ausgelöst. Millionen von Menschen weltweit gehen in die Wälder und suchen im Pilzgeflecht nach den Kreaturen, immer das Bild vor Augen, das ihnen Dana übermittelt hat.

Earth Creatures im Pilzgeflecht

Eine gewisse Plausibiltät ist der Meldung von den Erdkreaturen zuzubilligen. Warum sollten sich in einer Umgebung, die Nahrung, Schutz, und Informationen bietet, nicht menschenähnliche Wesen entwickelt haben. Evolutionstechnisch ist bekanntlich alles möglich. Dass ausgerechnet Dana* die bislang noch nie gesehenen Kreaturen entdeckt hat, ist natürlich Zufall. Irgendwann musste das passieren. Sie hat allerdings den Ort ihrer Entdeckung noch nicht preisgegeben. Schon wird sie deswegen angegriffen.

Der Deutsche Forstverein, ehemals Reichsforstverein, hat jetzt reagiert. Präsident Carsten Wilke sagte gestern bei einer Pressekonferenz in Schwerin: „Der deutsche Forst weist eine unübersehbare Vielfalt von Lebewesen auf, von kleinsten Grashalm bis zur mächtigen Eiche. Unzählige Tiere bewohnen den Wald. Die nun berichteten Erdkreaturen sind völlig unbekannt. Eine Umfrage bei allen Forstämtern in Deutschland hat ergeben, dass kein einziger Förster solche Wesen jemals gesehen hat. Deshalb erklärt der Deutsche Forstverein mit Bestimmtheit, dass es Erdkreaturen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gibt. Jede anderslautende Behauptung ist Spekulation“. In der anschließenden Befragung durch die anwesenden Journalisten gab Wilke allerdings zu, dass die Behauptung, etwas existiere nicht, immer auf schwankendem Grund stehe. Hinter seiner Verlautbarung stehe jedoch die mehr als hundertjährige Erfahrung der Deutschen Forstmänner.


*MIT Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, MA
*ARPA Advanced Research Projects Agency
*BBN gegründet 1948 von Bolt, Beranek & Newman
*ARPANET Advanced Research Projects Agency Network
*Dana ist kein unbeschriebenes Blatt. Vor zwei Jahren war sie aktives Mitglied der beinahe-kriminellen #kätschitt-Banden, siehe dazu den Aufsatz Kätschitt.

Quellen:
[1] http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1469-8137.2009.03069.x/full
[2] Peter Wohlleben (2016) Das geheime Leben der Bäume
[3] http://tellurianstudies.weebly.com/introduction-to-the-wood-wide-web.html
[4] http://www.newyorker.com/tech/elements/the-secrets-of-the-wood-wide-web
[5] http://folio.nzz.ch/2014/august/wood-wide-web
weitere:
https://de.wikipedia.org/wiki/Arpanet
https://de.wikipedia.org/wiki/Mykorrhiza
Internet erklärt: http://www.p-domain.de/aufsaetze/website.html

Nachtrag 23.8.2017

Ian Baldwin am Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie in Jena erforschte über viele Jahre das Kommunikationssystem der Bäume und stellt fest: "Pflanzen können genauso interessant, reich, komplex, schlau, klug oder sexy sein wie Menschen. Um eine Pflanze zu verstehen, ist es der beste Weg, selbst gedanklich zu einer Pflanze zu werden".

https://www.welt.de/wissenschaft/article167921731/Diese-heimlichen-Gespraeche-fuehrt-der-Wald.html