Das Blumenbeet

1.6.2020

Einer unserer Korrespondenten, Antip Sorokin, hat uns ein schockierendes Schreiben geschickt. Während Antip normalerweise über die Eigenarten der Technik und ihr Verhältnis zum Menschen und umgekehrt berichtet, fokussiert er sich in seinem Text auf ein Problem, auf das er erst jetzt gestoßen ist, und zwar durch Beobachtung. Er hat festgestellt, dass seit einigen Jahren keine Spinnen mehr seine Wohnräume und speziell sein Schlafzimmer besuchen. Früher waren sie beständige Eindringlinge, wie schon im Ratgeber Tiere "Sicherheit" beschrieben, doch heute glänzen sie nur noch durch Abwesenheit.

Antip forschte nach der Ursache und wurde bald fündig. Den Spinnen ist schlicht und einfach die Nahrung ausgegangen. Keine Insekten mehr, keine Spinnen. Die Rede ist vom Insektensterben. Hierzu [2]:

Ein Schwund der Insektenanzahl gilt in der Ökologie als besonders problematisch, da Insekten vielen anderen Arten als Nahrung dienen, beispielsweise zahlreichen Amphibien, Vögeln und Fledermäusen. Ein Rückgang der Insektenpopulationen gefährdet somit auch viele andere Arten in ihrem Bestand. Zudem ist die Bestäubung durch Insekten für viele Pflanzen, darunter zahlreiche Nutzpflanzen, unverzichtbar.

Die Folgen sind dramatisch. Geradezu ein Klagelied ist die Mitteilung von E.P.Dörfler [2]:

„Ich vermisse die Balz der Großtrappen auf den Feldern. Ich vermisse die Rufe des Braunkehlchens, das Trällern der Feldlerchen und der Goldammern. Ihnen fehlen die Insekten als Nahrung. Die Küken sterben einen leisen Tod, und niemand bemerkt diese Tragödie. Nur die Stille auf den Feldern wirkt bedrückend.“

Also die Vögel. Antip berichtet, wie er Ausschau hielt nach Vögeln in seinem Garten hinter dem Haus. Wenige. Außer einigen Amseln nur die über das Haus hinweg ziehenden Schwäne und Störche mit ihren krächzenden Schreien. Die Amsel ist dagegen ein stilles Wesen und pickt im Rasen. Antip: "Wunderbar ist ihr Gesang! Sie trällert ihre Lieder vom Dachfirst aus und es klingt, als ob sie das nur für mich tut".

Antip beschloss, seinen Teil für die Rettung der Umwelt und der Vögel zu tun. Er fing am Anfang der Nahrungskette an: Insekten sollten wieder Einzug halten in seinen Garten. Die Monotonie des gepflegten Rasens sollte unterbrochen werden durch ein Blumenbeet als Heimat für viele verschiedene Insektenarten, einschließlich Schmetterlingen. Antip definierte das Projekt "Das Blumenbeet".

Euphorisch begann er mit der Planung. Das Beet sollte eine 370 mal 247 cm große Fläche haben, also zwei Drittel mal so breit wie lang sein. Diese geometrische Determinante musste anziehend auf Insekten wirken. Dann legte er die Phasen der Bautätigkeit fest. In seinem Schreiben formulierte Antip seine Absicht, die Baufortschrittsberichte an unsere Redaktion zu schicken.

Im Folgenden ist der erste Abschnitt in Bildern zu sehen.

Ausgangslage
Abgegrenztes Beet
Ränder sind ausgehoben
Beet vollständig ausgeschachtet
Beet vollständig eingefasst
Beet mit Muttererde aufgefüllt und Bienenfutterpflanzensamen gesät
Meine Freundin Saskia ist scharf
auf Regenwürmer

Während meinen Arbeiten, schreibt Antip, folgte mir eine Amsel mit dem Namen Saskia auf Schritt und Tritt. Aufmerksam verfolgte sie die stetige Entfernung der Grasnarbe. Auf und im freigelegten Erdboden präsentierte sich für sie das Amselparadies mit reichlich Regenwürmern und Engerlingen. Sie pickte und pickte amselgleich alles was sich ringelte und irgendwie schmackhaft aussah. Wir verstanden uns bald sehr gut. Immer wenn ich zur Ausschachtung anrückte, räumte sie das Feld und besang ohne Pause das Geschehen vom Dach aus. Später klangen ihre Lieder nicht mehr so jubilierend, sondern ein wenig bedrückt, als ob das große Fressen ihr auf den Magen drückte.

Ein paar mal tauchte Mouea auf, des Nachbars Katze, bekannt aus der Beobachtung "Mouea". Die Aktivitäten meiner Saskia interessierten sie sehr. Doch so sehr sie sich anschlich, Saskia blieb unbeeindruckt, wohl wissend, dass Mouea in die Jahre gekommen und entsprechend träge war, und sie selbst eine quicklebendige, wohlgenährte und sportliche Amsel ist.

Als ich das Beet komplett ausgeschachtet und die Rasenmähkanten verlegt hatte, füllte ich das Beet mit 1,5 Tonnen gesiebter Muttererde, strich die Erde glatt, säte Bienenfutterpflanzensamen, zog diesen unter, beregnete die Fläche, und fertig.

Das war der erste Teil unseres Blumenbeetberichts. Sobald die ersten Blümchen zu sehen sind, melden wir uns wieder. Und dann noch einmal mit einem hoffentlich erfolgreichen Ergebnis, das heißt vielen Bienen und Hummeln, die sich nun so richtig satt essen können.


Quellen:

[1] https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/20997.html
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Insektensterben

Nachtrag 20.6.2020:

Da sind die ersten zarten Pflanzen im Blumenbeet. Nicht mehr lange, liebe Bienen!

Es grünt so grün ...

Nachtrag 11.7.2020:

Die Blumen sind schon fast groß. Doch Bienen wurden noch nicht gesichtet. Antip meint, dass sie das Beet noch nicht gefunden haben. Vielleicht fehlen ganz einfach noch die gelben und roten Blumen, die die Bienen wahrscheinlich besser sehen können.

Nachtrag 21.7.2020:

Die Blumen sind schon recht hoch gewachsen. Fast alle sind blau. Gelbe und rote sind leider nicht dabei. Das Beet wird gut besucht von Hummeln. Bienen Fehlanzeige. Wir haben mit Antip gesprochen. Er soll Werbung machen bei den Bienen. Der nächste Statusbericht ist erst für das nächste Jahr geplant, es sei denn, ein Bienenschwarm würde sich verköstigen.

Nachtrag 22.8.2020:

Ganz überraschend sind Sonnenblumen aufgetaucht. Das Blumenbeet hat also selbst die Initiative ergriffen, denn Sonnenblumen sind wahre Leuchttürme für Bienen. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bienenvölker aus Nah und Fern an dieser vortrefflichen Futterstelle eintreffen. Es muss nur weiter beobachtet werden.